Donnerstag, 26. Juni 2008

Letzte Schritte

Mein Tag dreht sich um die letzten Verrichtungen in dieser Wohnung und dieser Stadt. Gestern erlebte ich ein Abschiedsdinner (wieder) im Castro, einer gemütlichen Kneipe im Zentrum Budapests und wunderte mich, dass sogar ein scheinbar "leichtes" Gericht wie Pasta mit Fisch in den hiesigen Küchen (oder in der Küche des Castro) zu einem fetttriefenden Etwas werden kann. Wie dem auch sei, unterdessen gewann die deutsche Nationalmannschaft mit unattraktivem aber hocheffektiven Spiel. Am Tisch saß ich wiederum zwischen Katalanen, denen die spanischen Siege eher nebensächlich sind, wegen innerspanischer Sentimente. Genauer, so wurde mir kommuniziert, hängt das Nichtanerkennen des Kosovo von spanischer Seite auch daran, dass sie Probleme bekämen, den katalanischen Landesteil und das Baskenland bei sich zu behalten. Wieviel daran wahr und falsch ist lasse ich hier offen, aber interessant allemal.

Gestern habe ich noch die letzte Wohnstätte Béla Bartóks in Budapest besucht. Das Haus ist recht groß und liegt im 2. Distrikt von Budapest - was etwas irritierend klingen kann, denn während der erste Distrikt tatsächlich sehr zentral auf der Buda Seite beheimatet ist, so bezeichnet der zweite Distrikt den Nordteil von Buda, der sich auch von der Stadt weg zieht. Daher hatte ich vom Moszkva tér noch etwa 20 Minuten mit dem Bus in die Hügel. Im Haus gibt es nicht viel zu sehen, daher war ich in einer Stunde damit durch, aber es hat sich trotzdem sehr gelohnt dahin zu fahren.

Zum einen sprach mich eine sehr freundliche Museumsfachkraft an und erklärte die Einrichtung. Sie bestand aus "bäuerischem" Mobiliar aus der Gegend in der Bartók geboren wurde, also waren alte Schränke, Tassen, Vorhänge ausgestellt. In einem Nebenzimmer befindet sich der Bösendorfer auf dem Bartók komponierte, daneben steht sein Grammofon, mit dem er über die siebenbürgischen Dörfer zog und Volkslieder sammelte. An einer Wand davor sind auch Bilder einer Sammelreise, die ihn in den 30ern in die Türkei führte. Speziell sein Interesse an türkischer und arabischer Musik, entsprechende Reisen um Material zu sammeln und Teilnahme an Kongressen über dieses Feld waren mir bisher nicht bewusst und freuten mich zu sehen.

Im Obergeschoss das erst vor zwei Jahren ausgebaut wurde, fanden sich dann einige Kuriositäten. Das eine war etwa ein Holzstock, an dessen Ende sich verzierte Lederstreifen fanden, unterschiedlicher Länge und Farbe. Meine Führerin erklärte, dass dieser Stock von wandernden Arbeitern benutzt wurde. Dort wo sie blieben und schafften erhielten sie am Ende ihrer Tätigkeit einen Lederstreifen, der durch die Länge besagte, wie lange sie dort gearbeitet haben, und vielleicht noch andere Codes beinhaltet, die dann ausdrücken, wie gut sich der fahrende Gesell geschlagen hat. Weitere Ausstellungsstücke umfassten eine Sammlung von Blumen, Käfern, Münzen, ... , eigentlich sammelte er scheinbar alles. Schön war auch der Ungarische Ausdruck, dass jemand, der ein wenig seltsam und isoliert ist dann als "käferig" bezeichnet wird. Passend zum Hobby. Das letzte Stück war schließlich eine Zigarette, die bei der Restaurierung des Flügels darin gefunden wurde. Bartók war schwerer Raucher und wurde selten ohne angetroffen.

Alles in allem, ein schöner Besuch, ich stand kurz davor, ein Dokumentationsbuch zu erwerben, aber die geschätzten zusätzlichen fünf Kilo in meinem Rucksack wollte ich mir nun doch nicht zumuten.

Am Montag führte ein Ausflug mich noch nach Zsámbék (Schambeck), ein deutsch geprägter Ort mit einer sehr alten Klosterruine. Vielleicht lade ich später noch einige Bilder hoch. In jedem Fall gab es ein freundliches Restaurant, interessante Ruinen und einen großen Feiertag den wir just verpasst hatten, da er Sonntag stattfand.

