Mittwoch, 24. Oktober 2007

Bükkenrede, Teil 1

Sehr geehrtes Publikum,
die Zeit geht mir zu schnelle rum,
kaum das ich mich versehen hab,
seit Wochen nichts ich schreiben tat,
und so hol ichs noch heute nach,
oder doch am morgigen Tag.

Entschuldigt die Einleitung die hoffentlich weit unter meinem sonstigen Niveau liegt, aber diese Anspielung fühlte sich so unentgehbar an, dass ich prompt darauf hereingefallen bin. Der Anlass dieser Geschmacklosigkeit liegt an der Unternehmung an der ich die Ehre hatte von Samstag bis Montag teilzunehmen, und wo es um den ungarischen Nationalpark, die Bükk, ging. Inzwischen sollten die Gesichter und Namen in meiner doch relativ konstanten Reisegruppe bekannt sein, daher ohne lange Umschweife: Zu sechst machten wir uns am Samstagmorgen in Richtung Eger auf. Der Akzent, der nicht auf dem zweiten e liegt ist wichtig, denn egér heisst auf ungarisch "Maus". Doch in Eger lebten nie Mäuse sondern wahre Männer die Ochsenblut tranken und Türken hinschlachteten.

Am Abend davor wurde mir noch echtes ungarisches Pörkölt serviert, das man in Deutschland wahrscheinlich mit "Gulasch" bezeichenen würde, aber gulyas ist hier eine Suppe und Pörlölt ist eben Pörkölt, eine etwas suppige Fleisch und Beilagenanordnung in einem Topf, über Stunden auf dem offenen Feuer zubereitet und exklusiv den Gästen serviert. Wir verdankten den freundlichen Umstand der Bewirtung der Abwesenheit des Hausherren, in dessen Absenz der Sohn Freunden und Mutter alkoholische Getränke und Zigaretten gestatten konnte, die sonst kaum ins Haus und noch weniger in die Tüte gekommen wären. Daher gab es von Mami zur Begrüßung auch Becherovka und weiter gings in dem Stil. Dass der Rest der Eingeplanten bis etwa 11 Uhr nicht auftauchte machte es Magda und mir umso einfacher sämtliche lang- und kurzfristigen Gelüste nach ungarischem Essen erst einmal zu stillen. Als dann noch mehr Personal eintraf wurde noch ein nettes Beisammensein daraus, dem wir uns aber, im Anbetracht unser frühen Abfahrt am nächsten Tag, bald entzogen. Der Abend fand ganz um die Ecke von unserem alten kollégium statt, wo ich [wie irgendwo nachzulesen ist] zwei freudige, sich etwas nach Internat anfühlende, Wochen verbrachte bis ich definitiv beschloss dass eine eigene Wohnung komfortabler wäre.

Also nochmals, wir setzten uns morgens in den Zug und fuhren nach Eger. Das dauert insgesamt in etwa zwei Stunden, und schon waren wir im fremden Land. Eger ist eine relativ überschaubare Stadt mit vielen zentralen Türmen (Kirchen, Lyceen mit Sternenwarte, ein Bischofspalast), einer Burg über der Stadt und einer recht guten Touristeninformation über die wir sogleich gierig herfielen. Wir erhielten also in drei Sprachen (Englisch, Deutsch, Polnisch) Faltblätter über Eger und Umgebung. Danach beschäftigten wir uns, misstrauisch beäugt in einem bayerischen Spezialitätenrestaurant sitzend, mit der Suche einer Herberge. Ungarisch fragen ist nicht so schwer. Ungarische Antworten verstehen, hingegen, ist eine fortgeschrittene Übung die ich nur in einigen Fällen erfolgreich meisterte. Schließlich fanden wir eine Pension am Stadtrand, kauften Verpflegung für die nächsten Tage, wanderten Richtung Stadt. Die zwei Spanier gingen Reiten (an unserem nächsten Stop, Szilvásvárad gibt es berühmte Lippizaner) und der Rest erkundete die Burg über Eger. Hier wurden vor etwa fünfhundert Jahren zwanzigfachüberlegene Türken erfolgreich zurückgehalten, auf der Burg tranken sie einen Mischwein, den sie heute Egri Bikavér nennen (Erlauer Ochsenblut, Erlau ist natürlich der alte deutsche Name). Eingenommen wurde die Burg erst um 1600, als sie von Söldnern verteidigt wurde (hier zeigt sich der interessante, ewigwährende Topos vom einzig wahren Heer, dem Bürgerheer, das um seiner eigenen Güter willen deutlich besser kämpft als jedes Söldnerheer). Von der Burg hat man einen wunderschönen Blick über die Stadt, mit ihren jeweiligen Twintowers (ein schönes Terroristenausbildungslager wäre das) und auf einem Hügel in der Mitte stehen drei golgatische Kreuze, die mit sinkender Sonne ein schönes Panoramabild abgeben.

