Mittwoch, 28. November 2007

Geburtstagsfreuden

Gestern bin ich also 25 geworden. Und die Welt hat sich dennoch weitergedreht. Der Tag begann bereits um zwei nach zwölf, als meine Mitbewohnerin Magda mit einem Schokoladenkuchen und fünf darum dekorierten Teelichtern mein Zimmer betrat.

Tagsüber habe ich dann gemacht, wozu ich sonst keine Zeit finde, in diesem Fall: Kürbissuppe kochen. Mit Paprika, Ingwer, Zitrone, genau das richtige für die - doch etwas kälter gewordenen - Budapester Wintertage. Zwischendrin kam noch ein Paket aus Deutschland an, von meinem Herrn Vater, das mich auch sehr erfreut hat. Anbei lag ein Brief aus ungarischen Sätzen. Ich freute mich schon sehr, dass mein alter Herr meinem Beispiel folgte und auch etwas Ungarisch lernte, es handelte sich aber bei genauerem Hinsehen um Sätze aus dem beigefügten Sprachführer, mit einigen putzigen Verschreibern. Bereits einige Tage vorher war mein "Geschenk" aus Tübingen angekommen: Kasia hatte mir bei meinem Besuch um Februar eine Probe ihrer Strickkunst versprochen und inzwischen werde ich von einem sehr hübsch blau-weiß-grau gemusterten Schal warm gehalten.

Dienstags habe ich ansonsten Metaphysikvorlesung und Sprachkurs, beides lief recht ereignislos, bis auf einen Fall von "Cocktail oder Pizza" im Kurs, der aber für die Mitwelt nicht unbedingt von Belang ist. Danach hatten wir eigentlich ein kleines Abendessen bei uns in der Wohnung geplant. Bereits bei anderen Gelegenheiten habe ich bestimmt erwähnt, dass sowas nie klappt. Die zweite Magda, die polnische, hatte auch einen Kuchen vorbereitet (irgendwie muss es am Namen liegen), und ein Treffen mit dem zweiten Geburtstagskind, Fatima, organisiert, wo dann noch ganz viele andere Leute dazukommen sollten. Wie Logistik so ist, die einzige Möglichkeit für mich, Freunde, Kuchen und Suppe zu verbinden war, sie in unsere Wohnung einzuladen. Dort fand sich also nach und nach das übliche dutzend Gäste ein.

Auch wenn ich inzwischen ein wenig überrascht bin von der Unmöglichkeit, nur zu dritt zu Abend zu essen, fand ich das ganze doch irgendwie schön, soviele liebe Glückwünsche und noch einige sehr passende Geschenke. Zu nennen: Eine Tafel Karamelschokolade von Judith, und mein persönliches Highlight des Tages von meinen Mitbewohnern. Sie heißt Hering mit Nachnahmen, kommt aus Brasilien, befindet sich in einem glänzenden Zustand, braucht relativ wenig Pflege und macht wunderbare Laute: Meine neue Mundharmonika! Somit steht meiner Karriere als Bob Dylan von Ungarn nicht mehr viel im Weg, nur müsste ich noch lernen, während des Gitarrespielens zu singen. Das ganze erstreckte sich dann bis kurz nach zwölf, so dass mein Geburtstag auch schon wieder vorüber war. Ich habe mich sehr über die vielen guten Wünsche gefreut, die mich per Email, StudiVZ, Brief, Telefon und persönliche Handgebe erreicht haben.

Sonntag, 18. November 2007

Schneeregen

Es ist Sonntag. Es regnet. Ich sitze im Haus. Ich liebe meine Mitbewohner, ich liebe sie wirklich, doch dass sie mir bei ihrem Aufbruch nach Debrecen und Wien keinen Krumen Brot im Haus gelassen haben, darüber könnte ich mich doch ein wenig echauffieren, besonders das Roggenbrot, das ich Freitag noch hoffnungsvoll zurückgelassen habe, liegt mir jetzt [nicht] schwer im Magen. Daran, dass ich diese Entwicklung nicht verfolgen konnte ist unschwer zu entnehmen, dass ich auch auf Reisen war. Ich habe ein mehr oder weniger aufregendes Wochenende in Szeged verbracht, nur für mein Ungarisch war es definitiv gut. Der Reihe nach.

