Mittwoch, 17. Oktober 2007

Pozsony, Pressburg, Bratislava

Am Sonntag waren wir, das sind Magda, Xabier, Ferran und ich, Pozsony, wie der alte ungarische Name der Stadt lautet. Hier wurden über Jahrhunderte die ungarischen Könige gekrönt. Uns führte aber eine andere Mission: Andrew, aus Neuseeland stammend, hatte am Tag zuvor seinen Flug nach Budapest verpasst und nun stattdessen, da günstiger, einen Flug nach Bratislava genommen. Wir brachen also in aller Frühe zu einem Kurzbesuch in der slovakischen Hauptstadt auf.

So spontan die Idee war, die Vorstellung dass sie sonderlich originell sei zerstreute sich bereits auf dem Bahnhof. Wir trafen, ungelogen, insgesamt fast zehn andere Studenten, die sich just an diesem Tag nach Bratislava aufmachten, meistens nur in Gruppen von zwei oder drei abgesprochen, aber dennoch alle vor Ort. Das wirft Fragen auf: Handelt es sich um eine Spielart des Schicksals? Gibt es eine intersubjektive Kraft, die uns alle an diesem Tag nach Bratislava zog, so wie beim Gläserrücken auf magische Weise die Buchstaben nacheinander auftreten? War Budapest allen simultan zuviel oder zuwenig geworden, so dass sie sich nun an fremden Gütern bereichern mussten? Was war geschehen?

Der Zug nach Bratislava braucht drei Stunden und fährt fort bis Berlin Gesundbrunnen. Diese fernen Orte klingen seltsam, da sie früher so nah lagen, der Rückzug kommt zum Beispiel ganz aus Hamburg. Das Modell ist ein typischer Eurocity, keine Überraschungen, ausreichend bequem und nicht allzuvoll. Wir sind zwar schon gewöhnt an günstige Preise, aber wieder schockt uns die ungarische Freigebigkeit, der Weg nach Bratislava hin und zurück kostet lediglich 3800 Forint, also etwa 16 Euro. Dafür gibt es in einigen deutschen Städten vielleicht gerade eine Tageskarte. Was überrascht ist vielleicht die Grenzkontrolle, mit der man aus Schengenländern kommend kaum noch rechnet, einmal slovakisch, einmal ungarisch, aber alles ohne Probleme. Der deutsche Personalausweis geht scheinbar besonders schnell durch die Kontrolle, sowohl hier als auch am Flughafen. Mit einer halben Stunde Verspätung erreichen wir Bratislava.

Die Stadt verhält sich sehr anders als Budapest. Es gibt einen klassischen Stadtkern, um den sich die Neubauten angesiedelt haben, hier artig getrennt durch die Donau. Jenseits des anderen Ufers ragen sozialistische Neubauten in großer Anzahl empor, aber in dieser konsequenten Verbreitung wirken sie nicht so verfehlt und deplatziert wie teils in Deutschland. Wahrscheinlich ist es auch die Distanz. Der Stadtkern ist, was reguläres Leben angeht, tot. Doch treiben natürlich die Touristengruppen ihr untotes Unwesen, zähflüssige Blobs die schleichend und kriechend durch den Kern wabern. Ungefähr zwei Drittel der Führungen sind auf Deutsch, was angesichts der Steinwurfdistanz nach Wien nicht sonderlich überrascht. Abgesehen von diesem Phänomen, dass Touristen andere Touristen anfeinden, da sie das "Original" des Orts verschandeln, ist die Stadt aber sehr schön. Wir sehen einige weltbekannte Straßenzüge, Tore, die Donau und das Opernhaus. Später steigen wir empor zur Burg über der Stadt, die wieder einen sehr guten Ausblick über die Donau bietet. Besonders hübsch gestaltet sich die große neue Brücke mit Ufo-Restaurant, die sich elegant über den Fluss legt. Um mich nicht in ineffektiven Beschreibungen zu verlieren, hier nochmal der Link zu meiner fotographischen Dokumentation.

Den Zweck unseres Besuchs haben wir dann schließlich doch noch erreicht: Wir haben Andrew aus Neuseeland, der derzeit an der Uni Uppsala studiert, eingesammelt und heil mit nach Budapest gebracht. Dabei machte er schon erste Bekanntschaft mit slovakischen Fahrkartenkontrolleuren (35€ für eine Fahrt) und mit dem - zugegeben - recht guten Bier im Ort. Seinen Berichten zufolge hat er bereits 11-12 europäische Länder bereist in der Zeit die er in Europa verbracht hat, eine Art Fähnchensammeln auf dem Halbinselkontinent. Ein sehr umgänglicher Mensch, in jeder Lage bereit "awesome" zu sagen, kollegial und trinkfreudig. Heute ist er schon wieder weitergereist, nach Brüssel. Einen wichtigen Tip hat er hinterlassen: Angeblich ist es möglich, in einer Gemeinde von Couchsurfern eine Mitgliedschaft zu erwerben, und sich rund um die Welt auf Couches einzunisten, natürlich mit entsprechender eigener Gegenleistung. Damit keiner das System missbraucht kann man Rezensionen zu Besuchern schreiben. Andrew würde ich eine gute geben, aber ist dies nicht ein furchtbares Werkzeug? Ruinierte Leben wegen einer schlechten Couchrezension? Keine Besucher mehr solange Web 2.0 existiert? Denkt an die armen Wale!

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Bei Deinen herrlichen Berichten vermisse ich die kurzen Distanzen in Europa wirklich sehr. Hier ist das alles immer ein größerer Aufriss und mit Automieten oder Flubuchen verbunden. Aber ich kriege das mit dem Reisen auch noch hin.

Diese Website ist übrigens Realität: http://www.hospitalityclub.org/ Ein Freund von mir ist dabei und begeistert.

Aesop hat gesagt…

Die Webseite die mir empfohlen wurde war tatsächlich couchsurfing.com, aber auch hospitalityclub klingt vielversprechend.