Zum Abend hin flanieren wir in Richtung des Tals der schönen Frauen, wo in natürlich dauerklimatisierten Kellern die Egrer Weine dahinreifen. Wir kehren noch in einem etwas zu volkstümlich aufgemachten Restaurant ein, erreichen gerade noch, dass wir eine Flasche Wein vor der Sperrstunde mitnehmen dürfen und verköstigen diesen guten Tropfen (natürlich Bikavér) in unserer Pension. Er schmeckt wirklich wunderbar, dazu gesellt sich wie so oft Gitarre und Gesang. Wir bringen den versammelten Spaniern und Polinnen "He ho, spann den Wagen an" bei und beenden somit die erste erfolgreiche Station.

Mittwoch, 17. Oktober 2007

Pozsony, Pressburg, Bratislava

Am Sonntag waren wir, das sind Magda, Xabier, Ferran und ich, Pozsony, wie der alte ungarische Name der Stadt lautet. Hier wurden über Jahrhunderte die ungarischen Könige gekrönt. Uns führte aber eine andere Mission: Andrew, aus Neuseeland stammend, hatte am Tag zuvor seinen Flug nach Budapest verpasst und nun stattdessen, da günstiger, einen Flug nach Bratislava genommen. Wir brachen also in aller Frühe zu einem Kurzbesuch in der slovakischen Hauptstadt auf.

So spontan die Idee war, die Vorstellung dass sie sonderlich originell sei zerstreute sich bereits auf dem Bahnhof. Wir trafen, ungelogen, insgesamt fast zehn andere Studenten, die sich just an diesem Tag nach Bratislava aufmachten, meistens nur in Gruppen von zwei oder drei abgesprochen, aber dennoch alle vor Ort. Das wirft Fragen auf: Handelt es sich um eine Spielart des Schicksals? Gibt es eine intersubjektive Kraft, die uns alle an diesem Tag nach Bratislava zog, so wie beim Gläserrücken auf magische Weise die Buchstaben nacheinander auftreten? War Budapest allen simultan zuviel oder zuwenig geworden, so dass sie sich nun an fremden Gütern bereichern mussten? Was war geschehen?

Der Zug nach Bratislava braucht drei Stunden und fährt fort bis Berlin Gesundbrunnen. Diese fernen Orte klingen seltsam, da sie früher so nah lagen, der Rückzug kommt zum Beispiel ganz aus Hamburg. Das Modell ist ein typischer Eurocity, keine Überraschungen, ausreichend bequem und nicht allzuvoll. Wir sind zwar schon gewöhnt an günstige Preise, aber wieder schockt uns die ungarische Freigebigkeit, der Weg nach Bratislava hin und zurück kostet lediglich 3800 Forint, also etwa 16 Euro. Dafür gibt es in einigen deutschen Städten vielleicht gerade eine Tageskarte. Was überrascht ist vielleicht die Grenzkontrolle, mit der man aus Schengenländern kommend kaum noch rechnet, einmal slovakisch, einmal ungarisch, aber alles ohne Probleme. Der deutsche Personalausweis geht scheinbar besonders schnell durch die Kontrolle, sowohl hier als auch am Flughafen. Mit einer halben Stunde Verspätung erreichen wir Bratislava.