Nach meiner exzessiven Reise nach Deutschland war dies die erste "reguläre" Woche, mit dem echten Budapest-Gefühl und ohne die Verwirrung die direkt nach Wiederankunft über mich gekommen war. Eine typische Woche in Budapest sieht für mich ungefähr so aus:

1. Montag bis Donnerstag Morgen fleißig sein.
Das schließt reguläre Arbeit in der Bibliothek ein, wo ich entweder Texte in Vorbereitung auf meine Donnerstagsveranstaltung lese, die an leseintensivsten ist, oder eben meinen griechischen Text weiter übersetze. Inzwischen geht das schon wieder ganz gut, mir kommt das Gefühl für die Sprache zurück und der Text den wir vor uns liegen haben ist nicht allzu kompliziert, sehr hellenistisch-einfach geschrieben, sehr geradeaus gedacht. Wir graben in diesem Text an den Wurzeln des mittelalterlichen Platonverständnisses, wie aus den - mehr oder weniger eindeutig geschriebenen - Dialogen Lehrmeinungen wurden, und platonische Doktrinen. Für das Seminar am Donnerstag lese ich, wie bereits irgendwann erwähnt, ideengeschichtliche Texte, die alle etwas damit zu tun haben, wie sich das Phänomen "Neuzeit" ausbuchstabieren, erklären und auch zu einem gewissen Grade rechtfertigen lässt. Ich fühle mich dort immer noch sehr wohl und habe in der letzten Woche viel Respekt für Spinoza gewonnen, werde also wahrscheinlich mein Latein ausgraben und ein wenig in Originaltexten stöbern.
Es überrascht mich ehrlich, dass ich es in Budapest deutlich besser schaffe mir Arbeiten fest vorzunehmen, zeitgerecht auszuführen, auch mal ein wenig extra zu tun. Wer weiß, in Berlin war ich besser eingerichtet im Alltag, fauler und hatte mehr Reisezeiten - hier ist das ganze wie eine zwanglose Muße, mit neuen Entdeckungen in jeder Woche. Distanzen spielen hier auch eine Rolle: Wenn man den Eindruck hat, in 15 Minuten in der Bibliothek sein zu können, und dann mit der Arbeit anfangen zu können ist das wesentlich motivierender als sich durch den Berliner Großstadtdschungel zu quälen. Das einzige was ich hier vermisse ist die Musikwissenschaft, wo ich leider noch keine Kurse besuche, aber hoffentlich im nächsten Semester.

2. Ab Mittwoch Abend: Konzerten frönen
Und wieder waren es kulturelle Faktoren die mich zur nationalen Konzerthalle lockten. Dass ich in einem jüngst ausgefüllten Fragebogen noch nachdenken musste, was mein Lieblingsgebäude in Budapest ist, das stimmt mich jetzt eher verwundert: Die nationale Konzerthalle ist ein wunderbarer Neubau, meist in einem verlockenden blauen oder lilanem Licht angestrahlt, birgt das Nationale Festivaltheater und die nationale Konzerthalle, und könnte mir gerne zum zweiten Wohnort werden, wenn es nach mir ginge. Diese Woche war polnisches Intermezzo angesetzt, zwei Konzerte in denen namhafte polnische Jazzmusiker mit amerikanischen Koryphäen zusammenspielten. Dabei kam es zum zweiten Wiedersehen, das mich an den Herbst 2004 erinnerte: In einem früheren Eintrag hatte ich erwähnt, dass der Bandleader einer der ersten Jazzgruppen die ich in Budapest gehört habe auch das BJJO bei meinem Praktikum dort geleitet hatte. In dem Konzert spielte nun der Dirigent des LJO (Luckman Jazz Orchestra), des zweiten Orchesters das damals an dem Projekt teilgenommen hatte - hier allerdings auf der Flöte zu hören. Das Konzert war sehr spirituell gehalten - die Musiker variierten über alte Kirchengesänge, ingesamt drei verschiedene Variationen von "Salva Regina" waren zu hören. Eine wundervoll meditative Musik, in der sich die Darsteller zum großen Teil altruistisch dem Klang unterordneten und damit einen wunderbaren Effekt erzielten - zugegeben, die Bühnenbeleuchtung im Hintergrund roch ein wenig nach Kitsch, die Ansagen waren schon fast ultra-christlich, aber insgesamt hatte alles noch ausreichend Stil und war nicht zu "gagyi (Schreibweise?)", was auf ungarisch soviel wie "silly", "albern", "übertrieben und peinlich" heißt (Aussprache: godji). Das Konzert am Donnerstag war dagegen etwas enttäuschend - so gute Musiker, und so schlechter Sound. Beginn: Solovioline, hübsche Melodie, aber total übersteuert und zu laut. So kann man gute Musiker verschwenden ...

