Samstag, 15. Dezember 2007

Vortrag, Vorfreude

Die letzte Woche habe ich mich dem Phänomen Foucault gewidmet. Ich denke die Bezeichnung ist angemessen, bedenkt man wieviel Wirbel sein erster großer Erfolg, les mots et les choses in Frankreich verursachte. Selbst die große Ikone J.P. Sartre ließ sich zu einer Antwort auf die Provokationen Foucaults bewegen, übertitelt mit "Sartre répond". Dem zuvorgegangen waren Interviews, in denen Foucault, auf Basis seiner neu gewonnenen intellektuellen Anerkennung, Sartre und ähnliche Philosophen als Menschen des 19. Jahrhunderts bezeichnete, die verzweifelt versuchen, eine Erklärung für das 20. Jahrhundert zu finden.

Wie kam ich dazu? Scheinbar findet in dem Doktorandenseminar, in dem ich bis jetzt eine Ecke der roten Couchgarnitur im Zimmer meines Betreuers hier vor Ort besetzte, die Ohren spitzte, und mich der Illusion hingab, dass hier lauter hochinteressante Gegenstände in wahnsinnig präziser Weise verhandelt werden - da ich ja nicht alles verstand und Aufmerksamkeit für Spracherwerb nun eben vonnöten ist, am Ende jedes Semesters eine kleine Konferenz statt. Mitten in diese gesellige Isolation, die ich jeden Donnerstagmorgen betrieben habe, wurde ich letzte Woche gefragt, ob ich einen Vortrag zu Foucaults klassischer Episteme halten möchte, auf jener Konferenz. Das habe ich nun also gestern gemacht. Zunächst im gebrochenen Ungarisch erklärt, dass ich sehr gerne einen Vortrag in der Landessprache halten wollte, es mir aber leider noch nicht möglich ist, dann über den Status der Foucault'schen Hypothesen über die klassische Episteme geredet. Was ich versucht habe zu beschreiben ist eben das, die Verwirrung und Faszination die aufgrund eines so unbestimmten Modus des Sagens aufkommt. Denn Foucault versucht eine Form des Hinweisens auf das unbewusst zugrunde Liegende. Da gibt es vielleicht viel auf der Oberflächenstruktur zu kritisieren, aber das bleibt eben Oberfläche.

Der Vortrag wurde - so würde ich es beschreiben - wohlwollend angenommen. Insgesamt habe ich zwei Gesichter gezählt, die sich mir aufmerksam zuwandten, es gab ein-zwei höfliche Nachfragen, die mein generelles Projekt lobten, aber keine wirkliche Diskussion. Das war nicht weiter verwunderlich, weil mein Vorgänger sein Referat über Kant, Foucault und Aufklärung (felvilágosodás im Ungarischen) masslos überzogen hatte und die versammelte Mannschaft schon etwas in den literarischen Seilen hing. Das Abschlussreferat des Foucaultspezialisten aus Szeged, der extra für diesen Anlass eingeflogen wurde, wurde dementsprechend kommentarlos hingenommen während die fleißigen Studenten schon ihre Sackerl packten. Dass dieser Spezialist kein Deutsch sprach sondern nur Ungarisch und Französisch, vielleicht trug das auch zum Mangel an Debatte nach meinem Vortrag bei.

Heute schneit es wieder, wie gestern, was für Budapester Verhältnisse ein Rekord ist. Zur Feier des Tages war ich gestern Schlittschuhlaufen, hinein in die Welt der verblichenen Sommerhits und der posenden Hiphopkiddies. Nun, diese Schlittschuhkiddies sind nicht wirklich Hiphopper, sonst würden sie sich die Lärmbelästigung auf der Eisbahn ja nicht antun, aber in Essentiam legen sie das gleiche Verhalten an den Tag, die coolen Posen, messerscharf andere Läufer schneiden, in Baggypants kreuz und quer durch den Berufsverkehr. Trotzdem hat es mir Spaß gemacht, danach gekocht und den erfolgreichen Tag gefeiert. Es ist noch etwas seltsam aus der Geschäftigkeit, die mich auch in die Bibliothek der Akademie führte, wieder in die Entspannung zurückzukehren, nicht viel zu tun zu haben. Nun, vielleicht Weihnachtsgeschenke besorgen.

Heute Abend findet bei uns in der Wohnung eine kleine Party statt, in Gedenken an die Erasmusstudenten die uns - viel zu früh - um Weihnachten herum verlassen. Dieser Gedanken, insgesamt nur vier Monate hier zu sein - das wäre deprimierend, aber zum Glück gehöre ich zu den neunmonatlichen Privilegierten. Haben wir es gut.


Mittwoch, 5. Dezember 2007

Ein Update in Bildern

Seit meinem Geburtstag ist ein bisschen was passiert, aber bisher hatte ich keine Lust zu dokumentieren. In Kürze: Ich habe am letzten Donnerstag ein ungemein mitreißendes Livekonzert besucht bei dem ich abgetanzt bin wie ein epileptischer Teenager, danach war ich ein wunderschönes Wochenende lang in Wien und finde mich derzeit wieder in Budapest ein. Gestern haben wir die Klausur in unserem Sprachkurs geschrieben, heute habe ich sie wiederbekommen. Gerade habe ich auch das letzte Viertel eines gigantischen Steinofenbrots verzehrt, von dem ich die Rest aus österreichischen Landen mitgebracht habe. Dazu die gute ungarische Salami, die ich inzwischen gefunden habe. Wunderbar.

Da ich nicht nur schreibfaul geworden bin sondern auch fotosortierfaul war ich sehr dankbar dass mich heute Kasia ein wenig angestoßen hat. Daher präsentiere ich die Werke der letzten Wochen. Darauf sind größtenteils Straßenszenen zu sehen, die unter Umständen nicht allzu interessant sind, falls sie dennoch gefallen bitte ich um irgendeine Rückmeldung. Ich bin mir noch nicht ganz im Klaren darüber, wo ich mit der Photographie hinwill und ob ich irgendwie mich damit ernsthaft beschäftigen werde.

Also, die Alben:
  1. Eindrücke aus meinem Bezirk beim (hier sehr seltenen) Schneewetter
  2. Fotos eines Wochenendbesuchs in Szeged
  3. Dämmerungsstimmung von einem kleinen Spaziergang auf den Gellérthegy
  4. Und, da ich von einigen Stellen gefragt wurde: Bilder die eine Annäherung an die Vorstellung erlauben, wie ich im Moment so aussehe.

Und, aus weiterem Enthusiasmus: Das ist die Band die ich am Donnerstag gehört habe:


Mittwoch, 28. November 2007

Geburtstagsfreuden

Gestern bin ich also 25 geworden. Und die Welt hat sich dennoch weitergedreht. Der Tag begann bereits um zwei nach zwölf, als meine Mitbewohnerin Magda mit einem Schokoladenkuchen und fünf darum dekorierten Teelichtern mein Zimmer betrat.

Tagsüber habe ich dann gemacht, wozu ich sonst keine Zeit finde, in diesem Fall: Kürbissuppe kochen. Mit Paprika, Ingwer, Zitrone, genau das richtige für die - doch etwas kälter gewordenen - Budapester Wintertage. Zwischendrin kam noch ein Paket aus Deutschland an, von meinem Herrn Vater, das mich auch sehr erfreut hat. Anbei lag ein Brief aus ungarischen Sätzen. Ich freute mich schon sehr, dass mein alter Herr meinem Beispiel folgte und auch etwas Ungarisch lernte, es handelte sich aber bei genauerem Hinsehen um Sätze aus dem beigefügten Sprachführer, mit einigen putzigen Verschreibern. Bereits einige Tage vorher war mein "Geschenk" aus Tübingen angekommen: Kasia hatte mir bei meinem Besuch um Februar eine Probe ihrer Strickkunst versprochen und inzwischen werde ich von einem sehr hübsch blau-weiß-grau gemusterten Schal warm gehalten.

Dienstags habe ich ansonsten Metaphysikvorlesung und Sprachkurs, beides lief recht ereignislos, bis auf einen Fall von "Cocktail oder Pizza" im Kurs, der aber für die Mitwelt nicht unbedingt von Belang ist. Danach hatten wir eigentlich ein kleines Abendessen bei uns in der Wohnung geplant. Bereits bei anderen Gelegenheiten habe ich bestimmt erwähnt, dass sowas nie klappt. Die zweite Magda, die polnische, hatte auch einen Kuchen vorbereitet (irgendwie muss es am Namen liegen), und ein Treffen mit dem zweiten Geburtstagskind, Fatima, organisiert, wo dann noch ganz viele andere Leute dazukommen sollten. Wie Logistik so ist, die einzige Möglichkeit für mich, Freunde, Kuchen und Suppe zu verbinden war, sie in unsere Wohnung einzuladen. Dort fand sich also nach und nach das übliche dutzend Gäste ein.

Auch wenn ich inzwischen ein wenig überrascht bin von der Unmöglichkeit, nur zu dritt zu Abend zu essen, fand ich das ganze doch irgendwie schön, soviele liebe Glückwünsche und noch einige sehr passende Geschenke. Zu nennen: Eine Tafel Karamelschokolade von Judith, und mein persönliches Highlight des Tages von meinen Mitbewohnern. Sie heißt Hering mit Nachnahmen, kommt aus Brasilien, befindet sich in einem glänzenden Zustand, braucht relativ wenig Pflege und macht wunderbare Laute: Meine neue Mundharmonika! Somit steht meiner Karriere als Bob Dylan von Ungarn nicht mehr viel im Weg, nur müsste ich noch lernen, während des Gitarrespielens zu singen. Das ganze erstreckte sich dann bis kurz nach zwölf, so dass mein Geburtstag auch schon wieder vorüber war. Ich habe mich sehr über die vielen guten Wünsche gefreut, die mich per Email, StudiVZ, Brief, Telefon und persönliche Handgebe erreicht haben.

Sonntag, 18. November 2007

Schneeregen

Es ist Sonntag. Es regnet. Ich sitze im Haus. Ich liebe meine Mitbewohner, ich liebe sie wirklich, doch dass sie mir bei ihrem Aufbruch nach Debrecen und Wien keinen Krumen Brot im Haus gelassen haben, darüber könnte ich mich doch ein wenig echauffieren, besonders das Roggenbrot, das ich Freitag noch hoffnungsvoll zurückgelassen habe, liegt mir jetzt [nicht] schwer im Magen. Daran, dass ich diese Entwicklung nicht verfolgen konnte ist unschwer zu entnehmen, dass ich auch auf Reisen war. Ich habe ein mehr oder weniger aufregendes Wochenende in Szeged verbracht, nur für mein Ungarisch war es definitiv gut. Der Reihe nach.

Nach meiner exzessiven Reise nach Deutschland war dies die erste "reguläre" Woche, mit dem echten Budapest-Gefühl und ohne die Verwirrung die direkt nach Wiederankunft über mich gekommen war. Eine typische Woche in Budapest sieht für mich ungefähr so aus:

1. Montag bis Donnerstag Morgen fleißig sein.
Das schließt reguläre Arbeit in der Bibliothek ein, wo ich entweder Texte in Vorbereitung auf meine Donnerstagsveranstaltung lese, die an leseintensivsten ist, oder eben meinen griechischen Text weiter übersetze. Inzwischen geht das schon wieder ganz gut, mir kommt das Gefühl für die Sprache zurück und der Text den wir vor uns liegen haben ist nicht allzu kompliziert, sehr hellenistisch-einfach geschrieben, sehr geradeaus gedacht. Wir graben in diesem Text an den Wurzeln des mittelalterlichen Platonverständnisses, wie aus den - mehr oder weniger eindeutig geschriebenen - Dialogen Lehrmeinungen wurden, und platonische Doktrinen. Für das Seminar am Donnerstag lese ich, wie bereits irgendwann erwähnt, ideengeschichtliche Texte, die alle etwas damit zu tun haben, wie sich das Phänomen "Neuzeit" ausbuchstabieren, erklären und auch zu einem gewissen Grade rechtfertigen lässt. Ich fühle mich dort immer noch sehr wohl und habe in der letzten Woche viel Respekt für Spinoza gewonnen, werde also wahrscheinlich mein Latein ausgraben und ein wenig in Originaltexten stöbern.
Es überrascht mich ehrlich, dass ich es in Budapest deutlich besser schaffe mir Arbeiten fest vorzunehmen, zeitgerecht auszuführen, auch mal ein wenig extra zu tun. Wer weiß, in Berlin war ich besser eingerichtet im Alltag, fauler und hatte mehr Reisezeiten - hier ist das ganze wie eine zwanglose Muße, mit neuen Entdeckungen in jeder Woche. Distanzen spielen hier auch eine Rolle: Wenn man den Eindruck hat, in 15 Minuten in der Bibliothek sein zu können, und dann mit der Arbeit anfangen zu können ist das wesentlich motivierender als sich durch den Berliner Großstadtdschungel zu quälen. Das einzige was ich hier vermisse ist die Musikwissenschaft, wo ich leider noch keine Kurse besuche, aber hoffentlich im nächsten Semester.