Wie nun weiter? Ehrlich gesagt weiß ich nicht einmal, ob ich dieses Blog noch weiter betreiben werde. Der Titel wäre zumindestens veraltet und unnütz. Diejenigen die ich hoffe hiermit unterhalten zu haben werde ich bald wiedersehen. Die Fremdheit, die ich in einigen Auszügen versucht habe wiederzugeben wird sich in Deutschland nicht einstellen. Ein Werkzeug steht da ohne Zweck. Ein Projekt, das ich vielleicht noch in Angriff nehmen werde ist eine Art "Guide to Budapest", ein Leitfaden wie man sich hier zurecht findet und was man unternehmen sollte. Ob es dazu kommt steht noch in den Sternen. Vielleicht am Wochenende, wenn Internet abgestellt ist und ich mich nicht anderweitig ablenke.


ENDE
(vorerst)

Donnerstag, 19. Juni 2008

Länderspiel # 2

Am Wochenende haben wir einen Roadtrip unternommen. Nur einen Tag lang, und ohne die gesamten Implikationen die das gängigerweise für pubertierende Nordamerikaner hat, aber immerhin waren wir in Ungarn mit dem Auto unterwegs. Genossin Fatima reist demnächst nach Prag zurück und hatte daher ihr Vehikel "am Start", wie man so schön sagt. Wir haben uns also Richtung Süden aufgemacht. Unser letztes Ziel war Pécs, aber unterwegs machten wir Zwischenstopp in einigen bemerkenswerten Orten entlang der Donau.

Unser erster Stopp war Paks. Dort gibt es eine katholische Kirche im besonderen Stil, vollkommen schwarz an der Außenseite und aus Holz gefertigt. Für mich eine überzeugende moderne Lösung, organisch im Gegensatz zu streng geometrisch, Holz im Gegensatz zu Stein, Mensch im Gegensatz zu Gott. Eine Art moderne Theologie die dabei zum Ausdruck gebracht wird.

Zweiter Halt war Szekszárd, wo wir auch zu Mittag aßen, eine wunderbar cremige kalte Obstsuppe, die ich als eine der wenigen Ungarischen Eigenkreationen und Spezialität zu akzeptieren bereit bin. Frische Früchte, sämige Konsistenz, das ist schon mal etwas. Die Stadt selbst war recht sehenswert, nett und niedrig, Kirchgänger strömten gerade aus der Messe (wir fuhren am Sonntag) und trugen zum Teil traditionelle Trachten. Wenig weiter fand sich ein spannendes Prometheus Denkmal mit Hunden, Wohnblock und Wiese. Sehr poetisch.

Dritte Station vor Pécs war das Schlachtfeld von Mohács, oder genauer gesagt die Gedenkstätte die dort errichtet wurde um dem Massaker an der ungarischen Seele zu gedenken. Mit diesem Tag im Jahre 1526 endete das Ungarische Königreich, und sollte nie wieder hergestellt werden. Die Ungarische Geschichte ist seit dem eine Geschichte von Revolutionen und Befreiungskämpfen. Als ich darüber noch einmal nachlies bin ich auf die Webseite: www.hungarian-history.hu gestoßen, die wirklich eine angenehmen Fülle von Informationen bietet. Wir hatten Glück an der Gedenkstätte, denn gerade wurde das Originalmaterial der Schlacht, also die Waffen und Rüstung, einer Gruppe Studenten vorgeführt. Die weiblichen Teilnehmer unserer Unternehmung durften dann auch auf einen armen Fuchs schießen, der auf ein Polster gemalt nicht entfleuchen konnte.

Zuletzt kamen wir in Pécs an. Das war für mich ein interessanter Kontrast, da ich ja schon im Januar dort war (hier im Blog verzeichnet). Im Sommerlicht war das ganze aber noch einmal eine sehr andere Erfahrung, besonders weil wir auch hier Glück hatten mit der Ereigniskultur: In der Fußgängerzone fand das berühmte Straßenrennen von Pécs statt und wir konnten seinen Ausgang verfolgen (genauer gesagt, das erste Rennen habe ich sogar mit der Kamera aufgenommen!). Zuletzt gondelten wir noch zum Pécser Dom, tranken Kaffee, und machten uns bald auf den Heimweg. In jedem Fall eine sehr schöne Tour. Ich habe dabei gemerkt, dass mein Verhältnis zu den ungarischen Distanzen relativ verzerrt ist. Von Budapest nach Pécs sind es nur etwa 200 km, aber da der Zug schon über drei Stunden dauert hätte ich es viel weiter eingeschätzt. So setzen sich deutsche Züge und Fahrpläne im Kopf fest.