3. Ab Donnerstag: Ausweg aus der Stadt suchen
Wochenends versuche ich meistens ein wenig unterwegs zu sein. Nicht dass Budapest ganz fürchterlich wäre, aber hier im Land gibt es noch sehr viel zu sehen und Budapest wartet ja auch geduldig auf die Besucher, denen und mir ich dann die Stadt zeigen kann, wenn sie da sind. Also zieht es mich in die Randgebiete. Was demnächst noch aussteht ist etwa Szentendre, eine der sehr alten Städte an der Donau, wo es ein wunderbares Marzipanmuseum geben soll - so etwas die Madame Tussauds in London, nur halt mit Figuren aus Marzipan. Früher oder später muss ich auch noch unbedingt nach Transylvanien (was ja schon länger Rumänien ist), von dort hat mir Magda, meine Mitbewohnerin, wunderschöne Bilder gezeigt. Wahrscheinlich ist es Januar oder Februar so weit, dann habe ich nämlich 1 1/2 Monate frei, vielleicht nur versetzt mit ein paar Prüfungen oder Hausarbeiten. Dieses Wochenende war ich in Szeged, was nicht sonderlich spektakulär war (wie oben angedeutet). Der Cognac war gut, habe viel Sprachpraxis bekommen, diverse Zerfallsprodukte angemerkt, Tom Hanks auf Ungarisch in Cast-Away gesehen, aber das wars dann auch schon.

4. Zwischendurch: Wundern wo die Zeit geblieben ist
Inzwischen bin ich seit drei Monaten in Ungarn. Was als Zeitraum nicht nach viel klingt ist in Hinsicht der Gewöhnung und Einstellung auf diesen Ort eine Zeitreise. Wenn ich an einigen Orten vorbeigehe erinnere ich die ersten Tage - als der Aktionsradius noch so klein war, als ich mich an einigen bekannten Orten lang gehangelt habe, keinen Überblick hatte, ein wenig Angst, mich zu verlieren. Immer neue Ecken entdeckt habe, oder vielmehr auch die alten Ecken wiederentdeckt, durch das Philosophieinstitut geirrt und kaum ein Wort Ungarisch verstanden - das ist jetzt alles vorbei, inzwischen gehe ich mit der Stadt ähnlich souverän um wie mit Berlin, aber irgendwie kommt es mir schade vor, dass dieses Adrenalin, diese erste Welle der Aufregung verflossen ist und langsam vom Alltäglichen überlappt wird.

Samstag, 10. November 2007

Beschallung

Es ist jetzt erst eine Woche seit ich wieder in Budapest bin aber die Tage fühlen sich deutlich voller an als vorher - vielleicht aber auch nur verglichen mit der entspannten Traumwelt die in Deutschland war. Auf jeden Fall habe ich die Angewohnheit mitgenommen, den Tag ein wenig mehr zu nutzen und freue mich darüber sehr.

Die anfänglichen Schwierigkeiten, wieder in die Sprache hineinzukommen, haben sich inzwischen gelegt und ich spreche wieder relativ verständliches Ungarisch. Eine Sache, die mir vorher nicht so deutlich bewusst war und es langsam wird ist, dass man im Ungarischen einfach sehr präzise sprechen muss. Da die Endungen die Bedeutung des Worts entscheidend beeinflussen darf man nicht, wie im Deutschen, in der Mitte des Worts seine Sprechwerkzeuge entspannen und den Rest des Worts als einen lapprigen Rest herausfallen lassen sondern muss auch am Ende deutlich artikulieren um die feinen Unterschiede in der Bedeutung herauszuarbeiten. Als Übung bin ich inzwischen dazu übergegangen, ungarisches Radio zu hören, mr3 Bartók, ein standesgemäßer Sender mit schöner Musik und hübsch gesprochenen Sprachbeiträgen.