2. Ab Mittwoch Abend: Konzerten frönen
Und wieder waren es kulturelle Faktoren die mich zur nationalen Konzerthalle lockten. Dass ich in einem jüngst ausgefüllten Fragebogen noch nachdenken musste, was mein Lieblingsgebäude in Budapest ist, das stimmt mich jetzt eher verwundert: Die nationale Konzerthalle ist ein wunderbarer Neubau, meist in einem verlockenden blauen oder lilanem Licht angestrahlt, birgt das Nationale Festivaltheater und die nationale Konzerthalle, und könnte mir gerne zum zweiten Wohnort werden, wenn es nach mir ginge. Diese Woche war polnisches Intermezzo angesetzt, zwei Konzerte in denen namhafte polnische Jazzmusiker mit amerikanischen Koryphäen zusammenspielten. Dabei kam es zum zweiten Wiedersehen, das mich an den Herbst 2004 erinnerte: In einem früheren Eintrag hatte ich erwähnt, dass der Bandleader einer der ersten Jazzgruppen die ich in Budapest gehört habe auch das BJJO bei meinem Praktikum dort geleitet hatte. In dem Konzert spielte nun der Dirigent des LJO (Luckman Jazz Orchestra), des zweiten Orchesters das damals an dem Projekt teilgenommen hatte - hier allerdings auf der Flöte zu hören. Das Konzert war sehr spirituell gehalten - die Musiker variierten über alte Kirchengesänge, ingesamt drei verschiedene Variationen von "Salva Regina" waren zu hören. Eine wundervoll meditative Musik, in der sich die Darsteller zum großen Teil altruistisch dem Klang unterordneten und damit einen wunderbaren Effekt erzielten - zugegeben, die Bühnenbeleuchtung im Hintergrund roch ein wenig nach Kitsch, die Ansagen waren schon fast ultra-christlich, aber insgesamt hatte alles noch ausreichend Stil und war nicht zu "gagyi (Schreibweise?)", was auf ungarisch soviel wie "silly", "albern", "übertrieben und peinlich" heißt (Aussprache: godji). Das Konzert am Donnerstag war dagegen etwas enttäuschend - so gute Musiker, und so schlechter Sound. Beginn: Solovioline, hübsche Melodie, aber total übersteuert und zu laut. So kann man gute Musiker verschwenden ...

3. Ab Donnerstag: Ausweg aus der Stadt suchen
Wochenends versuche ich meistens ein wenig unterwegs zu sein. Nicht dass Budapest ganz fürchterlich wäre, aber hier im Land gibt es noch sehr viel zu sehen und Budapest wartet ja auch geduldig auf die Besucher, denen und mir ich dann die Stadt zeigen kann, wenn sie da sind. Also zieht es mich in die Randgebiete. Was demnächst noch aussteht ist etwa Szentendre, eine der sehr alten Städte an der Donau, wo es ein wunderbares Marzipanmuseum geben soll - so etwas die Madame Tussauds in London, nur halt mit Figuren aus Marzipan. Früher oder später muss ich auch noch unbedingt nach Transylvanien (was ja schon länger Rumänien ist), von dort hat mir Magda, meine Mitbewohnerin, wunderschöne Bilder gezeigt. Wahrscheinlich ist es Januar oder Februar so weit, dann habe ich nämlich 1 1/2 Monate frei, vielleicht nur versetzt mit ein paar Prüfungen oder Hausarbeiten. Dieses Wochenende war ich in Szeged, was nicht sonderlich spektakulär war (wie oben angedeutet). Der Cognac war gut, habe viel Sprachpraxis bekommen, diverse Zerfallsprodukte angemerkt, Tom Hanks auf Ungarisch in Cast-Away gesehen, aber das wars dann auch schon.

4. Zwischendurch: Wundern wo die Zeit geblieben ist
Inzwischen bin ich seit drei Monaten in Ungarn. Was als Zeitraum nicht nach viel klingt ist in Hinsicht der Gewöhnung und Einstellung auf diesen Ort eine Zeitreise. Wenn ich an einigen Orten vorbeigehe erinnere ich die ersten Tage - als der Aktionsradius noch so klein war, als ich mich an einigen bekannten Orten lang gehangelt habe, keinen Überblick hatte, ein wenig Angst, mich zu verlieren. Immer neue Ecken entdeckt habe, oder vielmehr auch die alten Ecken wiederentdeckt, durch das Philosophieinstitut geirrt und kaum ein Wort Ungarisch verstanden - das ist jetzt alles vorbei, inzwischen gehe ich mit der Stadt ähnlich souverän um wie mit Berlin, aber irgendwie kommt es mir schade vor, dass dieses Adrenalin, diese erste Welle der Aufregung verflossen ist und langsam vom Alltäglichen überlappt wird.

Samstag, 10. November 2007

Beschallung

Es ist jetzt erst eine Woche seit ich wieder in Budapest bin aber die Tage fühlen sich deutlich voller an als vorher - vielleicht aber auch nur verglichen mit der entspannten Traumwelt die in Deutschland war. Auf jeden Fall habe ich die Angewohnheit mitgenommen, den Tag ein wenig mehr zu nutzen und freue mich darüber sehr.

Die anfänglichen Schwierigkeiten, wieder in die Sprache hineinzukommen, haben sich inzwischen gelegt und ich spreche wieder relativ verständliches Ungarisch. Eine Sache, die mir vorher nicht so deutlich bewusst war und es langsam wird ist, dass man im Ungarischen einfach sehr präzise sprechen muss. Da die Endungen die Bedeutung des Worts entscheidend beeinflussen darf man nicht, wie im Deutschen, in der Mitte des Worts seine Sprechwerkzeuge entspannen und den Rest des Worts als einen lapprigen Rest herausfallen lassen sondern muss auch am Ende deutlich artikulieren um die feinen Unterschiede in der Bedeutung herauszuarbeiten. Als Übung bin ich inzwischen dazu übergegangen, ungarisches Radio zu hören, mr3 Bartók, ein standesgemäßer Sender mit schöner Musik und hübsch gesprochenen Sprachbeiträgen.

Gestern habe ich zum zweiten Mal das Franz Liszt Kammerorchester gehört, das in der nationalen Konzerthalle spielte. Nach einer kleinen Periode der Unbehaglichkeit, als sich meine Mitkonzertgänger etwas verspäteten, und ich die kostbaren Tickets schon die Donau hinabtreiben sah, war das ganze aber kein großes Problem und wir erwarben drei Tickets zum Semmelpreis (200 HUF = 0,80 Euro). Diesen Erfolg zu feiern hatten wir leider keine Zeit, da das Konzert schon in den Startlöchern stand. Heute auf dem Programm: Beethovens Ouverture zu den Geschöpfen des Prometheus, das Klavierkonzert G-Dur und nach der Pause Schuberts großes Quintett C-Dur.

Die Ouverture war ... nunja, Beethoven. Ein paar einleitende Akkorde, ein schneller Streicherlauf, ein wenig Aufregung, klein bisschen Spannungsaufbau in der Koda, vorbei. Aber auch nicht wirklich aufregend. Spannender war das zweite Stück, das - nebenbei gesagt - bisher auch immer mein Lieblingsklavierkonzert von Beethoven war. Das fünfte ist mir ein wenig zu - sperrig -, zu sehr von diesem heroisch-militaristischen Ton geprägt. Das vierte ist intimer, bescheidener und für mich daher auch zugänglicher. Das heißt aber nicht, dass man es zu lax angehen sollte - was leider bei diesem Orchester am Anfang passierte. Der Pianist, Ránki Dezsö, hatte anfangs einige rhythmische Probleme und wirkte etwas unsouverän, aber langfristig war es dann gut. Dass er in der Kadenz ungefähr 1 1/2 mal so schnell spielte spricht auf jeden Fall dafür, dass auch ihm das Tempo zu entspannt war.

Zu einem gewissen Grade war die Musik selbst eine Nebensache, denn es gab viele andere Dinge zu beobachten. Die Studentenplätze befinden sich in der Konzerthalle im dritten Stock, also etwa zehn Meter über dem Parkett, in luftiger Höhe. Man blickt in die Schallsegel, die wahrscheinlich sehr vorteilhaft wirken. Man hört im Stehen, gelehnt an das Geländer, an einen der flexiblen Dekorationspfeiler. Zwischendurch kommen immer wieder Nachzügler hinein, ein frischer Windstoß verwirrt dann jedesmal. Einmal ist es soweit: Das Programm das ich lose nahe dem Abgrund platziert habe hat genug von seinem flatterhaften Leben, nimmt den Wind zum Anlass und springt ab. Mitten in den spielerisch-turbulenten Schlusssatz des Konzerts flattert ein sich nur mühsam entfaltendes Blatt in den Gang nahe dem Parkett. Das Ganze dauert vielleicht fünf, sechs Sekunden, aber ist ein Moment der zwanglosen Freiheit, die ein seltsamer Zufall, ein nun eingetroffenes, irgendwie schönes, unabwendbares und nun nur noch zu beobachtendes Ereignis, hat. Wie das erhabene Naturschauspiel, dem wir nicht unterworfen sein wollten, es aber mit Ehrfurcht und Interesse verfolgen.

Danach dann das nächste Schauspiel. Wie unter dem Stichwort "Klatschzwang" verhandelt wundern mich manche Sitten in ungarischen Konzerthäusern, obwohl das Rhythmisieren des Geklatsches im Konzerthaus nicht ganz so deutlich ist wie anderswo. Heute fand ich aber eine zweite Sitte, die ich weit mehr mag. Als Musikwissenschaftler kennt man die Berichte, in Chroniken, Biographien, Aufzeichnungen aus früher Zeit: Berichte über ein frenetisches Publikum, das die Vorführenden mit enthusiastischem Applaus dazu bewegt, Teile des Werks zu wiederholen. Egal wie umfangreich der Zuspruch, in Deutschland habe ich das noch nie erlebt. Vielleicht arbeiten alle Orchester nach Tarif im Minutentakt, vielleicht ist es unter ihrer Würde, vielleicht muss sich das Konzert den billigen Unterhaltungsmedien, die Wiederholungen bis zum Grenzwert ausschlachten, widersetzen. In Ungarn hat man diese Ängste nicht. Und so wurde zum Ende des Klavierkonzerts tatsächlich der gesamte dritte Satz wiederholt. Ein sehr schönes Schauspiel, denn Orchester und Pianist gönnten sich mehr Risiko, mehr Fluss, mehr Entspanntheit, wie es eben möglich ist, wenn man schon einmal gezeigt hat, dass man die Leistung erbringen kann, und nun nur noch für sich und zur Freude spielt. Eine sehr schöne Tradition, die ich sehr gerne auch einmal bei den Berliner Philharmonikern sehen würde.

Der zweite Programmblock nahm mich nicht in gleicher Weise mit. Irgendwie stehe ich dem Konzept, ein Stück für vier, fünf, acht Streicher mit einer größeren Besetzung aufzuführen skeptisch gegenüber. Es fehlt ein wenig die kommunikative Dynamik, die direkte Interaktion der Spieler miteinander, die eben Kammermusik auszeichnet. Das Stück wirkt langweiliger, weniger unmittelbar, wenn erst ein Konsens in einer Untergruppe gefunden werden muss und der dann mit einer zweiten Gruppe abgeglichen wird, und so erst das Zusammenspiel entsteht. So wirkt das Stück auch, als hätte es verblüffend wenig Substanz, als hätte Schubert zu dünn komponiert - hat er nicht, er hat nur für den Dialog komponiert.

