Mittwoch, 24. Oktober 2007

Bükkenrede, Teil 1

Sehr geehrtes Publikum,
die Zeit geht mir zu schnelle rum,
kaum das ich mich versehen hab,
seit Wochen nichts ich schreiben tat,
und so hol ichs noch heute nach,
oder doch am morgigen Tag.

Entschuldigt die Einleitung die hoffentlich weit unter meinem sonstigen Niveau liegt, aber diese Anspielung fühlte sich so unentgehbar an, dass ich prompt darauf hereingefallen bin. Der Anlass dieser Geschmacklosigkeit liegt an der Unternehmung an der ich die Ehre hatte von Samstag bis Montag teilzunehmen, und wo es um den ungarischen Nationalpark, die Bükk, ging. Inzwischen sollten die Gesichter und Namen in meiner doch relativ konstanten Reisegruppe bekannt sein, daher ohne lange Umschweife: Zu sechst machten wir uns am Samstagmorgen in Richtung Eger auf. Der Akzent, der nicht auf dem zweiten e liegt ist wichtig, denn egér heisst auf ungarisch "Maus". Doch in Eger lebten nie Mäuse sondern wahre Männer die Ochsenblut tranken und Türken hinschlachteten.

Am Abend davor wurde mir noch echtes ungarisches Pörkölt serviert, das man in Deutschland wahrscheinlich mit "Gulasch" bezeichenen würde, aber gulyas ist hier eine Suppe und Pörlölt ist eben Pörkölt, eine etwas suppige Fleisch und Beilagenanordnung in einem Topf, über Stunden auf dem offenen Feuer zubereitet und exklusiv den Gästen serviert. Wir verdankten den freundlichen Umstand der Bewirtung der Abwesenheit des Hausherren, in dessen Absenz der Sohn Freunden und Mutter alkoholische Getränke und Zigaretten gestatten konnte, die sonst kaum ins Haus und noch weniger in die Tüte gekommen wären. Daher gab es von Mami zur Begrüßung auch Becherovka und weiter gings in dem Stil. Dass der Rest der Eingeplanten bis etwa 11 Uhr nicht auftauchte machte es Magda und mir umso einfacher sämtliche lang- und kurzfristigen Gelüste nach ungarischem Essen erst einmal zu stillen. Als dann noch mehr Personal eintraf wurde noch ein nettes Beisammensein daraus, dem wir uns aber, im Anbetracht unser frühen Abfahrt am nächsten Tag, bald entzogen. Der Abend fand ganz um die Ecke von unserem alten kollégium statt, wo ich [wie irgendwo nachzulesen ist] zwei freudige, sich etwas nach Internat anfühlende, Wochen verbrachte bis ich definitiv beschloss dass eine eigene Wohnung komfortabler wäre.

Also nochmals, wir setzten uns morgens in den Zug und fuhren nach Eger. Das dauert insgesamt in etwa zwei Stunden, und schon waren wir im fremden Land. Eger ist eine relativ überschaubare Stadt mit vielen zentralen Türmen (Kirchen, Lyceen mit Sternenwarte, ein Bischofspalast), einer Burg über der Stadt und einer recht guten Touristeninformation über die wir sogleich gierig herfielen. Wir erhielten also in drei Sprachen (Englisch, Deutsch, Polnisch) Faltblätter über Eger und Umgebung. Danach beschäftigten wir uns, misstrauisch beäugt in einem bayerischen Spezialitätenrestaurant sitzend, mit der Suche einer Herberge. Ungarisch fragen ist nicht so schwer. Ungarische Antworten verstehen, hingegen, ist eine fortgeschrittene Übung die ich nur in einigen Fällen erfolgreich meisterte. Schließlich fanden wir eine Pension am Stadtrand, kauften Verpflegung für die nächsten Tage, wanderten Richtung Stadt. Die zwei Spanier gingen Reiten (an unserem nächsten Stop, Szilvásvárad gibt es berühmte Lippizaner) und der Rest erkundete die Burg über Eger. Hier wurden vor etwa fünfhundert Jahren zwanzigfachüberlegene Türken erfolgreich zurückgehalten, auf der Burg tranken sie einen Mischwein, den sie heute Egri Bikavér nennen (Erlauer Ochsenblut, Erlau ist natürlich der alte deutsche Name). Eingenommen wurde die Burg erst um 1600, als sie von Söldnern verteidigt wurde (hier zeigt sich der interessante, ewigwährende Topos vom einzig wahren Heer, dem Bürgerheer, das um seiner eigenen Güter willen deutlich besser kämpft als jedes Söldnerheer). Von der Burg hat man einen wunderschönen Blick über die Stadt, mit ihren jeweiligen Twintowers (ein schönes Terroristenausbildungslager wäre das) und auf einem Hügel in der Mitte stehen drei golgatische Kreuze, die mit sinkender Sonne ein schönes Panoramabild abgeben.

Zum Abend hin flanieren wir in Richtung des Tals der schönen Frauen, wo in natürlich dauerklimatisierten Kellern die Egrer Weine dahinreifen. Wir kehren noch in einem etwas zu volkstümlich aufgemachten Restaurant ein, erreichen gerade noch, dass wir eine Flasche Wein vor der Sperrstunde mitnehmen dürfen und verköstigen diesen guten Tropfen (natürlich Bikavér) in unserer Pension. Er schmeckt wirklich wunderbar, dazu gesellt sich wie so oft Gitarre und Gesang. Wir bringen den versammelten Spaniern und Polinnen "He ho, spann den Wagen an" bei und beenden somit die erste erfolgreiche Station.

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