Gestern habe ich zum zweiten Mal das Franz Liszt Kammerorchester gehört, das in der nationalen Konzerthalle spielte. Nach einer kleinen Periode der Unbehaglichkeit, als sich meine Mitkonzertgänger etwas verspäteten, und ich die kostbaren Tickets schon die Donau hinabtreiben sah, war das ganze aber kein großes Problem und wir erwarben drei Tickets zum Semmelpreis (200 HUF = 0,80 Euro). Diesen Erfolg zu feiern hatten wir leider keine Zeit, da das Konzert schon in den Startlöchern stand. Heute auf dem Programm: Beethovens Ouverture zu den Geschöpfen des Prometheus, das Klavierkonzert G-Dur und nach der Pause Schuberts großes Quintett C-Dur.

Die Ouverture war ... nunja, Beethoven. Ein paar einleitende Akkorde, ein schneller Streicherlauf, ein wenig Aufregung, klein bisschen Spannungsaufbau in der Koda, vorbei. Aber auch nicht wirklich aufregend. Spannender war das zweite Stück, das - nebenbei gesagt - bisher auch immer mein Lieblingsklavierkonzert von Beethoven war. Das fünfte ist mir ein wenig zu - sperrig -, zu sehr von diesem heroisch-militaristischen Ton geprägt. Das vierte ist intimer, bescheidener und für mich daher auch zugänglicher. Das heißt aber nicht, dass man es zu lax angehen sollte - was leider bei diesem Orchester am Anfang passierte. Der Pianist, Ránki Dezsö, hatte anfangs einige rhythmische Probleme und wirkte etwas unsouverän, aber langfristig war es dann gut. Dass er in der Kadenz ungefähr 1 1/2 mal so schnell spielte spricht auf jeden Fall dafür, dass auch ihm das Tempo zu entspannt war.

Zu einem gewissen Grade war die Musik selbst eine Nebensache, denn es gab viele andere Dinge zu beobachten. Die Studentenplätze befinden sich in der Konzerthalle im dritten Stock, also etwa zehn Meter über dem Parkett, in luftiger Höhe. Man blickt in die Schallsegel, die wahrscheinlich sehr vorteilhaft wirken. Man hört im Stehen, gelehnt an das Geländer, an einen der flexiblen Dekorationspfeiler. Zwischendurch kommen immer wieder Nachzügler hinein, ein frischer Windstoß verwirrt dann jedesmal. Einmal ist es soweit: Das Programm das ich lose nahe dem Abgrund platziert habe hat genug von seinem flatterhaften Leben, nimmt den Wind zum Anlass und springt ab. Mitten in den spielerisch-turbulenten Schlusssatz des Konzerts flattert ein sich nur mühsam entfaltendes Blatt in den Gang nahe dem Parkett. Das Ganze dauert vielleicht fünf, sechs Sekunden, aber ist ein Moment der zwanglosen Freiheit, die ein seltsamer Zufall, ein nun eingetroffenes, irgendwie schönes, unabwendbares und nun nur noch zu beobachtendes Ereignis, hat. Wie das erhabene Naturschauspiel, dem wir nicht unterworfen sein wollten, es aber mit Ehrfurcht und Interesse verfolgen.