Zur Feier des Tages habe ich mich endlich wieder an mein Fotoalbum gesetzt und einige Bilder hochgeladen, die sich hier bewundern lassen. Das Rennen gibt es dann hier (DivX kodiert).

Freitag, 13. Juni 2008

Länderspiel

Wie so viele andere auch habe ich gestern Fußball geschaut. Wie für viele andere Fußballfans in Deutschland war es vermutlich eine frustrierende Erfahrung. Die Deutsche Nationalmannschaft spielte deutlich schlechter als noch im Auftaktspiel gegen Polen, und man kann es nicht nur auf unglücklich Umstände schieben (das zweite Gegentor), dass Kroatien mit 2-1 gewonnen hat.

Was viele andere aber nicht gemacht haben ist, das Match im Österreichischen Fernsehen anzusehen. Bekanntlich gibt es Menschen im Internet, die keinen Fernseher haben, gerne Sport sehen wollen, und sich dann mit anderen Menschen austauschen, die die entsprechenden Daten ins Internet senden. Kurz: Ich habe den ORF per p2p empfangen.

Ein österreichischer Kommentator bei einem deutschen Spiel? Das war eine interessante Erfahrung. Für mich wirkte es über die meisten Strecken nörgelig. Immer gab es etwas, womit die Deutschen gar nicht zurecht kamen, immer wurde betont, wie sehr die Kroaten das Spiel im Griff hatten, selbstverständlich lief gar nichts bei den Deutschen zusammen, selbstverständlich seien die Kroaten sehr abgeklärt. Mir ist klar, dass ich das aus der Perspektive eines Deutschen höre, der einen Österreicher verfolgt. Aber seltsam ist es schon. Im Anschlussspiel von Österreich gegen Polen (wo ich leider nicht lang genug dabei war, um den Ausgleich noch zu erleben) das gegenteilige Bild. Die Nationalmannschaft wird in den Himmel gehoben, und für Montag das große Fußballendspiel gegen die Deutsche Nationalmanschafft projeziert, das Aufeinandertreffen zweier Giganten. Zweier Giganten? Was habe ich verpasst, das die österreichische Mannschaft in letzter Zeit vollbracht hätte? Für wie gefährlich halten sie sich?

Und nun in den Österreichischen Blättern, medienwirksam zitiert auf der Spiegel-Webseite:

Kronenzeitung: "Vastic gleicht in der 93. Minute aus, großes 'Finale' gegen Deutschland: Jetzt brauchen wir noch ein Cordoba! Vor dem Ende kam das Glück zurück! Der Traum lebt."

Standard: "Wien wird Cordoba. Und zwar: 'Schalala lala!'"

Cordoba. Immer wieder Cordoba. Wir wissen was in Cordoba passiert ist. Fußballzwerg Österreich gegen die übermächtigen Deutschen. Die Weltmeister von 1974 bei der WM '78 in Argentinien. Beide haben keine Chance mehr aufs Weiterkommen (Deutschland nur mit hohem Sieg). Deutschland spekuliert auf jenen. Österreich ist motiviert, kämpft, gewinnt 3:2.

Meine Magisterarbeit beschäftigt sich mit Narrativen. Das heißt mit bestimmten Weisen, Geschichten zu erzählen, die ungemein wirkungsmächtig werden können. Durch eine gewisse Konstruktion, durch eine bestimmte Art, Geschichte zu lesen, wird sie zu einem Symbol und zu etwas, worauf man sich in jedem passenden und unpassenden Moment beziehen kann. Dabei ist es nicht einmal wichtig was genau in Cordoba passiert ist. Wichtig ist, was Cordoba in dieser Kultur ist und dort bedeuten kann.

Insofern ist das ganze für mich sowohl Fanleid, als auch interessanter Anschauungsunterricht. Weiter gehts am Montag.

Dienstag, 10. Juni 2008

Tski

Schon wieder fast eine Woche seit dem letzten Eintrag, die Zeit kriecht wie eine Weinbergschnecke aus der Sonne und doch rennt sie. Heute im Supermarkt sah ich eine seltsame Aufschrift auf einer Banana. Ich entzifferte als ersten Wortteil: Elefant. Dann dachte ich: Kann ja nicht sein. Lese das ganze Wort: Elefant .......... Knochen .......... Strand.

Ich musste ein wenig schmunzeln.