Donnerstag, 8. November 2007

Morningbell

Inzwischen nutze ich auch die Morgenstunden des Tages, wo die Stadt noch schläfrig ihre Glieder entfaltet und sich in Position ruckelt um den Tag mit einer klammerhaften Umarmung zu begrüßen und nicht mehr loszulassen. Denn der Smog und die dicke Luft nimmt nicht die Stadt in den Griff, die Stadt nimmt die Welt in den Griff und krallt sich daran fest, macht sie zu ihrem Eigen. Die einzige mögliche Erfrischung ist dann der Regenguss, wie man einen Strahl Wasser auf zwei verbissene Hunde, Menschen, Radikalengruppen lenkt.

Die Zeit nutzen die Menschen unterschiedlich. Die Illusion der Ruhe und Abgeschiedenheit lässt sich aber kaum lange aufrecht erhalten. Am Montag habe ich einen Morgenlauf zum népliget unternommen, also zu dem Volkspark, der ein gutes Stück von mir entfernt liegt. Der Weg führte mich die Köbányai út entlang, eine Straße die parallel zu den Bahnschienen die nach Osten führen. Vorher führte mich der Weg den Friedhof entlang, die Fiumei út, wo ich schon einen Nachtspaziergang nach Party verbracht habe und animalische Angstgrundlagen wieder entdeckt. In der Köbányai befinden sich die Chinesen und Gypsies von denen es im achten Bezirk angeblich soviele gibt. Die gesamte Straße besteht aus Lagerhäusern (auf der einen Seite, das andere ist Fabrikgelände), Autoparkplätzen davor, kaufenden und handelnden Menschen. Billige Kleidung, Nahrungsmittel, Schuhe, chinesische Dekoration, bereits um sieben in der Frühe als umfassende Beschäftigung und wahrscheinlich auch Lebensgrundlage. Ich muss mir hin und wieder ins Gedächtnis rufen dass das Innenstadtparadies, in dem ich die meiste meiner Zeit zubringe, mit Kathedrale vor der Haustür, Donau und Parlament nebenan, eben das ist: Ein abgeschlossener Bereich, in dem nicht jeder etwas zu suchen oder zu finden hat.

Der Volkspark ist sehr hübsch, schöner als das Stadtwäldchen das von Zirkuszelten, Wellnessbädern und am wichtigsten, nervigen Straßen durchzogen ist. Im Park ist es ruhig, sonnig, entspannt, irgendwo findet sich ein Feld der Energieproduktion, aber das stört nicht weiter.

Montag, 5. November 2007

Gegenwartssprung

Unsere Reise in den Nationalpark endete also mit einem Tag in Miskolc, nachdem wir ohne Karte fröhlich nach dem Weg gesucht hatten, um 10 vor 10 die Türen der Pizzerien vor die Nase geschlagen bekamen und daher mit Sandwiches und Hamburgern in einer Bar unsere Existenz sicherten. Am Folgetag inspizierten wir noch zwei Attraktionen: Eine alte Burg, die auch auf dem zweihundert Forintschein abgebildet ist.


Auf dieser Burg kletterten wir ein wenig herum und sahen uns echt antike Ritteruniformen und den Weg einiger Heiligen in die Hölle an. Ein wenig Kinderspielplatz zum Abschluss. Von dort migrierten wir zum Höhlenbad (barlangfürdö auf ungarisch), wo wir noch zwei recht kurzweilige Stunden verplantschten. Sehr exotisch war es leider nicht, Chlorwasser in angenehmem Ambiente. Wir fielen also in den Zug nach Budapest, schliefen und tauschten uns über ästhetische Konzepte aus.

Das war vor etwa zwei Wochen, daher ein schneller Überblick über die Zwischenzeit. Kurz im Anschluss war ich auf der StA-Sitzung bei Oberurff, genauer gesagt bei Kassel in der Jugendherberge von Melsungen. Um 7 Uhr morgens waren sie schon recht freundlich und offerierten mir das Teebuffet das mit Exotik nicht geizte aber darüber solide Grundlagen vermissen ließ - wer braucht schon Winterzimt, Vanille-Rhabarber und Cola-Tee (sic!) wenn keine Kräuter, Hagebutte, grüner Tee vorhanden sind? Die Sitzung insgesamt war lang, etwas ineffizient aber dabei sehr entspannt, für einen alternden auscheidenden StA-ler genau das richtige, um noch einmal in aller Länge und Breite das über Jahre akkumulierte Wissen preiszugeben. Wegen Sitzungsüberlängung fiel der Partybesuch in Kassel leider aus, aber das schmerzte mich nicht sonderlich, denn es gab um drei Uhr nachts noch Schokofondü zur Kompensation.

Bei der Gelegenheit erhielt ich auch meine Abschiedsurkunde aus diesem Gremium, dem ich in fünf Jahren fast soviel Aufmerksamkeit gewidmet habe wie meinem Studium, in dem ich sehr viele, sehr schöne Momente hatte und wo ich unglaublich wertvolle Menschen getroffen habe. Es ist schwer zu sagen, wie viel mir das ganze geholfen hat, bedeutet hat, und wo ich ohne wäre. Also: Danke euch allen für die gute Zeit und die ausdrucksvolle Urkunde. Für den Rest der Welt liegt sie hier in Budapest zur Ansicht.

Um den Bogen zu schließen: Gestern bin ich wieder hier in Ungarn eingetrudelt, heute die ersten Kurse besucht und versuche wieder ins Ungarische hineinzukommen, was mir aber eher mäßig gelingt, plane aber immerhin wie ich die verbleibende Zeit sinnvoll nutzen kann und dem dräuenden Alltag ein Schnippchen schlagen. Wer sich gewöhnt hat schon halb verloren!

Bükkenrede, zweiter Teil

Diesmal ohne anstößiges Gedicht, aber mit rascher Erklärung: Die tollkühne Ankündigung, dass ich den zweiten Teil der Reise bald veröffentliche konnte ich leider nicht halten. In der Zwischenzeit habe ich eineinhalb Wochen Zeit in Deutschland verbracht und dabei wenig Zeit und Muße gehabt, meine Budapester Geschichten weiter zu führen. Als kleine Entschädigung werde ich zumindestens versuchen, die Bilder von unserer Bükk-Reise in meinen Besitz zu bringen und der Öffentlichkeit zukommen zu lassen.

Aber der Reihe nach. Am zweiten Tag unserer Hügelreise pendelten wir in aller Frühe nach Silvásvárad. Unterwegs noch ein wenig Panik, denn der Bahnhof war um die Ecke, aber nicht so um die Ecke, und die Gruppe war wach, aber noch nicht so wach und vor allen Dingen so dynamisch wie eben nur eine Gruppe von mehr als drei Personen es sein kann. Auf die Tickets geworfen, in den Zug gehechtet, und die Sandwichproduktion angeworfen die uns schon am Vorabend vor dem Hungertod gerettet hatte. Dem Schaffner entlockt unsere Manufaktur höchstens ein mitleidiges Lächeln, aber er weist uns freundlich darauf hin, dass es in Szilvásvárad zwei Bahnstationen gibt, wir entscheiden uns für die erste, die schneller in die Berge führt und danken recht freundlich.

In Szilvásvárad angekommen sind wir endlich dort, wo wir hinwollten. In klirrender Kälte am Fuß der Hügel, die sich hier durch die Landschaft ziehen. Die Sonne scheint, der Atem gefriert, wir machen uns auf den Weg. Auf einer Allee dann der erste Gruß der Hügel: Ein Windstoß streift die nur lose hängenden, gelb-getrocketen langförmigen Blätter und in einem taumelnden Regen trudeln sie vor uns zu Boden in einem bunt-fröhlichen Schauspiel. Davon aufgemuntert geben wir uns dem Weg hin. Am Anfang führt er uns auf die Höhe von etwa 800 Metern, über recht steile Serpentinen, teils mit Laubmatsch, teils mit rund-eckigen Steinen bedeckt, die das Gehen einerseits ermöglichen, andererseits aber auch etwas schwieriger machen. Wir pausieren hin und wieder, entsorgen den Proviant, der uns die Beutel schwer macht, und erklimmen den Höhenzug. Hin und wieder locken Sonnenstreifen die uns deuten, warum wir hier sind und uns weiter willkommen heißen.

Als die Höhe gewonnen ist geht es recht zügig und bequem weiter - nur zwischendurch müssen wir uns für ein Gruppenbild in den Wald fügen. Xabi, der seine Kamera aktiviert und zu uns sprintet, wirft mich mit seiner Auflehnung fast um, aber die Formation hält und das Bild gelingt entsprechend. Zu Mittag sind wir in Bánkút, etwa auf 2 / 5 der Strecke und kehren im weißen Adler (fehér sas) ein. Dort erfahre ich, wie sich die Ungarn die Spaghetti in Milan vorstellen: Mit Ketchup und Speckstücken. Über diesen Delikatessen entspinnt sich leider eine weniger schmackhafte Diskussion: Weitergehen, Bus suchen? Die Befürchtung wächst, dass wir es nicht mehr rechtzeitig nach Miskolc schaffen, dass wir im Dunkeln steile Abhänge herabpurzeln werden und dabei Kopf, Hals und Designersonnenbrille riskieren.

Mir geht die Diskussion auf die Nerven: Wir haben uns entschieden, wandern zu gehen, der Tag ist jung, der Weg ab jetzt flach oder bergab. Klar, andere haben andere Schmerzgrenzen, aber bei einer Wanderung mittags zu bemerken dass man Ewigkeiten keine fünf Kilometer einen Fuß vor den anderen gesetzt hat grenzt doch ein wenig an Arbeitsverweigerung. Bald löst sich das Problem mit einer einfachen 3 zu 3 Aufteilung. Judith, Magda und ich setzen auf dem Wanderweg fort, der Rest fährt Bus und organisiert schon einmal eine Unterkunft.

Der Rest des Wegs wird wunderschön. Zu dritt kann laufen, reden, noch Kekse am spiegelnden See essen. Dabei nehme ich es den Steinen auch nicht übel, dass sie sich auf der Landstraße gegen mich verschwören und sich selbstmörderisch vor meine Füße werfen. Wir passieren noch ein Märchenschloss, das sich Hotel nennt, klauen Plätze in einem Bus und sind schon in Miskolc, Nummer drei unter den ungarischen Städten. [Teil 3 folgt, bestimmt!]

Mittwoch, 24. Oktober 2007

Bükkenrede, Teil 1

Sehr geehrtes Publikum,
die Zeit geht mir zu schnelle rum,
kaum das ich mich versehen hab,
seit Wochen nichts ich schreiben tat,
und so hol ichs noch heute nach,
oder doch am morgigen Tag.

Entschuldigt die Einleitung die hoffentlich weit unter meinem sonstigen Niveau liegt, aber diese Anspielung fühlte sich so unentgehbar an, dass ich prompt darauf hereingefallen bin. Der Anlass dieser Geschmacklosigkeit liegt an der Unternehmung an der ich die Ehre hatte von Samstag bis Montag teilzunehmen, und wo es um den ungarischen Nationalpark, die Bükk, ging. Inzwischen sollten die Gesichter und Namen in meiner doch relativ konstanten Reisegruppe bekannt sein, daher ohne lange Umschweife: Zu sechst machten wir uns am Samstagmorgen in Richtung Eger auf. Der Akzent, der nicht auf dem zweiten e liegt ist wichtig, denn egér heisst auf ungarisch "Maus". Doch in Eger lebten nie Mäuse sondern wahre Männer die Ochsenblut tranken und Türken hinschlachteten.

Am Abend davor wurde mir noch echtes ungarisches Pörkölt serviert, das man in Deutschland wahrscheinlich mit "Gulasch" bezeichenen würde, aber gulyas ist hier eine Suppe und Pörlölt ist eben Pörkölt, eine etwas suppige Fleisch und Beilagenanordnung in einem Topf, über Stunden auf dem offenen Feuer zubereitet und exklusiv den Gästen serviert. Wir verdankten den freundlichen Umstand der Bewirtung der Abwesenheit des Hausherren, in dessen Absenz der Sohn Freunden und Mutter alkoholische Getränke und Zigaretten gestatten konnte, die sonst kaum ins Haus und noch weniger in die Tüte gekommen wären. Daher gab es von Mami zur Begrüßung auch Becherovka und weiter gings in dem Stil. Dass der Rest der Eingeplanten bis etwa 11 Uhr nicht auftauchte machte es Magda und mir umso einfacher sämtliche lang- und kurzfristigen Gelüste nach ungarischem Essen erst einmal zu stillen. Als dann noch mehr Personal eintraf wurde noch ein nettes Beisammensein daraus, dem wir uns aber, im Anbetracht unser frühen Abfahrt am nächsten Tag, bald entzogen. Der Abend fand ganz um die Ecke von unserem alten kollégium statt, wo ich [wie irgendwo nachzulesen ist] zwei freudige, sich etwas nach Internat anfühlende, Wochen verbrachte bis ich definitiv beschloss dass eine eigene Wohnung komfortabler wäre.