Danach dann das nächste Schauspiel. Wie unter dem Stichwort "Klatschzwang" verhandelt wundern mich manche Sitten in ungarischen Konzerthäusern, obwohl das Rhythmisieren des Geklatsches im Konzerthaus nicht ganz so deutlich ist wie anderswo. Heute fand ich aber eine zweite Sitte, die ich weit mehr mag. Als Musikwissenschaftler kennt man die Berichte, in Chroniken, Biographien, Aufzeichnungen aus früher Zeit: Berichte über ein frenetisches Publikum, das die Vorführenden mit enthusiastischem Applaus dazu bewegt, Teile des Werks zu wiederholen. Egal wie umfangreich der Zuspruch, in Deutschland habe ich das noch nie erlebt. Vielleicht arbeiten alle Orchester nach Tarif im Minutentakt, vielleicht ist es unter ihrer Würde, vielleicht muss sich das Konzert den billigen Unterhaltungsmedien, die Wiederholungen bis zum Grenzwert ausschlachten, widersetzen. In Ungarn hat man diese Ängste nicht. Und so wurde zum Ende des Klavierkonzerts tatsächlich der gesamte dritte Satz wiederholt. Ein sehr schönes Schauspiel, denn Orchester und Pianist gönnten sich mehr Risiko, mehr Fluss, mehr Entspanntheit, wie es eben möglich ist, wenn man schon einmal gezeigt hat, dass man die Leistung erbringen kann, und nun nur noch für sich und zur Freude spielt. Eine sehr schöne Tradition, die ich sehr gerne auch einmal bei den Berliner Philharmonikern sehen würde.

Der zweite Programmblock nahm mich nicht in gleicher Weise mit. Irgendwie stehe ich dem Konzept, ein Stück für vier, fünf, acht Streicher mit einer größeren Besetzung aufzuführen skeptisch gegenüber. Es fehlt ein wenig die kommunikative Dynamik, die direkte Interaktion der Spieler miteinander, die eben Kammermusik auszeichnet. Das Stück wirkt langweiliger, weniger unmittelbar, wenn erst ein Konsens in einer Untergruppe gefunden werden muss und der dann mit einer zweiten Gruppe abgeglichen wird, und so erst das Zusammenspiel entsteht. So wirkt das Stück auch, als hätte es verblüffend wenig Substanz, als hätte Schubert zu dünn komponiert - hat er nicht, er hat nur für den Dialog komponiert.

Donnerstag, 8. November 2007

Morningbell

Inzwischen nutze ich auch die Morgenstunden des Tages, wo die Stadt noch schläfrig ihre Glieder entfaltet und sich in Position ruckelt um den Tag mit einer klammerhaften Umarmung zu begrüßen und nicht mehr loszulassen. Denn der Smog und die dicke Luft nimmt nicht die Stadt in den Griff, die Stadt nimmt die Welt in den Griff und krallt sich daran fest, macht sie zu ihrem Eigen. Die einzige mögliche Erfrischung ist dann der Regenguss, wie man einen Strahl Wasser auf zwei verbissene Hunde, Menschen, Radikalengruppen lenkt.

Die Zeit nutzen die Menschen unterschiedlich. Die Illusion der Ruhe und Abgeschiedenheit lässt sich aber kaum lange aufrecht erhalten. Am Montag habe ich einen Morgenlauf zum népliget unternommen, also zu dem Volkspark, der ein gutes Stück von mir entfernt liegt. Der Weg führte mich die Köbányai út entlang, eine Straße die parallel zu den Bahnschienen die nach Osten führen. Vorher führte mich der Weg den Friedhof entlang, die Fiumei út, wo ich schon einen Nachtspaziergang nach Party verbracht habe und animalische Angstgrundlagen wieder entdeckt. In der Köbányai befinden sich die Chinesen und Gypsies von denen es im achten Bezirk angeblich soviele gibt. Die gesamte Straße besteht aus Lagerhäusern (auf der einen Seite, das andere ist Fabrikgelände), Autoparkplätzen davor, kaufenden und handelnden Menschen. Billige Kleidung, Nahrungsmittel, Schuhe, chinesische Dekoration, bereits um sieben in der Frühe als umfassende Beschäftigung und wahrscheinlich auch Lebensgrundlage. Ich muss mir hin und wieder ins Gedächtnis rufen dass das Innenstadtparadies, in dem ich die meiste meiner Zeit zubringe, mit Kathedrale vor der Haustür, Donau und Parlament nebenan, eben das ist: Ein abgeschlossener Bereich, in dem nicht jeder etwas zu suchen oder zu finden hat.

