Montag, 8. Oktober 2007

Klatschzwang

Gestern habe ich ein schönes Konzert besucht und fast den ganzen Abend Ungarisch gesprochen, was ein wenig anstrengend war, aber insgesamt fühle ich mich jetzt deutlich wohler. Unterwegs war ich mit Dagmar, die in Frankfurt geboren ist, jetzt in der Gegend von Poznan wohnt und hier sowohl Ungarisch als auch Deutsch studiert. Da sie auch nicht perfekt Ungarisch spricht war meine Verstehensrate höher als normal (sie hat sich auch Mühe gegeben) .

Das Konzert fand statt in der Musikakademie, im kleinen Saal. Anfangs sah es so aus, als würden wir gar nicht erst den Saal betreten dürfen, jegliche Leute mit Ahnung verwiesen uns jeweils darauf, dass irgendetwas oben geschehen würde und das bald. Wir warten also brav, wundern uns warum noch viele andere Leute da rum stehen und geduldig auf - was eigentlich - warten. Dann irgendwann das geheime Zeichen, am Treppenaufgang werden Reservetickets ausgegeben (da steht angeblich so etwas wie VIP drauf, tiszteletjegy, was soviel wie "Ehrenticket" heißt). Damit dürfen wir uns auf den ersten Rang im Konzertsaal begeben, von wo wir einen guten Blick auf das Geschehen auf der Bühne haben. Es spielen zongora und hedegü, also Klavier und Geige, insgesamt drei Sonaten, Mozart, Beethoven, Brahms. Die Klassiker reißen mich wenig mit, aber beim Brahms hat sich das Duo anscheinend gefunden, das Klavier (mit offenem Deckel) übertönt die Violine nicht mehr derartig eklatant wie vorher und der etwas scheue Violinist traut sich und seinem Instrument mehr zu.

Soweit ich mich erinnere und die Programmansage verstanden habe befinden sich beide Instrumentalisten noch in Ausbildung, was sich an einigen Stellen bemerkbar macht. Beim Mozart spielt der Pianist ein wenig zu glatt, zu sehr mit der Sicherheit des zwanzigsten Jahrhunderts, wobei bei Mozart der leicht abbrechende, perlend-schwebende Klang des Hammerklaviers noch immer in der Luft liegt - und ich bin wohl schon sehr daran gewöhnt. Bei Beethoven so ähnlich, sie spielen die "Frühlings"-Sonate, aber ohne den notwendigen Elan, es fehlt der Rausch, in den Beethovens Musik versetzen kann, so etwas wie früher Heavy Metal zum mitbangen. Beim Brahms - wie gesagt - wird das meiste besser. Mein Ideal von Violinisten macht sich wirklich größtenteils daran fest, wie verzärtelt sie mit ihrem Instrument umgehen oder auch nicht. Es mag platt klingen, aber wenn eine gewisse Brutalität da ist, ein Bewusstsein dass das Instrument nicht nur Wohlklang produzieren kann sondern die gesamte Palette von Stimmen, die darin stecken, fühle ich mich wesentlich wohler.

Danach trinken wir noch sehr guten Kaffee und Kakao (Kaffee mit so einer tollen Süßdickmilch) im incognito und realisieren dann irgendwann dass der Abend schon weit fortgeschritten ist. Ich bin auch noch etwas müde, da ich am Nachmittag laufend den Weg zur Margitsziget gesucht habe. Das war etwa eine Dreiviertelstunde hin, dann nochmal soviel kreisend um die Insel. Es gibt dort ein schmales Band einer Laufbahn, die sich in insgesamt fünfkommadreihundertfünfzig Kilometern um die Insel zieht und damit vierfach einen Halbmarathon ergibt. Ein ganz anderes Gefühl, besonders wenn man vorher nur über Straßen gehastet ist, als würde man in den Boden einsinken, wie am Strand, aber deutlich gelenkschonender. Dann nach Hause, und wie gesagt ins Konzert.

Eine Sache ist mir noch im Konzert aufgefallen und motiviert den Titel dieses Eintrags. Die Ungarn haben eine Art bei Konzerten zu klatschen mit der ich nicht zurechtkomme. Der eingangs angestimmte, ungeordnete Applaus wandelt sich - für meine Begriffe - viel zu schnell in ein rhythmisches Geräusch. Erst relativ schnell, dann, wenn die Akteure zum ersten Mal wieder die Bühne betreten haben, in einem langsameren Rhythmus mit dem Gestus der Aufforderung, doch noch mehr zu spielen, noch eine kleine Zugabe darzubieten. Das ist an sich nicht schlimm, aber die Geplantheit dieser Begeistertheit und die erstaunlich schnell erreichte Konformität, das wundert mich schon beides und macht es mir unmöglich, daran teilzunehmen. Ich als Freiklatscher. Naja.

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