Freitag, 25. April 2008

Auf der Suche

Inzwischen habe ich mich wieder daran gewöhnt, das relativ alltägliche Budapester Leben zu leben. Ich gehe zu den wenigen Veranstaltungen die ich noch an der Uni habe, davon drei Stunden Ungarisch in der Woche und warte ansonsten auf die Rückmeldung für meinen Essay an der CEU. Mit dem Programm LateX habe ich mich soweit angefreundet dass ich schöne Texte produzieren kann und bin mit den sonstigen Funktionen sehr zufrieden - dass man etwa ein Literaturverzeichnis erstellen kann, von dem er dann automatisch die bibliographischen Daten kopiert, und das man dann für die nächste Arbeit weiterverwenden kann. Klar, das gibt es auch in anderer Form mit separaten Programmen, aber dass man einfach eine Textdatei mit den relevanten Werken in einer gewissen Form erstellt, und dann daraus alle Zitationen bezieht, das ist schon sehr angenehm. Für den optischen Eindruck werde ich am Ende dieses Eintrags meinen kleinen Artikel über Berkeley hinstellen, wer will mag ihn auch aus philosophischer Sicht lesen.

Letzte Woche gab es eine angenehme Abwechslung hier vor Ort mit einigen Gastvorträgen. Beides waren Franzosen (eine sie und ein er). Sie hielt den Vortrag auf Englisch, über den Cartesianismus der Port-Royale-Logik, was den geneigten Leser nicht sonderlich interessieren muss. Ich saß eher dort und versuchte mich irgendwie zurechtzufinden im Vortrag, es wirkte so als hätte das französische Gedankengut den Transfer in die englische Sprache nicht sonderlich unbeschadet überstanden und war daher schwer wieder zu extrahieren, wie es oft klingt, wenn Menschen nicht in ihrer angestammten Sprache reden. Sie sprechen zwar sinnvolle, zusammenhängende Sätze, aber irgendwo fehlt eine Verbindung zwischen dem was intendiert ist zu sagen und dem was das Resultat dann letztendlich ist. Der zweite Vortrag war in der Hinsicht erfreulicher. Der Dozent trug seine Gedanken über das Thema von Pascal und den Emotionen auf Französisch vor. Danach wurde es auf Ungarisch simultanübersetzt, jeweils paragraphenweise. Das war ungemein stimulierend für mich, ich konnte so meine Verstehensfertigkeiten in zwei Sprachen verbessern, die ich beide leider nur zur Hälfte spreche. Da sich das dann auch so wunderschön überlappte gab es wunderschöne Synergieeffekte, mal lag mir ein ungarisches Wort näher, mal ein französisches. Besonders schön sind sicherlich meine Notizen von dieser Sitzung, die wohl mindestens viersprachig sind, mit französischen Ausdrücken, ungarischen Übersetzungen wo sie mir französische Ausdrücke erklärten, deutschen Kommentaren, und englischen Ergänzungen, die ich wohl einfach aus Gewohnheit eingefügt haben werde.

Gestern feierte die "polnische" Magda ihren Geburtstag nach, der am 21. bereits stattfand. Zur Feier des Tages erhielt sie eine Gitarre, da ihre alte bei einer Reise in den fernen Osten unwiderruflich beschädigt wurde. Das setzte sie erstmal ein wenig fassungslos auf den Boden, war aber schön, Teil dessen gewesen zu sein. Daneben gab es sehr erträgliche Pfannkuchen und Konversationen mit Österreichern und Pseudoösterreichern.

In den nächsten Tagen werde ich weiterhin auf der Suche nach einer Art Praktikum hier in Budapest sein. Es wäre schade, wenn ich mit Ende Juni einfach spontan entschwinden würde oder im Juni hier nichts mehr zu tun hätte (außer der ewig unausweichlichen Magisterarbeit). Sicherlich noch ein wenig Reisen und das Land sehen, aber hier Arbeiten hätte noch etwas besonderes. Soviel nun also, auf gehts ins Wochenende.