Also nochmals, wir setzten uns morgens in den Zug und fuhren nach Eger. Das dauert insgesamt in etwa zwei Stunden, und schon waren wir im fremden Land. Eger ist eine relativ überschaubare Stadt mit vielen zentralen Türmen (Kirchen, Lyceen mit Sternenwarte, ein Bischofspalast), einer Burg über der Stadt und einer recht guten Touristeninformation über die wir sogleich gierig herfielen. Wir erhielten also in drei Sprachen (Englisch, Deutsch, Polnisch) Faltblätter über Eger und Umgebung. Danach beschäftigten wir uns, misstrauisch beäugt in einem bayerischen Spezialitätenrestaurant sitzend, mit der Suche einer Herberge. Ungarisch fragen ist nicht so schwer. Ungarische Antworten verstehen, hingegen, ist eine fortgeschrittene Übung die ich nur in einigen Fällen erfolgreich meisterte. Schließlich fanden wir eine Pension am Stadtrand, kauften Verpflegung für die nächsten Tage, wanderten Richtung Stadt. Die zwei Spanier gingen Reiten (an unserem nächsten Stop, Szilvásvárad gibt es berühmte Lippizaner) und der Rest erkundete die Burg über Eger. Hier wurden vor etwa fünfhundert Jahren zwanzigfachüberlegene Türken erfolgreich zurückgehalten, auf der Burg tranken sie einen Mischwein, den sie heute Egri Bikavér nennen (Erlauer Ochsenblut, Erlau ist natürlich der alte deutsche Name). Eingenommen wurde die Burg erst um 1600, als sie von Söldnern verteidigt wurde (hier zeigt sich der interessante, ewigwährende Topos vom einzig wahren Heer, dem Bürgerheer, das um seiner eigenen Güter willen deutlich besser kämpft als jedes Söldnerheer). Von der Burg hat man einen wunderschönen Blick über die Stadt, mit ihren jeweiligen Twintowers (ein schönes Terroristenausbildungslager wäre das) und auf einem Hügel in der Mitte stehen drei golgatische Kreuze, die mit sinkender Sonne ein schönes Panoramabild abgeben.

Zum Abend hin flanieren wir in Richtung des Tals der schönen Frauen, wo in natürlich dauerklimatisierten Kellern die Egrer Weine dahinreifen. Wir kehren noch in einem etwas zu volkstümlich aufgemachten Restaurant ein, erreichen gerade noch, dass wir eine Flasche Wein vor der Sperrstunde mitnehmen dürfen und verköstigen diesen guten Tropfen (natürlich Bikavér) in unserer Pension. Er schmeckt wirklich wunderbar, dazu gesellt sich wie so oft Gitarre und Gesang. Wir bringen den versammelten Spaniern und Polinnen "He ho, spann den Wagen an" bei und beenden somit die erste erfolgreiche Station.

Mittwoch, 17. Oktober 2007

Pozsony, Pressburg, Bratislava

Am Sonntag waren wir, das sind Magda, Xabier, Ferran und ich, Pozsony, wie der alte ungarische Name der Stadt lautet. Hier wurden über Jahrhunderte die ungarischen Könige gekrönt. Uns führte aber eine andere Mission: Andrew, aus Neuseeland stammend, hatte am Tag zuvor seinen Flug nach Budapest verpasst und nun stattdessen, da günstiger, einen Flug nach Bratislava genommen. Wir brachen also in aller Frühe zu einem Kurzbesuch in der slovakischen Hauptstadt auf.

So spontan die Idee war, die Vorstellung dass sie sonderlich originell sei zerstreute sich bereits auf dem Bahnhof. Wir trafen, ungelogen, insgesamt fast zehn andere Studenten, die sich just an diesem Tag nach Bratislava aufmachten, meistens nur in Gruppen von zwei oder drei abgesprochen, aber dennoch alle vor Ort. Das wirft Fragen auf: Handelt es sich um eine Spielart des Schicksals? Gibt es eine intersubjektive Kraft, die uns alle an diesem Tag nach Bratislava zog, so wie beim Gläserrücken auf magische Weise die Buchstaben nacheinander auftreten? War Budapest allen simultan zuviel oder zuwenig geworden, so dass sie sich nun an fremden Gütern bereichern mussten? Was war geschehen?

Der Zug nach Bratislava braucht drei Stunden und fährt fort bis Berlin Gesundbrunnen. Diese fernen Orte klingen seltsam, da sie früher so nah lagen, der Rückzug kommt zum Beispiel ganz aus Hamburg. Das Modell ist ein typischer Eurocity, keine Überraschungen, ausreichend bequem und nicht allzuvoll. Wir sind zwar schon gewöhnt an günstige Preise, aber wieder schockt uns die ungarische Freigebigkeit, der Weg nach Bratislava hin und zurück kostet lediglich 3800 Forint, also etwa 16 Euro. Dafür gibt es in einigen deutschen Städten vielleicht gerade eine Tageskarte. Was überrascht ist vielleicht die Grenzkontrolle, mit der man aus Schengenländern kommend kaum noch rechnet, einmal slovakisch, einmal ungarisch, aber alles ohne Probleme. Der deutsche Personalausweis geht scheinbar besonders schnell durch die Kontrolle, sowohl hier als auch am Flughafen. Mit einer halben Stunde Verspätung erreichen wir Bratislava.

Die Stadt verhält sich sehr anders als Budapest. Es gibt einen klassischen Stadtkern, um den sich die Neubauten angesiedelt haben, hier artig getrennt durch die Donau. Jenseits des anderen Ufers ragen sozialistische Neubauten in großer Anzahl empor, aber in dieser konsequenten Verbreitung wirken sie nicht so verfehlt und deplatziert wie teils in Deutschland. Wahrscheinlich ist es auch die Distanz. Der Stadtkern ist, was reguläres Leben angeht, tot. Doch treiben natürlich die Touristengruppen ihr untotes Unwesen, zähflüssige Blobs die schleichend und kriechend durch den Kern wabern. Ungefähr zwei Drittel der Führungen sind auf Deutsch, was angesichts der Steinwurfdistanz nach Wien nicht sonderlich überrascht. Abgesehen von diesem Phänomen, dass Touristen andere Touristen anfeinden, da sie das "Original" des Orts verschandeln, ist die Stadt aber sehr schön. Wir sehen einige weltbekannte Straßenzüge, Tore, die Donau und das Opernhaus. Später steigen wir empor zur Burg über der Stadt, die wieder einen sehr guten Ausblick über die Donau bietet. Besonders hübsch gestaltet sich die große neue Brücke mit Ufo-Restaurant, die sich elegant über den Fluss legt. Um mich nicht in ineffektiven Beschreibungen zu verlieren, hier nochmal der Link zu meiner fotographischen Dokumentation.

Den Zweck unseres Besuchs haben wir dann schließlich doch noch erreicht: Wir haben Andrew aus Neuseeland, der derzeit an der Uni Uppsala studiert, eingesammelt und heil mit nach Budapest gebracht. Dabei machte er schon erste Bekanntschaft mit slovakischen Fahrkartenkontrolleuren (35€ für eine Fahrt) und mit dem - zugegeben - recht guten Bier im Ort. Seinen Berichten zufolge hat er bereits 11-12 europäische Länder bereist in der Zeit die er in Europa verbracht hat, eine Art Fähnchensammeln auf dem Halbinselkontinent. Ein sehr umgänglicher Mensch, in jeder Lage bereit "awesome" zu sagen, kollegial und trinkfreudig. Heute ist er schon wieder weitergereist, nach Brüssel. Einen wichtigen Tip hat er hinterlassen: Angeblich ist es möglich, in einer Gemeinde von Couchsurfern eine Mitgliedschaft zu erwerben, und sich rund um die Welt auf Couches einzunisten, natürlich mit entsprechender eigener Gegenleistung. Damit keiner das System missbraucht kann man Rezensionen zu Besuchern schreiben. Andrew würde ich eine gute geben, aber ist dies nicht ein furchtbares Werkzeug? Ruinierte Leben wegen einer schlechten Couchrezension? Keine Besucher mehr solange Web 2.0 existiert? Denkt an die armen Wale!

Montag, 15. Oktober 2007

Rhythmusverwertung

Neue Bilder!

Dass ich heute morgen noch dachte, dass dieser Tag nichts wird, hat wenig verhindert: Sogar schreibe ich noch ein paar Zeilen auf diese Webseite, aus schlechtem Gewissen oder aus hyperaktivem Überschwang, ewig wird es verborgen bleiben. Um diesem Sentiment genauer zu definieren, das früh im Bett entstand und dem noch ein Universitätstag, der erst mittags um eins beginnt, zugute kam, ein Blick aufs Wochenende.

Am Freitag habe ich wieder ein wunderbares Konzert besucht. Dieser Blog ist keine Rezensionsveranstaltung, aber sollte sich in näherer Zeit Vadim Gluzman in eurer Stadt befinden und ein Violinkonzert spielen, dann geht hin! Der Mann hat einen einfach wunderbaren Ton, eine schöne alte Stradivari, ein sehr kontrolliertes Vibrato, einen hellen aber keinen fiepsenden Geigenklang. Ich habe ihn mit dem Beethovenkonzert gehört und war ungemein angetan (nur die Kadenzen ... vielleicht bin ich zu sehr Kreisler gewöhnt, aber die Stelle, wo beide Themen gegenläufig erklingen ist wirklich sehr gut gemacht). Dagegen fiel das Mendelssohn Oktett, dass das ebenfalls anwesende Kammerorchester spielte, leider etwas ab, gegen die Wucht des vierzigminütigen D-Dur-Monsters. Bei der Gelegenheit habe ich auch zum ersten Mal ein Konzert im sogenannten "mupa" gehört, im müvészetek palotája, also quasi im Palast der schönen Künste. Der Konzertsaal ist wunderbar und neu, und vielleicht der höchste den ich bis jetzt bereist habe. Die Studentenplätze, die 200 Forint kosten (das ist nichtmal ein Euro) befinden sich auf dem dritten Rang und sind Stehplätze (außer man findet sich damit ab, nichts zu sehen, und setzt sich fern des dräuenden Abgrunds auf eine Bank), aber an sich ist Stehen eine schöne Form, ein Konzert zu hören. Man kann sich wiegen, ein wenig schwanken, den Schwindel der Höhe genießen und dennoch alles mitbekommen. Am Donnerstag will ich - technisch gesehen - wieder hin, da kommt der alte Jazzlöwe Keith Jarrett, dem ich dann aus dem dritten Stock auf die wachsende Glatze spucken kann.

Aber das war nur der Anfang. Danach begab ich mich zu Magda, die am Déak Ferenc in einer verwinkelten eklektischen Wohnung wohnt, zu Film, Sandwich und Pokerspiel. Wir sahen "Kontroll", einen preisgekrönten ungarischen Film, der in der verfremdeten Metro spielt. Die Budapester Metro ist tatsächlich eine Erfahrung für sich, wie auf einigen meiner Bilder zu erahnen geht es dort immer sehr steil nach unten (bis auf in der Linie 1, aber die wurde 1896 erbaut, das zählt nicht). Unten fühlt man sich ausgesondert und atomkriegssicher, und dieses Szenario beutet der Film hemmungslos aber doch recht stilvoll aus. Wer mich und Poker kennt weiß dass ich mich über den Poker-Wahn der Deutschland inzwischen befallen hat bis dato nur mokiert habe, wer mich genauer kennt weiß dass ich ein Spieler bin und daher eigentlich nur das verdamme dem ich nicht verfallen will. Heute abend ging es zum Glück nur um Rosinen und Sonnenblumenkerne (1:2, also small blind Sonnenblume, big blind Rosine) mit der schier unerfüllbaren Aufgabe, sich beim Essen der Chips zurückzuhalten. Ich gab mein bestes um nicht allzusehr zu gewinnen und setzte mein freundlichstes "Ja ich habe wirklich zwei Paare"-Lächeln auf.