Die Stadt verhält sich sehr anders als Budapest. Es gibt einen klassischen Stadtkern, um den sich die Neubauten angesiedelt haben, hier artig getrennt durch die Donau. Jenseits des anderen Ufers ragen sozialistische Neubauten in großer Anzahl empor, aber in dieser konsequenten Verbreitung wirken sie nicht so verfehlt und deplatziert wie teils in Deutschland. Wahrscheinlich ist es auch die Distanz. Der Stadtkern ist, was reguläres Leben angeht, tot. Doch treiben natürlich die Touristengruppen ihr untotes Unwesen, zähflüssige Blobs die schleichend und kriechend durch den Kern wabern. Ungefähr zwei Drittel der Führungen sind auf Deutsch, was angesichts der Steinwurfdistanz nach Wien nicht sonderlich überrascht. Abgesehen von diesem Phänomen, dass Touristen andere Touristen anfeinden, da sie das "Original" des Orts verschandeln, ist die Stadt aber sehr schön. Wir sehen einige weltbekannte Straßenzüge, Tore, die Donau und das Opernhaus. Später steigen wir empor zur Burg über der Stadt, die wieder einen sehr guten Ausblick über die Donau bietet. Besonders hübsch gestaltet sich die große neue Brücke mit Ufo-Restaurant, die sich elegant über den Fluss legt. Um mich nicht in ineffektiven Beschreibungen zu verlieren, hier nochmal der Link zu meiner fotographischen Dokumentation.

Den Zweck unseres Besuchs haben wir dann schließlich doch noch erreicht: Wir haben Andrew aus Neuseeland, der derzeit an der Uni Uppsala studiert, eingesammelt und heil mit nach Budapest gebracht. Dabei machte er schon erste Bekanntschaft mit slovakischen Fahrkartenkontrolleuren (35€ für eine Fahrt) und mit dem - zugegeben - recht guten Bier im Ort. Seinen Berichten zufolge hat er bereits 11-12 europäische Länder bereist in der Zeit die er in Europa verbracht hat, eine Art Fähnchensammeln auf dem Halbinselkontinent. Ein sehr umgänglicher Mensch, in jeder Lage bereit "awesome" zu sagen, kollegial und trinkfreudig. Heute ist er schon wieder weitergereist, nach Brüssel. Einen wichtigen Tip hat er hinterlassen: Angeblich ist es möglich, in einer Gemeinde von Couchsurfern eine Mitgliedschaft zu erwerben, und sich rund um die Welt auf Couches einzunisten, natürlich mit entsprechender eigener Gegenleistung. Damit keiner das System missbraucht kann man Rezensionen zu Besuchern schreiben. Andrew würde ich eine gute geben, aber ist dies nicht ein furchtbares Werkzeug? Ruinierte Leben wegen einer schlechten Couchrezension? Keine Besucher mehr solange Web 2.0 existiert? Denkt an die armen Wale!

Montag, 15. Oktober 2007

Rhythmusverwertung

Neue Bilder!

Dass ich heute morgen noch dachte, dass dieser Tag nichts wird, hat wenig verhindert: Sogar schreibe ich noch ein paar Zeilen auf diese Webseite, aus schlechtem Gewissen oder aus hyperaktivem Überschwang, ewig wird es verborgen bleiben. Um diesem Sentiment genauer zu definieren, das früh im Bett entstand und dem noch ein Universitätstag, der erst mittags um eins beginnt, zugute kam, ein Blick aufs Wochenende.

Am Freitag habe ich wieder ein wunderbares Konzert besucht. Dieser Blog ist keine Rezensionsveranstaltung, aber sollte sich in näherer Zeit Vadim Gluzman in eurer Stadt befinden und ein Violinkonzert spielen, dann geht hin! Der Mann hat einen einfach wunderbaren Ton, eine schöne alte Stradivari, ein sehr kontrolliertes Vibrato, einen hellen aber keinen fiepsenden Geigenklang. Ich habe ihn mit dem Beethovenkonzert gehört und war ungemein angetan (nur die Kadenzen ... vielleicht bin ich zu sehr Kreisler gewöhnt, aber die Stelle, wo beide Themen gegenläufig erklingen ist wirklich sehr gut gemacht). Dagegen fiel das Mendelssohn Oktett, dass das ebenfalls anwesende Kammerorchester spielte, leider etwas ab, gegen die Wucht des vierzigminütigen D-Dur-Monsters. Bei der Gelegenheit habe ich auch zum ersten Mal ein Konzert im sogenannten "mupa" gehört, im müvészetek palotája, also quasi im Palast der schönen Künste. Der Konzertsaal ist wunderbar und neu, und vielleicht der höchste den ich bis jetzt bereist habe. Die Studentenplätze, die 200 Forint kosten (das ist nichtmal ein Euro) befinden sich auf dem dritten Rang und sind Stehplätze (außer man findet sich damit ab, nichts zu sehen, und setzt sich fern des dräuenden Abgrunds auf eine Bank), aber an sich ist Stehen eine schöne Form, ein Konzert zu hören. Man kann sich wiegen, ein wenig schwanken, den Schwindel der Höhe genießen und dennoch alles mitbekommen. Am Donnerstag will ich - technisch gesehen - wieder hin, da kommt der alte Jazzlöwe Keith Jarrett, dem ich dann aus dem dritten Stock auf die wachsende Glatze spucken kann.