Der Volkspark ist sehr hübsch, schöner als das Stadtwäldchen das von Zirkuszelten, Wellnessbädern und am wichtigsten, nervigen Straßen durchzogen ist. Im Park ist es ruhig, sonnig, entspannt, irgendwo findet sich ein Feld der Energieproduktion, aber das stört nicht weiter.

Montag, 5. November 2007

Gegenwartssprung

Unsere Reise in den Nationalpark endete also mit einem Tag in Miskolc, nachdem wir ohne Karte fröhlich nach dem Weg gesucht hatten, um 10 vor 10 die Türen der Pizzerien vor die Nase geschlagen bekamen und daher mit Sandwiches und Hamburgern in einer Bar unsere Existenz sicherten. Am Folgetag inspizierten wir noch zwei Attraktionen: Eine alte Burg, die auch auf dem zweihundert Forintschein abgebildet ist.


Auf dieser Burg kletterten wir ein wenig herum und sahen uns echt antike Ritteruniformen und den Weg einiger Heiligen in die Hölle an. Ein wenig Kinderspielplatz zum Abschluss. Von dort migrierten wir zum Höhlenbad (barlangfürdö auf ungarisch), wo wir noch zwei recht kurzweilige Stunden verplantschten. Sehr exotisch war es leider nicht, Chlorwasser in angenehmem Ambiente. Wir fielen also in den Zug nach Budapest, schliefen und tauschten uns über ästhetische Konzepte aus.

Das war vor etwa zwei Wochen, daher ein schneller Überblick über die Zwischenzeit. Kurz im Anschluss war ich auf der StA-Sitzung bei Oberurff, genauer gesagt bei Kassel in der Jugendherberge von Melsungen. Um 7 Uhr morgens waren sie schon recht freundlich und offerierten mir das Teebuffet das mit Exotik nicht geizte aber darüber solide Grundlagen vermissen ließ - wer braucht schon Winterzimt, Vanille-Rhabarber und Cola-Tee (sic!) wenn keine Kräuter, Hagebutte, grüner Tee vorhanden sind? Die Sitzung insgesamt war lang, etwas ineffizient aber dabei sehr entspannt, für einen alternden auscheidenden StA-ler genau das richtige, um noch einmal in aller Länge und Breite das über Jahre akkumulierte Wissen preiszugeben. Wegen Sitzungsüberlängung fiel der Partybesuch in Kassel leider aus, aber das schmerzte mich nicht sonderlich, denn es gab um drei Uhr nachts noch Schokofondü zur Kompensation.

Bei der Gelegenheit erhielt ich auch meine Abschiedsurkunde aus diesem Gremium, dem ich in fünf Jahren fast soviel Aufmerksamkeit gewidmet habe wie meinem Studium, in dem ich sehr viele, sehr schöne Momente hatte und wo ich unglaublich wertvolle Menschen getroffen habe. Es ist schwer zu sagen, wie viel mir das ganze geholfen hat, bedeutet hat, und wo ich ohne wäre. Also: Danke euch allen für die gute Zeit und die ausdrucksvolle Urkunde. Für den Rest der Welt liegt sie hier in Budapest zur Ansicht.

Um den Bogen zu schließen: Gestern bin ich wieder hier in Ungarn eingetrudelt, heute die ersten Kurse besucht und versuche wieder ins Ungarische hineinzukommen, was mir aber eher mäßig gelingt, plane aber immerhin wie ich die verbleibende Zeit sinnvoll nutzen kann und dem dräuenden Alltag ein Schnippchen schlagen. Wer sich gewöhnt hat schon halb verloren!

Bükkenrede, zweiter Teil

Diesmal ohne anstößiges Gedicht, aber mit rascher Erklärung: Die tollkühne Ankündigung, dass ich den zweiten Teil der Reise bald veröffentliche konnte ich leider nicht halten. In der Zwischenzeit habe ich eineinhalb Wochen Zeit in Deutschland verbracht und dabei wenig Zeit und Muße gehabt, meine Budapester Geschichten weiter zu führen. Als kleine Entschädigung werde ich zumindestens versuchen, die Bilder von unserer Bükk-Reise in meinen Besitz zu bringen und der Öffentlichkeit zukommen zu lassen.

