Donnerstag, 4. Oktober 2007

Konstruktionsfortsetzung

Wie schon vorher angedeutet, meine wichtigste Aufgabe in Budapest im Moment liegt darin, irgendwie eine alltagsähnliche Struktur aufzubauen. Dabei helfen natürlich meine Lehrveranstaltungen, die ich seit Montag fleißig besucht habe, mit einer Ausnahme: Erst Morgen werde ich die erste Sitzung des Seminars "Metaphysics of Early Modern Empiricists" besuchen, da die Sitzung am Montag verschoben wurde. Da es hier ein wenig zu berichten gibt werde ich diesen Eintrag also der Uni und meinem Verhältnis zu ihr widmen.


Die Central European University

Zwei meiner fünf Kurse belege ich an der Central European University. Wollte ich polemisch sein, so stellt sie eine Promotionsmaschine für die Studenten des ehemaligen Ostblocks dar, so strategisch platziert wie ein antinuklearer Raketenschild. Finanziert wird sie, soweit ich es verstehe, vom amerikanischen Staat und ist (administrativ) Teil von New York. Dennoch bin ich dankbar, dass sie für mich die Türen geöffnet hat, denn so einfach ist auch das nicht: Ein Hauch von US-Amerikanischer Paranoia weht durch die Hallen, denn ohne Ausweis oder expliziten Grund für die Gästeliste darf man das Gebäude nicht vertreten. Am Freitag vor meiner Abreise nach Oppurg war ich noch gescheitert, aber nun, da ich ein höchst-professorales Placet vorweisen kann ist das Problem nicht mehr existent. Ich habe mich ebenfalls dafür beworben, in der Bibliothek arbeiten und forschen zu dürfen und hoffe zu Montag auf meine Akkreditierung.


Greek Reading Seminar

Der erste Kurs den ich besucht habe fand im Büro eines der begabtesten Altsprachler Ungarns statt, bei Gabór Betegh. Der junge Mann in Turnschuhen führte uns zusammen mit dem römischen Kriegsveteranen István Bodnár in den Kurs ein und sondierte das Material das vor ihm lag: Statt der erwarteten sieben Mediavisten, etwa fünf Erasmusstudenten, zwei PhDs, und mit meinem Graecum befand ich mich in der Spitzengruppe der Griechischkenntnisse. Wir lesen einen Text von Alcinous, der mir bisher sehr gut gefällt. Er beginnt mit der Geisteshaltung, die ein wahrer Jünger der Philosophie mitbringen sollte, wenn er sich an seinen Liebesgegenstand annähert. Natürlich darf er an den körperlichen Genüssen keine Freude finden, er muss mit einer gewissen Gelassenheite seine Sinne auf die Aufgabe fokussieren und sich nur an die Wahrheit halten und die Falschheiten meiden. Bisher also nichts neues, und viele hohe Ideale.


A téridö fisikájáról a tér és idö metafisikájáik

Von der Physik der Raumzeit zur Metaphysik von Raum und Zeit. Natürlich hält die Vorlesung ein freakiger Wissenschaftstheoretiker im T-Shirt, E. Szábo Laszlo, wobei keiner weiß, wofür das E. genau steht. In jedem Fall war die Vorlesung sehr instruktiv, ich konnte die wichtigsten Wörter nachschlagen (so etwas wie "fénysebesség = Lichtgeschwindigkeit, na most (und jetzt...) oder auch tildes (mit Tilde) / kalapos (mit Hut)), so auch Raum und Zeit, entweder mit Tilde oder mit Hut. Da ich das Thema in etwa kannte (unterschiedliche Beschreibungen von Bewegung in Raum und Zeit) konnte ich grob verstehen was der Dozent von mir wollte, aber letztlich nicht so viele Details mitnehmen. Irgendwann gesellte sich mein Mentor, Richard, zu mir, der mir danach mitteilte, dass er zumindestens inhaltlich auch nichts verstanden hätte. 1-1 also.


Sprachkurs

Über den Sprachkurs habe ich schon vorher Gerüchte gehört, wieviele wirklich daran teilnehmen. Angeblich sind es insgesamt bis zu 25 Teilnehmer und die Lehrerin Virág wies bei der ersten Sitzung am Dienstag darauf hin dass es zwar nur 15 pro Termin sind, aber immer 15 andere - und daher ein regulärer Fortschritt nicht möglich ist. Das konnte ich an den zwei Terminen auch live verfolgen. Besonders erschreckt hat mich die Schwäche in der Aussprache - in unserem Minikurs wurden wir zu viert die gesamte erste Woche damit gequält die Differenz zwischen a und á, o und ó, e und é zu lernen. Das scheint anderswo nicht unbedingt geschehen zu sein und meine Ohren schmerzen ein wenig.


Mi az újkor?

Was ist Neuzeit? Eine interessante Frage, zu der ich ja schon eine kleine Hausarbeit geschrieben habe, zu Blumenbergs "Legitimität der Neuzeit". In diesem Doktorandenseminar werden verschiedene Texte gelesen, wo es um die Definition dieser Epoche geht. Das Seminar war bisher das anstrengendste. Am Anfang hat mich Gabor Boros, mein Vertrauensdozent, wenn man so will, eingeführt, als Studenten aus Berlin, mit einigen Formulierungen die ich nicht verstanden habe, und mit dem Vermerk, dass ich auch Ungarisch spräche. Während des Vortrags, über Habermas "Strukturwandel der Öffentlichkeit", wunderte ich mich besonders darüber, dass mein Dozent noch unverständlicher sprach als der Referent. Immerhin habe ich es aber geschafft, einen langweiligen Vortrag zu identifizieren ... das ist in einer fremden Sprache nicht so einfach. Das Vokabular daher: polgarí család (bürgerliche Familie), fontosság (wichtige Sache) und natürlich nyelvánoság (Öffentlichkeit). Alles mit -ság oder -ség ist eigentlich eine Substantivierung von irgendwas. Tehát ... (also) ...


Rudas Fürdö

Zuletzt war ich heute Abend noch im vor nicht langer Zeit wieder eröffneten rudas fürdö. Es liegt in der Gegend der szabadsághíd und beinhaltet die ältesten Badgebäude in Budapest, aus dem Jahr 1566. Wie es sich zu dieser Zeit gehörte sind vier Abende der Woche den Herren gewidmet, die Damen erhalten den Dienstag und der Rest ist gemischt. Ein hübsche Anlage, mit diesem besonderen, nach faulen Eiern riechenden Wasser das suggeriert dass es sehr gesund ist. Diejenigen die mich besser kennen wissen, dass ich Eier in ihrer rohen / gekochten / gerührten Form nicht ausstehen kann. Aber was heilt ...

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