Dann war es spät, aber nicht zu spät, noch einen kleinen Spaziergang zu machen. Vom déak ferenc ist es nicht sonderlich weit zur Donau, sobald man mal da ist kann man auch die Brücke überqueren, und wenn man schonmal drüben ist, so ist auch der Burghügel nicht weit. Also kletterten wir um vier Uhr morgens auf die Budapester Burg hoch und warfen einen Blick auf die wabernden Lichter der langsam wieder erwachenden Großstadt (sehr langsam, war ja schließlich Samstag). Ganz hübsch. Um sechs dann ins Bett gefallen und geschlafen bis der Kaffee fertig war.

Samstag abend habe ich eine kleine Party einer Mitleidenden aus dem Sprachkurs besucht, wo die Hälfte aus Psychologiestudenten des ersten Semesters und die andere aus ungarischen Rugbyspielern bestand. Ein explosives Gemisch? Nun, nicht mehr als die total versüsste Pizza, wobei mir klarer wurde, warum die Ungarn sie nur mit Ketchup ertragen. Schokofondue nicht vergessen, und dann der Rückweg aus dem Bunker durch den achten Bezirk. Dort wohnen angeblich besonders viele Gipsies, passieren die meisten Überfälle, dort findet das wahre Bronxleben Budapests statt. Um zwei Uhr da durch, am Friedhof entlang zu gehen war schon ein gewisser Kick. Zuhause treffe ich dann Magda#2 (meine Mitbewohnerin), die mich fragt was ich am Sonntag mache. Ich antworte natürlich fleißig studieren "nichts" und werde mit dem Vorschlag konfrontiert, nach Bratislawa zu fahren, um acht Uhr morgens - natürlich stimme ich zu. Dort landet nämlich Kiwi-Andrew, Neuseeländer auf der Mission ganz Europa zu bereisen und gegenwärtig Student an der Uni Uppsala. Mehr zum Clash of Civilizations und was wirklich in Bratislava los ist - im nächsten Eintrag!

Montag, 8. Oktober 2007

Klatschzwang

Gestern habe ich ein schönes Konzert besucht und fast den ganzen Abend Ungarisch gesprochen, was ein wenig anstrengend war, aber insgesamt fühle ich mich jetzt deutlich wohler. Unterwegs war ich mit Dagmar, die in Frankfurt geboren ist, jetzt in der Gegend von Poznan wohnt und hier sowohl Ungarisch als auch Deutsch studiert. Da sie auch nicht perfekt Ungarisch spricht war meine Verstehensrate höher als normal (sie hat sich auch Mühe gegeben) .

Das Konzert fand statt in der Musikakademie, im kleinen Saal. Anfangs sah es so aus, als würden wir gar nicht erst den Saal betreten dürfen, jegliche Leute mit Ahnung verwiesen uns jeweils darauf, dass irgendetwas oben geschehen würde und das bald. Wir warten also brav, wundern uns warum noch viele andere Leute da rum stehen und geduldig auf - was eigentlich - warten. Dann irgendwann das geheime Zeichen, am Treppenaufgang werden Reservetickets ausgegeben (da steht angeblich so etwas wie VIP drauf, tiszteletjegy, was soviel wie "Ehrenticket" heißt). Damit dürfen wir uns auf den ersten Rang im Konzertsaal begeben, von wo wir einen guten Blick auf das Geschehen auf der Bühne haben. Es spielen zongora und hedegü, also Klavier und Geige, insgesamt drei Sonaten, Mozart, Beethoven, Brahms. Die Klassiker reißen mich wenig mit, aber beim Brahms hat sich das Duo anscheinend gefunden, das Klavier (mit offenem Deckel) übertönt die Violine nicht mehr derartig eklatant wie vorher und der etwas scheue Violinist traut sich und seinem Instrument mehr zu.

Soweit ich mich erinnere und die Programmansage verstanden habe befinden sich beide Instrumentalisten noch in Ausbildung, was sich an einigen Stellen bemerkbar macht. Beim Mozart spielt der Pianist ein wenig zu glatt, zu sehr mit der Sicherheit des zwanzigsten Jahrhunderts, wobei bei Mozart der leicht abbrechende, perlend-schwebende Klang des Hammerklaviers noch immer in der Luft liegt - und ich bin wohl schon sehr daran gewöhnt. Bei Beethoven so ähnlich, sie spielen die "Frühlings"-Sonate, aber ohne den notwendigen Elan, es fehlt der Rausch, in den Beethovens Musik versetzen kann, so etwas wie früher Heavy Metal zum mitbangen. Beim Brahms - wie gesagt - wird das meiste besser. Mein Ideal von Violinisten macht sich wirklich größtenteils daran fest, wie verzärtelt sie mit ihrem Instrument umgehen oder auch nicht. Es mag platt klingen, aber wenn eine gewisse Brutalität da ist, ein Bewusstsein dass das Instrument nicht nur Wohlklang produzieren kann sondern die gesamte Palette von Stimmen, die darin stecken, fühle ich mich wesentlich wohler.

Danach trinken wir noch sehr guten Kaffee und Kakao (Kaffee mit so einer tollen Süßdickmilch) im incognito und realisieren dann irgendwann dass der Abend schon weit fortgeschritten ist. Ich bin auch noch etwas müde, da ich am Nachmittag laufend den Weg zur Margitsziget gesucht habe. Das war etwa eine Dreiviertelstunde hin, dann nochmal soviel kreisend um die Insel. Es gibt dort ein schmales Band einer Laufbahn, die sich in insgesamt fünfkommadreihundertfünfzig Kilometern um die Insel zieht und damit vierfach einen Halbmarathon ergibt. Ein ganz anderes Gefühl, besonders wenn man vorher nur über Straßen gehastet ist, als würde man in den Boden einsinken, wie am Strand, aber deutlich gelenkschonender. Dann nach Hause, und wie gesagt ins Konzert.

Eine Sache ist mir noch im Konzert aufgefallen und motiviert den Titel dieses Eintrags. Die Ungarn haben eine Art bei Konzerten zu klatschen mit der ich nicht zurechtkomme. Der eingangs angestimmte, ungeordnete Applaus wandelt sich - für meine Begriffe - viel zu schnell in ein rhythmisches Geräusch. Erst relativ schnell, dann, wenn die Akteure zum ersten Mal wieder die Bühne betreten haben, in einem langsameren Rhythmus mit dem Gestus der Aufforderung, doch noch mehr zu spielen, noch eine kleine Zugabe darzubieten. Das ist an sich nicht schlimm, aber die Geplantheit dieser Begeistertheit und die erstaunlich schnell erreichte Konformität, das wundert mich schon beides und macht es mir unmöglich, daran teilzunehmen. Ich als Freiklatscher. Naja.

Donnerstag, 4. Oktober 2007

Konstruktionsfortsetzung

Wie schon vorher angedeutet, meine wichtigste Aufgabe in Budapest im Moment liegt darin, irgendwie eine alltagsähnliche Struktur aufzubauen. Dabei helfen natürlich meine Lehrveranstaltungen, die ich seit Montag fleißig besucht habe, mit einer Ausnahme: Erst Morgen werde ich die erste Sitzung des Seminars "Metaphysics of Early Modern Empiricists" besuchen, da die Sitzung am Montag verschoben wurde. Da es hier ein wenig zu berichten gibt werde ich diesen Eintrag also der Uni und meinem Verhältnis zu ihr widmen.


Die Central European University

Zwei meiner fünf Kurse belege ich an der Central European University. Wollte ich polemisch sein, so stellt sie eine Promotionsmaschine für die Studenten des ehemaligen Ostblocks dar, so strategisch platziert wie ein antinuklearer Raketenschild. Finanziert wird sie, soweit ich es verstehe, vom amerikanischen Staat und ist (administrativ) Teil von New York. Dennoch bin ich dankbar, dass sie für mich die Türen geöffnet hat, denn so einfach ist auch das nicht: Ein Hauch von US-Amerikanischer Paranoia weht durch die Hallen, denn ohne Ausweis oder expliziten Grund für die Gästeliste darf man das Gebäude nicht vertreten. Am Freitag vor meiner Abreise nach Oppurg war ich noch gescheitert, aber nun, da ich ein höchst-professorales Placet vorweisen kann ist das Problem nicht mehr existent. Ich habe mich ebenfalls dafür beworben, in der Bibliothek arbeiten und forschen zu dürfen und hoffe zu Montag auf meine Akkreditierung.


Greek Reading Seminar

Der erste Kurs den ich besucht habe fand im Büro eines der begabtesten Altsprachler Ungarns statt, bei Gabór Betegh. Der junge Mann in Turnschuhen führte uns zusammen mit dem römischen Kriegsveteranen István Bodnár in den Kurs ein und sondierte das Material das vor ihm lag: Statt der erwarteten sieben Mediavisten, etwa fünf Erasmusstudenten, zwei PhDs, und mit meinem Graecum befand ich mich in der Spitzengruppe der Griechischkenntnisse. Wir lesen einen Text von Alcinous, der mir bisher sehr gut gefällt. Er beginnt mit der Geisteshaltung, die ein wahrer Jünger der Philosophie mitbringen sollte, wenn er sich an seinen Liebesgegenstand annähert. Natürlich darf er an den körperlichen Genüssen keine Freude finden, er muss mit einer gewissen Gelassenheite seine Sinne auf die Aufgabe fokussieren und sich nur an die Wahrheit halten und die Falschheiten meiden. Bisher also nichts neues, und viele hohe Ideale.


A téridö fisikájáról a tér és idö metafisikájáik

Von der Physik der Raumzeit zur Metaphysik von Raum und Zeit. Natürlich hält die Vorlesung ein freakiger Wissenschaftstheoretiker im T-Shirt, E. Szábo Laszlo, wobei keiner weiß, wofür das E. genau steht. In jedem Fall war die Vorlesung sehr instruktiv, ich konnte die wichtigsten Wörter nachschlagen (so etwas wie "fénysebesség = Lichtgeschwindigkeit, na most (und jetzt...) oder auch tildes (mit Tilde) / kalapos (mit Hut)), so auch Raum und Zeit, entweder mit Tilde oder mit Hut. Da ich das Thema in etwa kannte (unterschiedliche Beschreibungen von Bewegung in Raum und Zeit) konnte ich grob verstehen was der Dozent von mir wollte, aber letztlich nicht so viele Details mitnehmen. Irgendwann gesellte sich mein Mentor, Richard, zu mir, der mir danach mitteilte, dass er zumindestens inhaltlich auch nichts verstanden hätte. 1-1 also.


Sprachkurs

Über den Sprachkurs habe ich schon vorher Gerüchte gehört, wieviele wirklich daran teilnehmen. Angeblich sind es insgesamt bis zu 25 Teilnehmer und die Lehrerin Virág wies bei der ersten Sitzung am Dienstag darauf hin dass es zwar nur 15 pro Termin sind, aber immer 15 andere - und daher ein regulärer Fortschritt nicht möglich ist. Das konnte ich an den zwei Terminen auch live verfolgen. Besonders erschreckt hat mich die Schwäche in der Aussprache - in unserem Minikurs wurden wir zu viert die gesamte erste Woche damit gequält die Differenz zwischen a und á, o und ó, e und é zu lernen. Das scheint anderswo nicht unbedingt geschehen zu sein und meine Ohren schmerzen ein wenig.


Mi az újkor?

Was ist Neuzeit? Eine interessante Frage, zu der ich ja schon eine kleine Hausarbeit geschrieben habe, zu Blumenbergs "Legitimität der Neuzeit". In diesem Doktorandenseminar werden verschiedene Texte gelesen, wo es um die Definition dieser Epoche geht. Das Seminar war bisher das anstrengendste. Am Anfang hat mich Gabor Boros, mein Vertrauensdozent, wenn man so will, eingeführt, als Studenten aus Berlin, mit einigen Formulierungen die ich nicht verstanden habe, und mit dem Vermerk, dass ich auch Ungarisch spräche. Während des Vortrags, über Habermas "Strukturwandel der Öffentlichkeit", wunderte ich mich besonders darüber, dass mein Dozent noch unverständlicher sprach als der Referent. Immerhin habe ich es aber geschafft, einen langweiligen Vortrag zu identifizieren ... das ist in einer fremden Sprache nicht so einfach. Das Vokabular daher: polgarí család (bürgerliche Familie), fontosság (wichtige Sache) und natürlich nyelvánoság (Öffentlichkeit). Alles mit -ság oder -ség ist eigentlich eine Substantivierung von irgendwas. Tehát ... (also) ...