Aber der Reihe nach. Am zweiten Tag unserer Hügelreise pendelten wir in aller Frühe nach Silvásvárad. Unterwegs noch ein wenig Panik, denn der Bahnhof war um die Ecke, aber nicht so um die Ecke, und die Gruppe war wach, aber noch nicht so wach und vor allen Dingen so dynamisch wie eben nur eine Gruppe von mehr als drei Personen es sein kann. Auf die Tickets geworfen, in den Zug gehechtet, und die Sandwichproduktion angeworfen die uns schon am Vorabend vor dem Hungertod gerettet hatte. Dem Schaffner entlockt unsere Manufaktur höchstens ein mitleidiges Lächeln, aber er weist uns freundlich darauf hin, dass es in Szilvásvárad zwei Bahnstationen gibt, wir entscheiden uns für die erste, die schneller in die Berge führt und danken recht freundlich.

In Szilvásvárad angekommen sind wir endlich dort, wo wir hinwollten. In klirrender Kälte am Fuß der Hügel, die sich hier durch die Landschaft ziehen. Die Sonne scheint, der Atem gefriert, wir machen uns auf den Weg. Auf einer Allee dann der erste Gruß der Hügel: Ein Windstoß streift die nur lose hängenden, gelb-getrocketen langförmigen Blätter und in einem taumelnden Regen trudeln sie vor uns zu Boden in einem bunt-fröhlichen Schauspiel. Davon aufgemuntert geben wir uns dem Weg hin. Am Anfang führt er uns auf die Höhe von etwa 800 Metern, über recht steile Serpentinen, teils mit Laubmatsch, teils mit rund-eckigen Steinen bedeckt, die das Gehen einerseits ermöglichen, andererseits aber auch etwas schwieriger machen. Wir pausieren hin und wieder, entsorgen den Proviant, der uns die Beutel schwer macht, und erklimmen den Höhenzug. Hin und wieder locken Sonnenstreifen die uns deuten, warum wir hier sind und uns weiter willkommen heißen.

Als die Höhe gewonnen ist geht es recht zügig und bequem weiter - nur zwischendurch müssen wir uns für ein Gruppenbild in den Wald fügen. Xabi, der seine Kamera aktiviert und zu uns sprintet, wirft mich mit seiner Auflehnung fast um, aber die Formation hält und das Bild gelingt entsprechend. Zu Mittag sind wir in Bánkút, etwa auf 2 / 5 der Strecke und kehren im weißen Adler (fehér sas) ein. Dort erfahre ich, wie sich die Ungarn die Spaghetti in Milan vorstellen: Mit Ketchup und Speckstücken. Über diesen Delikatessen entspinnt sich leider eine weniger schmackhafte Diskussion: Weitergehen, Bus suchen? Die Befürchtung wächst, dass wir es nicht mehr rechtzeitig nach Miskolc schaffen, dass wir im Dunkeln steile Abhänge herabpurzeln werden und dabei Kopf, Hals und Designersonnenbrille riskieren.

Mir geht die Diskussion auf die Nerven: Wir haben uns entschieden, wandern zu gehen, der Tag ist jung, der Weg ab jetzt flach oder bergab. Klar, andere haben andere Schmerzgrenzen, aber bei einer Wanderung mittags zu bemerken dass man Ewigkeiten keine fünf Kilometer einen Fuß vor den anderen gesetzt hat grenzt doch ein wenig an Arbeitsverweigerung. Bald löst sich das Problem mit einer einfachen 3 zu 3 Aufteilung. Judith, Magda und ich setzen auf dem Wanderweg fort, der Rest fährt Bus und organisiert schon einmal eine Unterkunft.

Der Rest des Wegs wird wunderschön. Zu dritt kann laufen, reden, noch Kekse am spiegelnden See essen. Dabei nehme ich es den Steinen auch nicht übel, dass sie sich auf der Landstraße gegen mich verschwören und sich selbstmörderisch vor meine Füße werfen. Wir passieren noch ein Märchenschloss, das sich Hotel nennt, klauen Plätze in einem Bus und sind schon in Miskolc, Nummer drei unter den ungarischen Städten. [Teil 3 folgt, bestimmt!]