Aber das war nur der Anfang. Danach begab ich mich zu Magda, die am Déak Ferenc in einer verwinkelten eklektischen Wohnung wohnt, zu Film, Sandwich und Pokerspiel. Wir sahen "Kontroll", einen preisgekrönten ungarischen Film, der in der verfremdeten Metro spielt. Die Budapester Metro ist tatsächlich eine Erfahrung für sich, wie auf einigen meiner Bilder zu erahnen geht es dort immer sehr steil nach unten (bis auf in der Linie 1, aber die wurde 1896 erbaut, das zählt nicht). Unten fühlt man sich ausgesondert und atomkriegssicher, und dieses Szenario beutet der Film hemmungslos aber doch recht stilvoll aus. Wer mich und Poker kennt weiß dass ich mich über den Poker-Wahn der Deutschland inzwischen befallen hat bis dato nur mokiert habe, wer mich genauer kennt weiß dass ich ein Spieler bin und daher eigentlich nur das verdamme dem ich nicht verfallen will. Heute abend ging es zum Glück nur um Rosinen und Sonnenblumenkerne (1:2, also small blind Sonnenblume, big blind Rosine) mit der schier unerfüllbaren Aufgabe, sich beim Essen der Chips zurückzuhalten. Ich gab mein bestes um nicht allzusehr zu gewinnen und setzte mein freundlichstes "Ja ich habe wirklich zwei Paare"-Lächeln auf.

Dann war es spät, aber nicht zu spät, noch einen kleinen Spaziergang zu machen. Vom déak ferenc ist es nicht sonderlich weit zur Donau, sobald man mal da ist kann man auch die Brücke überqueren, und wenn man schonmal drüben ist, so ist auch der Burghügel nicht weit. Also kletterten wir um vier Uhr morgens auf die Budapester Burg hoch und warfen einen Blick auf die wabernden Lichter der langsam wieder erwachenden Großstadt (sehr langsam, war ja schließlich Samstag). Ganz hübsch. Um sechs dann ins Bett gefallen und geschlafen bis der Kaffee fertig war.

Samstag abend habe ich eine kleine Party einer Mitleidenden aus dem Sprachkurs besucht, wo die Hälfte aus Psychologiestudenten des ersten Semesters und die andere aus ungarischen Rugbyspielern bestand. Ein explosives Gemisch? Nun, nicht mehr als die total versüsste Pizza, wobei mir klarer wurde, warum die Ungarn sie nur mit Ketchup ertragen. Schokofondue nicht vergessen, und dann der Rückweg aus dem Bunker durch den achten Bezirk. Dort wohnen angeblich besonders viele Gipsies, passieren die meisten Überfälle, dort findet das wahre Bronxleben Budapests statt. Um zwei Uhr da durch, am Friedhof entlang zu gehen war schon ein gewisser Kick. Zuhause treffe ich dann Magda#2 (meine Mitbewohnerin), die mich fragt was ich am Sonntag mache. Ich antworte natürlich fleißig studieren "nichts" und werde mit dem Vorschlag konfrontiert, nach Bratislawa zu fahren, um acht Uhr morgens - natürlich stimme ich zu. Dort landet nämlich Kiwi-Andrew, Neuseeländer auf der Mission ganz Europa zu bereisen und gegenwärtig Student an der Uni Uppsala. Mehr zum Clash of Civilizations und was wirklich in Bratislava los ist - im nächsten Eintrag!