Rudas Fürdö

Zuletzt war ich heute Abend noch im vor nicht langer Zeit wieder eröffneten rudas fürdö. Es liegt in der Gegend der szabadsághíd und beinhaltet die ältesten Badgebäude in Budapest, aus dem Jahr 1566. Wie es sich zu dieser Zeit gehörte sind vier Abende der Woche den Herren gewidmet, die Damen erhalten den Dienstag und der Rest ist gemischt. Ein hübsche Anlage, mit diesem besonderen, nach faulen Eiern riechenden Wasser das suggeriert dass es sehr gesund ist. Diejenigen die mich besser kennen wissen, dass ich Eier in ihrer rohen / gekochten / gerührten Form nicht ausstehen kann. Aber was heilt ...

Mittwoch, 3. Oktober 2007

wir bauen einen Alltag

Ich bin noch am Leben. Ich habe vor, hier noch weiter zu schreiben. Damit wären die wichtigsten Nachrichten vorbei und das Publikum auf die nächste, ausführlichere Meldung verwiesen. Wie sicherlich bekannt ist habe ich die letzte Woche in Deutschland verbracht, auf Schloss Oppurg in Thüringen bei den Hirsauer Tagen der CJD Studentenschaft. Was da genau passiert ist werde ich in einem Seminarbericht niederlegen der dann an anderer Stelle erscheint. Daher zurück nach Budapest: Ich bin nach einer mehr oder wenig schlaflosen Woche wieder einmal mit meinem Lieblingsflug um 6.20 von Berlin aus geflogen. Die reine Fahrtzeit von Haustür zu Haustür beträgt in etwa fünf Stunden, was recht vertretbar aber doch länger als gedacht ist. Am Montag habe ich meinen ersten Kurs an der CEU besucht (Central European University). Ein kleiner Prunkbau nahe der großen Kathedrale, daher kaum zu verpassen. Mehr davon später, jetzt muss ich zu einer Verkostung von echt ungarischen Nahrungsmitteln und wahrscheinlich auch Spirituosen.

Damit keine zu große Enttäuschung aufkommt, zwei Bilder: Der neu gewählte und der alte StA und die drei ausscheidenden Ex-StAler.



Montag, 24. September 2007

Nürnberg Greyblues

Nächste Station, Nürnberg Hauptbahnhof. Wie schon erwähnt bin ich im Strom der deutschen Touristen nach Nordbayern geflossen und dort immerhin sicher gelandet. Dabei fiel mir auf, dass noch vor einiger Zeit bei den Landungen der Piloten geklatscht wurde. So erlebte ich es auf meiner Reise nach Tunesien (1998), Rom (1997) und so weiter. Inzwischen ist dies nicht mehr der Fall, zumindestens nicht auf den Nahverkehrsflügen auf denen ich mich herumtreibe, aber auch nicht wenn die Malev uns pflichtgemäß in Albanien abgeliefert hat. Es gibt dafür genau zwei mögliche Gründe: Der erste ist die Gewöhnung an die Exotik des Fliegens. So alltäglich wie früher das Bahnticket der dritten Klasse war, ebenso üblich ist heute das Fliegen, für einen Appel und ein Ei landet man wo einen die supergünstigen Supersonderangebote eben hinschicken. Etwa in Budapest. Der zweite Grund wäre der subversive Einfluss diverser Kabarettisten, wobei mir nur Volker Pispers, da ich eine natürlich von mir besessene CD aus dem Internet wieder-bezogen habe, konkret geläufig ist. Die Schmach für den bezahlten Job auch noch beklatscht zu werden saß zu tief für die Piloten, und erst recht die Schande für die Reisegäste, als wäre ein Kunststück vollführt worden, ein Spiel mit ihrem Leben, das sie nun mit Applaus bedenken. Ein nüchternes Dienstleistungsverhältnis ist also angebracht, und so hat es sich nun auch entwickelt.


Damit wäre ich jetzt also in Nürnberg. Wie an meiner gewissen Skepsis den Landsleuten gegenüber abzulesen ist bin ich schon relativ hungarofiziert. In der U-Bahn kam mir der Gedanke, dass ich mich in Budapest fast sicherer fühle als in der Nürnberger U-Bahn oder in den Berliner Straßen. In Budapest ist es halbwegs vernünftig geregelt, so scheint es, wo gefährliche Bezirke sind, wo man sich Nachts aufhalten sollte und wo nicht. Wenn ich abends nach Hause gehe, was ja oft geschieht, habe ich kaum das Gefühl von Bedrohung und Enge. In Berlin eher schon, vielleicht weil ich die Stadt nicht so kennengelernt habe wie ich jetzt nach und nach Budapest erkunde, als Fremder und Beobachter, der nicht schon einige Weisen des Umgangs voraussetzt und sich deswegen nicht so einfach an neue Formen anpassen kann. Als zweiten Grund kann ich diese seltsame Eigenschaft der Ungarn nennen, die man als eine Art Passivität beschreiben kann, was ihnen aber nicht gerecht wird. Es ist ein Anteil Schüchternheit darin, ein Anteil Zurückhaltung, ein großer Anteil Höflichkeit. Woran dies liegt, ob alterzogene kuk-Freundlichkeit, Nachwirkung des kommunistischen Tiefschlafs (diese Formulierung „The happiest barrack” hat sich in meinen Kopf eingebrannt, barack heißt übrigens Pfirsich, on a totally unrelated matter) kann ich nicht genau definieren. Ich hoffe ich komme diesem Sachverhalt im Laufe meines Aufenthalts näher, er scheint eine Art Schlüssel zu sein.


Der Nürnberger Hauptbahnhof hat übrigens einen Burger King, einen McDonalds, ein 24 / 7 Internetcafé das entweder reich oder dumm ist, oder ein undefinierter Schwebezustand, wenn die Leute zu reich oder zu dumm sind, oder alles gleichzeitig. Sobald die Energie auf diesem tragbaren Gerät zur Neige geht werde ich dort schnorren gehen, erwarte aber im fürstlichen Staat keine besondere Kooperationsbereitschaft.


Am Mittwoch haben wir einen Film gesehen. Das ganze ist Teil einer Lehrveranstaltung der technischen Unversität und mein Mitbewohner Xabi (er) und sein spanischer Freund Ferran nehmen teil. Während Magda und ich uns also auf den ästhetischen Genuss beschränken konnten (nachdem ich vorher ziemlich unästhetische Philosophie konsumiert hatte) mussten sie zur Nachdiskussion bleiben. Der Film war das vielleicht erste filmische Kunstwerk, das in Ungarn nach dem zweiten Weltkrieg geschaffen wurde. Der Titel: Irgendwo in Europa (Valahol Europaban). Als Darsteller werden eingangs drei Schauspieler verzeichnet und lakonisch wird hinzugesetzt: Und 23 Kinder. Diese spielen auch tatsächlich die Hauptrolle. Es geht um herumstreunende heimatlose Kinder, die sich zu einer Art Gang zusammenfinden. Ein junger Idealist, Péter, übernimmt die Leitung und führt die Kinder an bis sie schließlich einen Turm finden in dem sich ein alternder Dirigent vor dem europäischen Inferno geflüchtet hat. Nach anfänglichen Schwierigkeiten nimmt der Alte die Sippschaft bei sich auf, renoviert mit ihnen gemeinsam den Turm und bringt ihnen Nahrung aus dem Dorf. Er versäumt nicht, den Kindern eine gewisse musikalische Grundbildung angedeihen zu lassen, so dass sie alle fröhlich die Marseillaise pfeifen, als Ausdruck der erstrebten Freiheit und der perspektivreichen Zukunft. Das Ende ist relativ klischeehaft, einer der Jungs, derjenige mit der Mundharmonika, wird tödlich verwundet, alles geht mit ihm ins Dorf, stellt sich den Behörden, die vorher Jagd auf die Gang gemacht haben, in einem mitreißenden Plädoyer bewirkt der gutherzige Alte, dass die Kinder geschont werden, bei ihm wohnen bleiben können und auf sie eine bessere Zukunft zukommt. Auch wenn ich die Story etwas distanziert beschrieben haben möchte, der Film hat viele interessante Seiten. Man merkt in jedem Moment, dass die Vorstellung, was ein filmisches Kunstwerk sein sollte, damals noch eine andere war. Die Bilder sind jeweils originell, es geht nicht darum, eine Geschichte pseudorealistisch wiederzugeben, wie es heutzutage meist der Fall ist. In heutigen Filmen wird versucht, möglichst spektakulär das scheinbar reale zu zeigen. Im Film von 1947 wird das Bild als künstlerisches Medium betrachtet, indem jede Einstellung sorgsam durchdacht ist und statt der Totale das aufschlussreiche Detail zeigt. Dazu kam die wunderbare Filmmusik, die natürlich extra für diesen Film komponiert wurde und daher das Geschehen wunderbar untermalt. Für mich die deutlich gelungenere Variante, wenn Film denn mehr als das Erzählen einer im Kern einfachen Geschichte mit möglichst eindrucksvollen Bildern sein kann und will.


Apropos eindrucksvolle Bilder: Am sehr nützlichen Nürnberger Hauptbahnhof habe ich es tatsächlich geschafft, meine Bilder zu ordnen! Hier die Resultate! (aus Gründen der Verbindungsgeschwindigkeit zunächst die kleinen Gallerien, Rest folgt bald).

  1. Die Vorbereitungen unserer spontanen Einweihungsparty (10)

  2. Sprachunterricht und Uni (37)

  3. Mein Stadtrundgang (60)

  4. Noch eine kleine Party (8)

  5. Der Weg zum János Hegy (52)


Über Anregungen, ob ich mehr oder andere Fotos hochladen sollte bin ich sehr dankbar. Die Beschreibungen werden ab jetzt nur noch in Englisch sein und teils nur für Anwesende verständlich, da ja auch meine Freunde in Budapest ein berechtigtes Interesse an den Bildern haben.

Sonntag, 23. September 2007

Wiedersehen in Freuden

Eigentlich, so möchte ich sagen, eigentlich wollte ich viel häufiger schreiben. Und da weiterhin der Satz gilt: "Zeit hat man nicht, Zeit nimmt man sich", gelobe ich Besserung, allerdings erst ab in einer Woche. Denn: [Pause] Ich fliege heute Abend nach Nürnberg und fahre von dort weiter auf die Hirsauer Tage in Oppurg. Wer nicht weiß was das ist kann auf der schmucken Webseite nachlesen womit ich in den letzten fünf Jahren viel Zeit verbracht habe und was ich als erfüllende Beschäftigung erlebt habe.

In der letzten Woche hat sich endlich mein Stundenplan geklärt. Mein Vertrauensdozent, Gabor Boros, war sehr hilfreich und sehr aufmunternd dabei. Ein interessanter Mann, schlank und zerbrechlich, weit fallende, lange graue Haare und eine Aura von Jugendlichkeit die ihn schwer einschätzbar macht. Wenn Philosophen tatsächlich danach aussehen wie ihr Fachgebiet beschaffen ist, natürlich nicht unmittelbar, sondern durch gewisse Chiffren kodifiziert, ist dies vielleicht das Bild des Forschers in der frühen Neuzeit, der an den Humanismus, die unsterbliche Seele und die Rationalität in der Welt glaubt, und sich deswegen wie ein eleganter Edelmann erhalten hat. Bei ihm werde ich eineinhalb Veranstaltungen besuchen. Am Montag werde ich seine Vorlesung besuchen, in der es ganz generell um frühe Neuzeit geht, am Donnerstag setze ich mich in das Doktorandenkolloquium in dem es um Theorien der Neuzeit geht (Mi az újkor?), die natürlich großteilig im 20. Jahrhundert entstanden sind. In der Vorlesung werde ich üben Ungarisch zu verstehen, für das Kolloquium die Texte lesen und weiterhin versuchen Ungarisch zu verstehen.

Das weitere Programm auf Ungarisch lautet: A téridö fisikajaról a tér és idö metafisikajaik. Von der Physik der Raumzeit zur Metaphysik von Raum und Zeit. Der Dozent, E. Szabó Lászlo ist Spezialist für Wissenschaftstheorie und schreibt gerade ein Buch über genau dieses Thema, daher werden auch seine Powerpointfolien in Englisch sein und ich werde das eine oder andere verstehen. Der Rest meines Programms findet an der Central European University statt, die ich am Freitag schon impertinenterweise ohne Ausweis, als interessierter Student besuchen wollte. Nicht möglich, das war schon immer so, das war noch nie so, da könnte ja jeder kommen. Also muss ich demnächst meine Dozenten bemühen mich an der Hand zu nehmen und in diesen Tempel der Wissenschaft einzuführen. Polemik beiseite, ich werde dort einen griechischen Übersetzungskurs belegen und eine Veranstaltung "The Metaphysics of Early Modern Empiricists". Klassischer Locke / Berkely / Hume. Der Grund warum ich hier besonders Frühe Neuzeit und Antike mache liegt schlicht und einfach darin, dass es im 18. / 19. Jahrhundert zuviel deutsche Philosophie gibt. Wenn ich das studieren wollte, dann doch bitte nicht auf Ungarisch oder auf Englisch. Daher weiche ich in die Randgebiete aus die noch nicht von deutscher Sprache durchsetzt sind.