Freitag, 18. April 2008

Gute Menschen

Es gibt gute Menschen auf der Welt. Ich habe Beweise. Auf dem Weg zum Flughafen, wohin ich Felix eskortiert habe, verlor ich meinen Studentenausweis mit der zugehörigen Monatskarte. Das ist doppelt schade: Einen solchen schönen blauen Ausweis auszustellen dauert in etwa zwei Monate - daher lohnt es sich für mich nicht, einen neuen permanenten zu besorgen. Stattdessen einen grünen temporären. Zweitens: Das Monatsticket war noch gültig bis 10. Mai, und ich bin ungewillt, für Dinge zweimal zu bezahlen.

Nun, gestern morgen fand ich beide gemeinsam wohlbehalten in meinem Briefkasten, ohne Umschlag oder Notiz. Es gibt also gute Menschen auf dieser Welt, und besonders in Ungarn.

Dienstag, 15. April 2008

Denkpause

Rund einen Monat ist mein letzter Eintrag her, und ich habe diese Zeit sehr intensiv verbracht. Heute Morgen ist Felix abgeflogen, mit dem ich hier eine knappe, wunderbare Woche verlebt habe. Am Sonntag sind wir nach Visegrád gewandert, wo ich schon anderswann war, aber eine so eindrucksvolle, lebensfrohe Natur auf dem Weg habe ich noch nicht gesehen. Wir waren beide unglaublich beeindruckt, haben uns an einem Hochpunkt, von dem das Tal der aus Österreich kommenden Donau besonders klar im Sichtfeld liegt, in die Sonne gesetzt und einfach den Tag genossen. Davon kam nun auch der erste Sonnenbrand des Jahres, aber es war eine würdige Stelle dafür. Danach haben wir im mittelalterlichen Restaurant diniert, das auch einige andere Besucher schon genießen konnten, und das ich immer wieder gerne besuche - wegen der großen Portionen, der Beilagen, die sogar - im Gegensatz zu sonstigen madscharischen Sitten - Gemüse beinhalten, und des aufmerksamen Service wegen. Ganz abgesehen davon, dass damit eine Reise nach Visegrád meist sehr erfolgreich abgeschlossen werden kann.

Heute stehe ich also wieder ein wenig alleine da und darf meine Tage neu sortieren, was ich gerne tue. Das Besuchtwerden ist eine tolle Sache, und ich habe jeden einzelnen Tag mit meinen Gästen genossen, aber im Ganzen handelte es sich doch um eine ziemliche Invasion, da ja auch alle sich die schönste Reisezeit nach Budapest, nämlich den Frühling, herausgepickt haben. Im Winter ist es meistens dunkel hier, im Sommer wird es langsam unerträglich heiß - die letzte Woche hatten wir schon über 20 Grad an einigen Tagen, was mich natürlich mitleidig Deutschland gegenüber stimmt, wo es angeblich wieder Schnee geben soll.

Im Laufe der Zeit hat sich mein Verständnis von Touristenführung weiterentwickelt. Inzwischen habe ich eine Theorie, wozu man nach Budapest kommen sollte. Und so materialistisch es klingt: In Budapest geht es um Konsum. Das bedeutet vor allen Dingen, dass es sich nicht unbedingt lohnt, aus Budapest etwas mitzubringen. Weder die Volkskust noch die kulinarischen Spezialitäten rechtfertigen im Normalfall, damit sein Gewicht zu beschweren. Wenn man nach Budapest kommt, dann sollte man essen, trinken, einsaugen was man kann. Das beginnt mit den Kaffee- und Teehäusern. So guten Kuchen und so günstige Teespezialitäten bekommt man selten. Zum Mittagstisch kann man günstig indisch / ungarisch / voll vegetarisch essen gehen. Am Nachmittag in einem Thermalbad absacken. Zum Abend entweder auf das Partyschiff A38 oder in den Palast der Künste, wo Studenten besondere Eintrittstickets für 80 Eurocent erhalten. Den ganzen Tag wandelt man durch die wunderbare alte Bausubstanz, von der man nicht absehen könnte was sie bewirkte, würde sie vollständig renoviert und aufgemöbelt - vor dem Glanz müsste man vollständig erstarren in Staunen, und so würde Budapest zu einer Stadt der gefrorenen Statuen, in verschiedenen Stadien des Geblendetseins auf der Straße verblieben. Da wir aber nicht wollen, dass das passiert, begnügen wir uns damit, dass die Stadt ihren morbiden Charme weiter ausstrahlt.