Montag, 8. Oktober 2007

Klatschzwang

Gestern habe ich ein schönes Konzert besucht und fast den ganzen Abend Ungarisch gesprochen, was ein wenig anstrengend war, aber insgesamt fühle ich mich jetzt deutlich wohler. Unterwegs war ich mit Dagmar, die in Frankfurt geboren ist, jetzt in der Gegend von Poznan wohnt und hier sowohl Ungarisch als auch Deutsch studiert. Da sie auch nicht perfekt Ungarisch spricht war meine Verstehensrate höher als normal (sie hat sich auch Mühe gegeben) .

Das Konzert fand statt in der Musikakademie, im kleinen Saal. Anfangs sah es so aus, als würden wir gar nicht erst den Saal betreten dürfen, jegliche Leute mit Ahnung verwiesen uns jeweils darauf, dass irgendetwas oben geschehen würde und das bald. Wir warten also brav, wundern uns warum noch viele andere Leute da rum stehen und geduldig auf - was eigentlich - warten. Dann irgendwann das geheime Zeichen, am Treppenaufgang werden Reservetickets ausgegeben (da steht angeblich so etwas wie VIP drauf, tiszteletjegy, was soviel wie "Ehrenticket" heißt). Damit dürfen wir uns auf den ersten Rang im Konzertsaal begeben, von wo wir einen guten Blick auf das Geschehen auf der Bühne haben. Es spielen zongora und hedegü, also Klavier und Geige, insgesamt drei Sonaten, Mozart, Beethoven, Brahms. Die Klassiker reißen mich wenig mit, aber beim Brahms hat sich das Duo anscheinend gefunden, das Klavier (mit offenem Deckel) übertönt die Violine nicht mehr derartig eklatant wie vorher und der etwas scheue Violinist traut sich und seinem Instrument mehr zu.

Soweit ich mich erinnere und die Programmansage verstanden habe befinden sich beide Instrumentalisten noch in Ausbildung, was sich an einigen Stellen bemerkbar macht. Beim Mozart spielt der Pianist ein wenig zu glatt, zu sehr mit der Sicherheit des zwanzigsten Jahrhunderts, wobei bei Mozart der leicht abbrechende, perlend-schwebende Klang des Hammerklaviers noch immer in der Luft liegt - und ich bin wohl schon sehr daran gewöhnt. Bei Beethoven so ähnlich, sie spielen die "Frühlings"-Sonate, aber ohne den notwendigen Elan, es fehlt der Rausch, in den Beethovens Musik versetzen kann, so etwas wie früher Heavy Metal zum mitbangen. Beim Brahms - wie gesagt - wird das meiste besser. Mein Ideal von Violinisten macht sich wirklich größtenteils daran fest, wie verzärtelt sie mit ihrem Instrument umgehen oder auch nicht. Es mag platt klingen, aber wenn eine gewisse Brutalität da ist, ein Bewusstsein dass das Instrument nicht nur Wohlklang produzieren kann sondern die gesamte Palette von Stimmen, die darin stecken, fühle ich mich wesentlich wohler.

Danach trinken wir noch sehr guten Kaffee und Kakao (Kaffee mit so einer tollen Süßdickmilch) im incognito und realisieren dann irgendwann dass der Abend schon weit fortgeschritten ist. Ich bin auch noch etwas müde, da ich am Nachmittag laufend den Weg zur Margitsziget gesucht habe. Das war etwa eine Dreiviertelstunde hin, dann nochmal soviel kreisend um die Insel. Es gibt dort ein schmales Band einer Laufbahn, die sich in insgesamt fünfkommadreihundertfünfzig Kilometern um die Insel zieht und damit vierfach einen Halbmarathon ergibt. Ein ganz anderes Gefühl, besonders wenn man vorher nur über Straßen gehastet ist, als würde man in den Boden einsinken, wie am Strand, aber deutlich gelenkschonender. Dann nach Hause, und wie gesagt ins Konzert.

Eine Sache ist mir noch im Konzert aufgefallen und motiviert den Titel dieses Eintrags. Die Ungarn haben eine Art bei Konzerten zu klatschen mit der ich nicht zurechtkomme. Der eingangs angestimmte, ungeordnete Applaus wandelt sich - für meine Begriffe - viel zu schnell in ein rhythmisches Geräusch. Erst relativ schnell, dann, wenn die Akteure zum ersten Mal wieder die Bühne betreten haben, in einem langsameren Rhythmus mit dem Gestus der Aufforderung, doch noch mehr zu spielen, noch eine kleine Zugabe darzubieten. Das ist an sich nicht schlimm, aber die Geplantheit dieser Begeistertheit und die erstaunlich schnell erreichte Konformität, das wundert mich schon beides und macht es mir unmöglich, daran teilzunehmen. Ich als Freiklatscher. Naja.