Wovon ich mich mit diesem Eintrag gerade ablenke, das ist die Fertigstellung meines Artikels für die Grazer Gesellschaft für analytische Philosophie die einen kleinen Essaywettbewerb ausgeschrieben hat. Aus diversen Gründen fühlte ich mich motiviert, es einmal zu versuchen und in 3000 Worten zu erklären, warum ob wir "Vollständig determiniert aber dennoch für unsere Handlungen verantwortlich sein könnten." An sich kein Thema das mir sonderlich liegt, da ich bei solchen subversiven Hiobsbotschaften eher den Kopf schüttele, aber immerhin eine Gelegenheit zielgerichtetes Schreiben zu üben. Während meiner Englischkurse am Sprachenzentrum der HU habe ich auch die Idee des in Länge limitierten Essays liebgewonnen, das nimmt dem Schreibenden die Last, ein Thema in Vollständigkeit abzuhandeln was mir in meinen deutschen Arbeiten oft begegnet (gehört das jetzt noch dazu, muss das rein, versteht man das ohne x zu berücksichtigen, kann ich Meinung z ignorieren, ...) In jedem Fall ist der Essay zu 99% fertig, ich taste ihn nur noch auf linguistische Ecken und Kanten ab und werde ihn dann heute verschicken - also wünscht mir Glück.

Mit diesem Essay ist auch größtenteils erklärt, womit ich meine Woche verbracht habe, oft von 10-18 Uhr in der Universitätsbibliothek (länger hat sie leider nicht offen), abends mit um die Häuser ziehen oder auch im Kino. Im zweiten Beitrag heute werde ich ein bisschen über den Film "Irgendwo in Europa" sprechen und vielleicht ein paar Bilder hochladen.

Sonntag, 16. September 2007

Thärichensche Unschärferelation

In meinem letzten Post war ich am Donnerstagabend angekommen. Von hier geht es im rasanten Tempo und mit viel Begeisterung weiter, und zwar auf dem MOL Festival!

Wie es die Ironie will höre ich als zweites Konzert in Budapest eine bekannte Formation: Thärichens Tentet. Ich bin sehr gespannt auf die Gruppe, die ich zuletzt in einem Berliner Jazzkeller namens Quasimodo gehört habe, in der Gegend vom Zoo. Der Bandleader, Niki, ist mir sogar persönlich bekannt, er leitete das BJJO (Berliner Jugend Jazz Orchester) als ich 2004 mein Praktikum an der Landesmusikakademie Berlin absolvierte, in dem das BJJO auf das LJO (Luckman Jazz Orchestra) aus Los Angeles traf (viele Abkürzungen in diesem Satz). Dass er der Chefdirigent dieses Orchesters und außerdem einer der interessantesten deutschen Pianisten-Leader-Arrangeure war realisierte ich eher schleppend, zu netter Eindruck, zu kleine Statur, ein wenig der Eindruck eines Gnoms, versteckte Magie am Klavier, die erst nach und nach zum Scheinen kommt.
Die Konzerthalle ist ein Industrie-Lager-Gebäude, das direkt am Flussufer lieft, nahe eines der wenigen Grünstreifen am Wasser, dem Nehrupart (part=Ufer). Hier wandern insbesondere englische Touristen vorbei (oder die aus dem großen Bruderland) wie man unschwer hört, stets in Erwartung einer spannenden Sehenswürdigkeit mit der Geduld eines Eroberers, der schon alles gesehen und erlebt hat und daher entspannt den Rest der Welt mit seinen Blicken unterwerfen kann.

Vor dem Auftritt der bekannten 10erFormation gab es noch zwei andere Bands zu sehen. Begleitung hatte ich inzwischen in der bezaubernden Kinga gefunden, mit der ich einen sehr unterhaltsamen Abend verbrachte.

Die erste Band war das Babos Project Special. Dazu möchte ich nur sagen, dass der Sound barbarisch war (ok, draußen in einem Zelt an der Donau ist das nicht so einfach) und dass dieser Stargitarrist viel zu dominant, pathetisch und laut war. Er hatte neben sich eine dezent in schwarz gekleidete Sängerin stehen, die - glaube ich - auch ganz gut war, aber nur colla parte mit seinem Saitenorgan singen durfte und sich ansonsten brav zurückhalten durfte. Einige interessante Sachen (der Pianist war ganz ok, solange die Gitarre schwieg), aber ansonsten ein relativ gleichgültig stimmender Warmmacher.

Das änderte sich radikal beim zweiten Akt, beim Dresch-Quartett. Dresch ist der Leadsaxofonist, der begleitet wurde von drums, bass, marimba (!) und einem Gastmusiker auf Violine (95% der Zeit) und Trompete (Rest%). Was dann passierte war einfach nur phänomenal. Dresch wurde angekündigt als ungarische Volksrhythmen einarbeitend, und genau das passierte auf die bestmögliche Weise. Rasante Wechsel von Song zu Song, spektakuläre Soli, ein genau kalkulierte und mitreißender Drive - ich habe mich göttlich amüsiert. Riesiger Applaus und ein großes Plus für das Festival. Wenn ihr irgendwann was von ihm in die Hände bekommt, unbedingt anhören. Begeistert hat mich auch der gastierende Violinist, Ferenc Kovács, der sehr intelligent, sauber und virtuos die Geige erklingen ließ. Das Highlight am Ende war als schließlich Dresch zur traditionellen ungarischen Flöte glich und den Nahekollaps des Publikums herbeiführte. Und mein Gott, was man auf einer Marimba anstellen kann. Oft sehr nahe an den klanglichen Möglichkeiten eines Hammerflügels, ebenfalls sehr virtuos und eindrucksvoll dargeboten.

Als danach Thärichens Tentet langsam aber sicher in die Gänge kam war ich fast ein wenig enttäuscht, denn so brillant wie die Ungarn zuvor spielen die Musiker aus Berlin einfach nicht und ein Tentet ist dafür auch ein wenig zu statisch und unbeweglich. Aber schon nach einigen Minuten stellte sich die Beruhigung ein, dass es sich nicht um einen Absacker sondern doch um eine weitere Steigerung handelte. Ein großer Faktor dabei waren Nikis unglaublich geschmackvolle, humorvolle und exzellent ausbalancierten Arrangements. Vertont hat er dabei großteilig Gedichte von Robert David Laing, schottischer Psychiater und abgründiger Dichter, den Michael Schiefel mit seiner etwas jungenhaften hohen Stimme, linkisch abgestimmter Gestik und tiefgründigem Spaß bei der Sache überzeugend darbot. Jede Nummer führte tiefer in die Regionen, wo kontrapunktische Arrangements den Intellekt stimulieren, skurrile Bläsersätze erheitern und im nächsten Moment die hintergründige Textwende das Lachen im Hals stecken bleiben lässt. Ein großartiger Abend!

Die Skepsis gegenüber dem Folgeabend war relativ groß, da solche Leistungen erst einmal überboten werden wollten. Tagsüber besuchte ich den Einführungstag für Besucherstudenten an der ELTE, der in diesem Jahr das erste Mal stattfand und daher eine Art historische Dimension besaß. Nicht wirklich viel Neues. Das Highlight war, dass alle Studenten, die noch einen Ausweis brauchten, gebeten wurden ihn außerhalb des Saals zu beantragen und währenddessen allen denjenigen die schon einen hatten erklärt wurde wie man einen Ausweis beantragt. Spannend. Danach kurz zur Unibibliothek, dann Mittag beim chinesischen Schnellrestaurant und Magda (aus Polen, nicht aus meiner Wohnung) und Kinga davon überzeugen dass wir wirklich abends zum Jazzkonzert gehen wollten, was irgendwann dann auch Erfolg hatte.

An diesem Abend gab es weniger Highlights, aber dafür ein großes am Schluss. Zunächst spielten eine gute spanische Formation, in essentiam ein Saxofonist mit seiner langjährigen Rhythmusgruppe (Klavier / Bass / Drums), wobei der Bassist durch seinen liebevollen Umgang mit dem Instrument auffiel. Der mittlere Akt war eine großteilig ungarische Band mit britischem Gastsaxofonisten, sehr gute Musik. Das Ende bildete eine norwegische Ausnahmeerscheinung: Supersilent.

Dazu muss gesagt werden, dass schon am Vortag einige Besucher es vorzogen, anlässlich des Hauptakts um 21 Uhr schon das Gelände zu verlassen. So auch heute, aber die etwas kontrovers aufspielenden Norweger schafften es auch noch mehr zu vertreiben, während der Rest sich angenehm amüsierte. Schon das Programmheft kündigte sie als eine Gruppe ohne stilistische Einordnung, die man wegen improvisatorischer Natur der Darbietung unter Jazz einordnet, an. Das traf auch im vollen Maße zu. Den Beginn machte ein Trompetensolo, verhalten und dezent, schwebend und suchend. Dazu gesellte sich bald ein komplex-präziser Drummer, der während des gesamten Sets durchspielte und hervorragend die Wellen von elektronischer in handhabbare Blöcke gliederte. Diese Wellen stellten sich bald ein, mal meditativ (dronelike sagte das Programmheft), mal explosiv und an der Grenze zum Lärmgeräusch, aber insgesamt Musik zum sich-versenken, zum Mitgleiten und doch den Halt nicht verlieren. Hin und wieder eine gebrochene Stimme, die - wahrscheinlich - etwas zwischen Norwegisch und Nonsense drüber sang, aber ein wahres Klangerlebnis. Der einzige Wermutstropfen liegt darin, dass es sich fast nicht lohnt von ihnen eine CD zu kaufen - da ja jeder Auftritt von vorne beginnt und vollständig improvisiert ist. Wir waren trotzdem extrem euphorisiert und glücklich dass wir auch das zweite Konzert besucht hatten. Dazu trug auch das wahrscheinlich beste Essen bei, das man angesichts von schleichend-feuchter Kälte und fortschreitender Zeit haben kann: Kartoffelwedges (der deutsche Ausdruck "Spalten" ist total daneben, seit wann kann man Leerräume essen?) mit Ketchup / Senf / (Mayo). Knusprig, umami, und gut.

So long, keep on swinging.

Raum-Zeit-Verschiebung (Mo-Do)

Wenn Schreiben so etwas wie eine Kompensation und ein Ventil ist, so hatte ich im Laufe dieser Woche relativ wenig Bedarf. Trotzdem würde ich gern ein paar der schönen Momente aus meiner Zeit hier mit euch teilen und mir selbst zur Erinnerung bewahren.

Also der Reihe nach, eine Art Rückblick auf die Woche.

Montag, 10.9.
Montag war der letzte Tag unseres Sprachkurses, was ich sehr bedauert habe. Statt regulären Unterrichts haben wir eine kleine Rally durch die Uni unternommen und dabei mehr oder weniger kreative Aufgaben zu lösen gehabt. Dass wir dabei nur von einer Caféteria in die andere geschickt wurden war zwar auffällig aber nicht sonderlich hinderlich. Durch einen wilden Zufall wurde ich bei der Teambildung mit meiner Mitbewohnerin Magda zusammengewürfelt und mit der Teamfarbe blau bildeten wir die "két kék stréber" (zwei blaue Streber, das Wort stréber bedeutet im ungarischen genau das gleiche wie im Deutschen). Die aufregendste Aufgabe war sicherlich das geschmackliche Erkennen ungarischer Spezialitäten. Repräsentativ für die Getränke waren also: Unikum (angeblich so etwas wie Jägermeister, da ich JM aber kaum kenne würde ich es eher mit Hustensaft vergleichen), vörösbor (Rotwein) und palinka (Schnaps). Damit begann die Alkoholberieselung des Tages, denn im Anschluss an die Siegerzeremonie (wir gewannen souverän) wurden noch Diplome überreicht und Sekt getrunken. Mittagessen gab es bei der Szabó család, der Szabó Familie. Das ist ein kleines vendeglö nahe der Uni mit bezahlbarem Mittagstisch. Ein vendeglö bietet, im Gegensatz zum étterem, eher traditionelles ungarisches Essen an, házikost wenn man so will. Das heißt es gibt Suppe als Vorspeise (húsleves/bableves/... , aber immer mit Fleisch) csirkepörkölt (Hühnchengulasch, außer dass gulyás hier eine Suppe ist) als Hauptgang und Nachtisch palacsinta. Der Rest des Tages verschwimmt ein wenig, wahrscheinlich nichts passiert.