Donnerstag, 4. Oktober 2007

Konstruktionsfortsetzung

Wie schon vorher angedeutet, meine wichtigste Aufgabe in Budapest im Moment liegt darin, irgendwie eine alltagsähnliche Struktur aufzubauen. Dabei helfen natürlich meine Lehrveranstaltungen, die ich seit Montag fleißig besucht habe, mit einer Ausnahme: Erst Morgen werde ich die erste Sitzung des Seminars "Metaphysics of Early Modern Empiricists" besuchen, da die Sitzung am Montag verschoben wurde. Da es hier ein wenig zu berichten gibt werde ich diesen Eintrag also der Uni und meinem Verhältnis zu ihr widmen.


Die Central European University

Zwei meiner fünf Kurse belege ich an der Central European University. Wollte ich polemisch sein, so stellt sie eine Promotionsmaschine für die Studenten des ehemaligen Ostblocks dar, so strategisch platziert wie ein antinuklearer Raketenschild. Finanziert wird sie, soweit ich es verstehe, vom amerikanischen Staat und ist (administrativ) Teil von New York. Dennoch bin ich dankbar, dass sie für mich die Türen geöffnet hat, denn so einfach ist auch das nicht: Ein Hauch von US-Amerikanischer Paranoia weht durch die Hallen, denn ohne Ausweis oder expliziten Grund für die Gästeliste darf man das Gebäude nicht vertreten. Am Freitag vor meiner Abreise nach Oppurg war ich noch gescheitert, aber nun, da ich ein höchst-professorales Placet vorweisen kann ist das Problem nicht mehr existent. Ich habe mich ebenfalls dafür beworben, in der Bibliothek arbeiten und forschen zu dürfen und hoffe zu Montag auf meine Akkreditierung.


Greek Reading Seminar

Der erste Kurs den ich besucht habe fand im Büro eines der begabtesten Altsprachler Ungarns statt, bei Gabór Betegh. Der junge Mann in Turnschuhen führte uns zusammen mit dem römischen Kriegsveteranen István Bodnár in den Kurs ein und sondierte das Material das vor ihm lag: Statt der erwarteten sieben Mediavisten, etwa fünf Erasmusstudenten, zwei PhDs, und mit meinem Graecum befand ich mich in der Spitzengruppe der Griechischkenntnisse. Wir lesen einen Text von Alcinous, der mir bisher sehr gut gefällt. Er beginnt mit der Geisteshaltung, die ein wahrer Jünger der Philosophie mitbringen sollte, wenn er sich an seinen Liebesgegenstand annähert. Natürlich darf er an den körperlichen Genüssen keine Freude finden, er muss mit einer gewissen Gelassenheite seine Sinne auf die Aufgabe fokussieren und sich nur an die Wahrheit halten und die Falschheiten meiden. Bisher also nichts neues, und viele hohe Ideale.


A téridö fisikájáról a tér és idö metafisikájáik

Von der Physik der Raumzeit zur Metaphysik von Raum und Zeit. Natürlich hält die Vorlesung ein freakiger Wissenschaftstheoretiker im T-Shirt, E. Szábo Laszlo, wobei keiner weiß, wofür das E. genau steht. In jedem Fall war die Vorlesung sehr instruktiv, ich konnte die wichtigsten Wörter nachschlagen (so etwas wie "fénysebesség = Lichtgeschwindigkeit, na most (und jetzt...) oder auch tildes (mit Tilde) / kalapos (mit Hut)), so auch Raum und Zeit, entweder mit Tilde oder mit Hut. Da ich das Thema in etwa kannte (unterschiedliche Beschreibungen von Bewegung in Raum und Zeit) konnte ich grob verstehen was der Dozent von mir wollte, aber letztlich nicht so viele Details mitnehmen. Irgendwann gesellte sich mein Mentor, Richard, zu mir, der mir danach mitteilte, dass er zumindestens inhaltlich auch nichts verstanden hätte. 1-1 also.


Sprachkurs

Über den Sprachkurs habe ich schon vorher Gerüchte gehört, wieviele wirklich daran teilnehmen. Angeblich sind es insgesamt bis zu 25 Teilnehmer und die Lehrerin Virág wies bei der ersten Sitzung am Dienstag darauf hin dass es zwar nur 15 pro Termin sind, aber immer 15 andere - und daher ein regulärer Fortschritt nicht möglich ist. Das konnte ich an den zwei Terminen auch live verfolgen. Besonders erschreckt hat mich die Schwäche in der Aussprache - in unserem Minikurs wurden wir zu viert die gesamte erste Woche damit gequält die Differenz zwischen a und á, o und ó, e und é zu lernen. Das scheint anderswo nicht unbedingt geschehen zu sein und meine Ohren schmerzen ein wenig.


Mi az újkor?

Was ist Neuzeit? Eine interessante Frage, zu der ich ja schon eine kleine Hausarbeit geschrieben habe, zu Blumenbergs "Legitimität der Neuzeit". In diesem Doktorandenseminar werden verschiedene Texte gelesen, wo es um die Definition dieser Epoche geht. Das Seminar war bisher das anstrengendste. Am Anfang hat mich Gabor Boros, mein Vertrauensdozent, wenn man so will, eingeführt, als Studenten aus Berlin, mit einigen Formulierungen die ich nicht verstanden habe, und mit dem Vermerk, dass ich auch Ungarisch spräche. Während des Vortrags, über Habermas "Strukturwandel der Öffentlichkeit", wunderte ich mich besonders darüber, dass mein Dozent noch unverständlicher sprach als der Referent. Immerhin habe ich es aber geschafft, einen langweiligen Vortrag zu identifizieren ... das ist in einer fremden Sprache nicht so einfach. Das Vokabular daher: polgarí család (bürgerliche Familie), fontosság (wichtige Sache) und natürlich nyelvánoság (Öffentlichkeit). Alles mit -ság oder -ség ist eigentlich eine Substantivierung von irgendwas. Tehát ... (also) ...


Rudas Fürdö

Zuletzt war ich heute Abend noch im vor nicht langer Zeit wieder eröffneten rudas fürdö. Es liegt in der Gegend der szabadsághíd und beinhaltet die ältesten Badgebäude in Budapest, aus dem Jahr 1566. Wie es sich zu dieser Zeit gehörte sind vier Abende der Woche den Herren gewidmet, die Damen erhalten den Dienstag und der Rest ist gemischt. Ein hübsche Anlage, mit diesem besonderen, nach faulen Eiern riechenden Wasser das suggeriert dass es sehr gesund ist. Diejenigen die mich besser kennen wissen, dass ich Eier in ihrer rohen / gekochten / gerührten Form nicht ausstehen kann. Aber was heilt ...

Mittwoch, 3. Oktober 2007

wir bauen einen Alltag

Ich bin noch am Leben. Ich habe vor, hier noch weiter zu schreiben. Damit wären die wichtigsten Nachrichten vorbei und das Publikum auf die nächste, ausführlichere Meldung verwiesen. Wie sicherlich bekannt ist habe ich die letzte Woche in Deutschland verbracht, auf Schloss Oppurg in Thüringen bei den Hirsauer Tagen der CJD Studentenschaft. Was da genau passiert ist werde ich in einem Seminarbericht niederlegen der dann an anderer Stelle erscheint. Daher zurück nach Budapest: Ich bin nach einer mehr oder wenig schlaflosen Woche wieder einmal mit meinem Lieblingsflug um 6.20 von Berlin aus geflogen. Die reine Fahrtzeit von Haustür zu Haustür beträgt in etwa fünf Stunden, was recht vertretbar aber doch länger als gedacht ist. Am Montag habe ich meinen ersten Kurs an der CEU besucht (Central European University). Ein kleiner Prunkbau nahe der großen Kathedrale, daher kaum zu verpassen. Mehr davon später, jetzt muss ich zu einer Verkostung von echt ungarischen Nahrungsmitteln und wahrscheinlich auch Spirituosen.

Damit keine zu große Enttäuschung aufkommt, zwei Bilder: Der neu gewählte und der alte StA und die drei ausscheidenden Ex-StAler.