Dienstag, 11.9.


Ein frustrierender Tag. Um 9 Uhr stehe ich an der Quaestura wo es angeblich (laut Dokument dass ich im Immabüro erhalten habe) um diese Zeit Studentenausweise gibt. Nur hängt hier ein Zettel, dass die Veranstaltung erst um 12 beginnt. Ich hänge irgendwo rum und lerne vielleicht ein paar Vokabeln. Um 11.45 als ich wiederkehre ist bereits eine Schlange davor. Ich ziehe eine Wartemarke auf der keine Zahl steht sondern nur dass es heute keine neuen Ausweise geben wird. Immerhin unterhalte ich mich nett mit einer polnischen Studentin die neben mir in der Schlange steht und mir auf ungarisch versucht eine Frage zum Ausweisausstellungsprozess zu stellen, was leider misslingt. Ihre Eltern haben lange in Frankfurt gelebt, deswegen klappt Deutsch ganz gut. Danach will ich ein paar Fotos machen gehen, doch nach etwa 30 Bildern ist mein Akku leer. Etwas frustriert kehre ich nach Hause zurück.

Mittwoch, 12.9.

Mittwoch machte alles richtig was Dienstag falsch gemacht hatte. Wieder stehe ich um 12 Uhr am Immatrikulationsbüro, aber immerhin treffe ich wieder angenehme Gesellschaft. Kinga (in der Esztergomgallerie mit Bild vorhanden) studiert Psychologie, kommt aus Warszawa und steht zufällig nahe dem Ende der Schlange dem ich mich gleich zugeselle. Wir treffen noch andere Erasmusschlümpfe, die eine Mentorin im Gepäck haben, die uns also erklärt, wie und wo wir unser Formular für den Studentenausweis ausfüllen müssen. Wir treffen auch meinen Lieblingspunk Gerardo Nach erstaunlich wenig Komplikationen erhalten wir ein Formular, gehen palacsinta essen und bezahlen unsere Tantiemen an der Post. Hier in Ungarn zahlt man alle Rechnungen und alles sonst an der Post, so etwas wie Überweisungen werden eher selten genutzt. Zum Glück geht das meistens recht schnell und man erhält wunderbare gelbe Belege.

Danach machte ich mich auf ans Ufer der Donau, denn da meine Akkus wieder geladen waren konnte ich ein paar weitere Bilder schießen. Eine Auswahl dieser Tour und einige Bilder aus dem Sprachkurs folgen wahrscheinlich morgen oder später heute (je nach Lust).

Im Anschluss traf ich mich mit meinem neuen Mentor mit Namen Richard, aber er wird von allen nur Bogyo (sprich: Bod-jo) genannt. Ein lustiger Typ, langes Haar, Bart, etwas füllig, raucht wie ein Schlot, trinkt kein Bier. Genau, richtig gelesen: Die perfekte Metalschiene aber kein Bier, ich war schon sehr erheitert. Gleichzeitig führte er mich in die Gemeinschaft der Frühabendzyniker vom philosophischen Institut ein, wo ich mich gleich sehr zuhause führte. Die Essenz des Aufeinandertreffens war, dass es am Institut keine internationalen Kurse gibt, und ich eigentlich nichts belegen kann, aber dass die Profs sicherlich sehr kooperativ sein würden. Also werde wahrscheinlich mein Semester großteilig mit Selbstbeschäftigung verbringen, was mir eigentlich inzwischen auch lieber ist. Das ganze findet statt im Café könyvtár, was soviel wie Bibliothek heißt, sich direkt auf dem Campus befindet und sehr einladend ist. Definitiv die Bibliothek um die Nächte durchzuarbeiten.

Donnerstag, 13.9.
Morgens traf ich mich mit oben erwähntem Mentor, der mir das Institut zeigte (im i-Gebäude, aber nicht gesponsort von Apple) und einige der Dozenten. Es handelte sich um eine Vorstellungsveranstaltung für die Drittsemestler, arme Bachelorstudenten wie man sie auch zuhauf in Deutschland findet. Die Vorstellungsrunde war scheinbar recht lustig, das Wort führten im Wechsel ein alter putziger Mann der sich angeblich viel mit Sprachphilosophie beschäftigt und ein mit großem Riechorgan römisch anmutender Mittvierziger, der sich insbesondere mit griechischer Ethik beschäftigt, ein liebliches Team. Ansonsten alles beim alten, was den philosophischen Grabenkampf angeht: Historische Philosophen im Anzug, Analytiker im T-Shirt und kleine Anspielungen von hier nach da. Im Anschluss lerne ich die Bibliothek kennen. Bei der Bibliothek handelt es sich eigentlich nur um eine einzige Dame: Ottilia, kurz "Oti" gerufen. Sie sitzt an ihrem Tisch, man kann ihr einen Zettel geben und fragen ob das Buch vorrätig ist, sie geht in den Nebenraum und besorgt es oder eben nicht. Bei den drei Büchern für die ich mich momentan interessiert hätte lautet die Antwort leider sämtlich nein. Vorher habe ich sie in einem uralten Nachschlagkatalog gesucht, der auf einem der Computer installiert ist. Ein wunderhübsches DOS Programm fast ohne Benutzeroberfläche das bei jedem Programmstart erst einmal die Datenbank einlesen muss und dafür rund fünf Minuten benötigt, ich komme mir vor wie in C64 Zeiten, mit den lustigen Kassetten die man einlegte, dann einen Tee kochen ging und dann wiederkam um das geladene Wunderland zu begutachten. Im Leseraum stehen insgesamt vier Lexika und ein sehr gemütlich aussehendes Sofa (auch noch Tische und Stühle, ok). Sehr putzig ausgestattet, aber man kann dort halbwegs arbeiten, was ich auch in Maßen tue und an meinem Essay schreibe.

Zum Abend startete ich eine Art Mailingaktion aus meiner Handyliste um Begleitung für das Konzert am Abend zu finden. Welches Konzert? Das kommt im nächsten Post, denn dieser ist schon verdammt lang geworden. So, stay tuned für die Jazzkonzerte eures Lebens und Bilder von Sprachkurs und Budapest.

Dienstag, 11. September 2007

Fotozeit

Endlich bin ich dazu gekommen einige Bilder aus meiner neuen Fuji Finepixx S9600 hochzuladen. Ich schließe noch ein wenig Freundschaft mit der Kamera, daher bitte nur konstruktive Kritik!

Es gibt zu sehen (jeweils als Slideshow):
Mein Zimmer im kollégium, sehr empfehlenswert!
Meine neue Wohnung
Exkursion nach Esztergom.

Nincs Notstromaggregat

Dieser Blogeintrag verdankt seine Existenz dem (un)angenehmen Umstand dass wir uns in unserer Wohnung zur Zeit ohne Strom aufhalten. Bis jetzt vermuten wir nichts schlimmes, aber zum Beispiel der Techniker unserer Hausverwaltung, der uns heute besuchen kommen wollte, wird große Freude daran haben unsere Klingel zu bedienen. Heute werden die nötigsten Dinge korrigiert: Die Glühbirnen, die in allen Zimmern fehlen, uns wird ein zusätzlicher Schlüssel angeliefert für das Schloss an der Haustür, das sowohl von außen als auch von innen bedient werden kann (das gilt für das zweite Schloss nicht) und zuletzt werden noch Ikea Lackregale neu justiert, die unter der Last der Jahre schon ein wenig in die Schräge gesackt sind. Nichts spektakuläres also, aber es bleibt das Faktum, dass wir keinen Strom haben und es nicht unmittelbar absehbar ist, wann sich das klärt. Von unseren Nachbarn haben wir vor einigen Tagen eine nicht eindeutig einzuordnende Mitteilung erhalten, dass im Stockwerk unter uns demnächst Bauarbeiten beginnen die mit einem Kamin zu tun haben und uns eventuell betreffen. Bis jetzt haben wir nicht allzuviel davon mitbekommen, aber vielleicht handelt es sich hier um die ersten Ausläufer einer größeren Einschränkungslawine.


Insgesamt habe ich mir vorgenommen über mehrere Dinge zu schreiben: Über die Exkursionen, die wir unternommen haben (nach Gödöllö, Eztergom und in die Höhlen von ...), über unsere Wohnung, die wir gestern in einer rapide wachsenden Feier eingeweiht haben und über das Leben hier in der ungarischen Steppe.


Für gestern Abend hatten wir eine kleine Zusammenkunft mit Gitarre, Essen und ein wenig Wein geplant. Auf der Exkursion zur Höhle, an der neben Xabier und mir die „dormitory girls” und zwei Mentoren der ELTE teilnahmen kam das Gespräch auf diesen Termin und somit waren noch vier zusätzliche Personen eingeladen. Die „dormitory girls” sind Ruta aus Litauen und Patricia aus Belgien, die ab Morgen in ihrem Vollzeitstudienort in ... sein wird und daher Budapest verlässt. Aus Solidarität wohnt Ruta weiterhin mit ihr in einem Zimmer und so sind die dormitory girls geboren. Die uns begleitenden Mentoren bestanden aus dem ungleichsten Paar das man aus der Vielzahl von Helferlein zusammenstellen kann: Der große Marton und Daniel. Marton erscheint als ein administrativer Mensch, Vizepräsident der foreign students Betreuung an der ELTE, immer mit meetings und offiziellen Angelegenheiten beschäftigt, ein wenig allergisch gegenüber Tanz und Bewegung, eher dem Bier zugeneigt, und wie ich vielleicht schon vorher schrieb etwa 2,15 m groß. Ein lustiger Typ, humorvoll und kompetent, aber ein wenig in seinem offiziellen Format eingerahmt. Daniel auf der anderen Seite, Zopf aus gelockten blonden Haaren, Piratentuch, coole Sonnenbrille, ebenfalls Mentor und institutionell tätig, aber immer der Mann für die inoffizielle Unternehmung, den freien Eintritt, den diskreten Geheimtip, das letzte Bier und den Sextalk am Nachmittag. Einer von den Typen, die viel erzählen, versprechen, vielleicht nicht alles halten aber doch dauernd in Bewegung sind und die Umgebung dabei mitnehmen. Damit waren wir also zu sechst auf dieser Exkursion, die wirklich spannend war.


Der Legende nach wurden die Höhlen entdeckt als ein Schaf durch einen der Schächte hineinfiel und die Menschen es retten wollten. Das Höhlennetzwerk wird immer noch erkundet, auf einer bunt eingefärbten Karte am Eingang wurden deutliche Erweiterungen des erschlossenen Gebiets noch 1997 verzeichnet beziehungsweise als „nach dieser Zeit” markiert. Insofern handelt es sich um einen weiter laufenden Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist. Daniel, der Geographie und Psychologie studiert erzählt dass er einmal eine Exkursion in einen der weniger gut erschlossenen Bereiche der Höhlen unternommen hat und uns einen weiteren Teil zeigen könnte, er müsste uns nur Schutzausrüstung und den Schlüssel besorgen. Marton bedient übrigens wochenends Paraglider und so haben wir die Funsportler für uns. Die Tour wird geführt von einer Höhlenexpertin, die uns auf die benannten Tiere am Wegrand hinweist, hier Krokodile, dort Schildkröten, bis hin zu Skorpionen, Mäusen und einem Damoklesfelsblock, der angeblich herunterfällt wenn jemand vor kurzer Zeit eine Lüge erzählt hat – aber scheinbar lügen die Besucher nicht, deswegen hängt der Felsblock immer noch. Von dem was ich verstehe kann ich mir erschließen dass die Höhle sehr feucht ist und über Quellen steht – oft finden sich grüne Schichten an den Wänden, die Luft ist empfindlich feucht, die Geländer schlüpfrig und oft sind hängende Tropfen sichtbar, die nach und nach zu Stalagmiten werden.


Soviel von heute, inzwischen war ein Techniker da, Strom geht wieder, es lebe die Zivilisation. Der Bericht von Eztergom muss warten, erstmal wird es ein paar Fotos geben.