Mittwoch, 4. Juni 2008

Overflow

Die Nächte in Budapest sind um diese Jahreszeit gerade noch erträglich. Eigentlich ist es schon über die Grenze, aber gestern hat ein Wärmegewitter die Gefahr unterdessen gebannt. Deswegen bin ich nun froh, die Tage größtenteils in der Bibliothek zu verbringen. Dort schreibe ich an meiner Abschlussarbeit, also an der Rohfassung, die inzwischen schon die Hälfte des verlangten Umfangs hat. Ich würde sagen, dass ich gut vorankomme. Dazu häufen sich nun die Abschiedsparties, -trünke, -reisen. Ein Effekt der sich langfristig wohl verlieren wird, so wie es schon im Dezember war, als die Halbjährlichen ihr Auf-Wiedersehen sagten.

Gestern abend war so eine Party in einem Keller namens "Melypont" (Tiefpunkt), wobei drei Geburtstag hatten und eine sich verabschiedete, eine Finnin namens MariaRita, mit der ich bis Weihnachten in einem Sprachkurs saß und die ich still aber intelligent in Erinnerung hatte.

Morgen ist endlich wieder Zeit zum Ninjutsu, was ich schon vermisst habe, und was mir dann noch innerhalb von drei Wochen Unterhaltung verschaffen wird. Viel mehr gibt es vom Status Quo eigentlich nicht zu berichten. Man schwitzt. Man liest. Man schreibt. Man trinkt Kaffee mit Zimt und Vanillesojamilch (Eigenkreation, erstaunlich gut).

Also noch ein paar Worte aus Norwegen, auch wenn sie in diesem Klima eher verblassen und vollständig ins Reich des Ungreifbaren hinübergleiten. Die schönste Tour, in meiner Erinnerung, machten wir etwa Mitte der ersten Woche. Wir waren nach Stavanger gefahren von Kristiansand aus, waren dort über die nahegelegene Insel gewandert und hatten einen Campingplatz gesucht. Zwischen Bäumen, an der Nordseeküste, am Rand eines Kinderfreizeitwildnisparks fanden wir schlussendlich was wir suchten - Ruhe, Meer, Panorama.

Wir waren am Nachmittag angekommen und hatten uns informiert, wo unsere Tour weiter gehen konnte. Auch hier in der Gegend war alles über 6-700 Metern noch voll von Schnee, der Frühling hatte lange auf sich warten lassen. Wir suchten nach Inhalt für etwa 3 1/2 Tage, aber leider bot die Umgebung nur zerstückelte Touren, die wir uns selbst zusammensetzen konnten. Wir erwarben also eine Karte des Lysefjordgebiets - ein Stück östlich von Stavanger begibt sich diese Wasserstraße landeinwärts, während an ihren Ufern sich das Gebirge immer höher hebt, bis endlich fast 1000 Meter.

Am Dienstag besuchten wir zunächst einen Wasserfall. Ein Schulbus brachte uns bis zum Parkplatz. Der ganze Tag hatte etwas cineastisches. Als das letzte Kind ausstieg, und sich der Bus in den Serpentinen zum Einstiegspunkt nahe dem Wasserfall aufmachte startete der Busfahrer Musik. Ein wenig elektronisch, melancholisch, gebrochene Vocals im Vordergrund, sanft untermalt. Goldene Sonne auf dem Hügel, während der Bus sich die Kurven emporschraubt.

Vom Parkplatz waren es noch einige hundert Meter purer Anstieg, mit Treppe und Sicherheitskette zum festhalten. Nicht für Rucksacktouristen, sondern für Tagesbesucher, einmal hoch, runter, Grill anschmeißen. Wir klettern hoch. Der Manafossen übererfüllt unsere Erwartungen. Mit Gewalt dringt er aus dem Fels in unser Gesichtsfeld, reklamiert es in seiner Plastizität und Entschlossenheit. Das untige Bild trägt dem Ganzen nur wenig Rechnung, da das Schmelzwasser dem Fall noch mehr Wucht und Volumen gab.


Nach unserem Abstieg mussten wir das Tal noch eine Strecke zurück verfolgen um den Einstieg zu unserer Wanderroute zu finden. Unsere Karte begann gerade nördlich des Tals und es war ein Zubringer eingezeichnet, der in drei Kilometern aus dem Tal zu unserem Kartenausschnitt führen sollte. Der Weg oben sollte nicht explizit, also mit roten "T"s und Punkten, markiert sein, sondern eben nur ein Pfad sein.

Unterwegs fragen wir einen blonden verschmutzten Bauern, der an einer riesigen Maschine arbeitet, wie weit es noch sei. Er spricht wenig Englisch, aber bietet uns sofort an, uns ins Tal zu fahren. Es sei noch weit. Wir sollten vorsichtig sein, oben sei vielleicht noch Schnee. Auf keinen Fall sollten wir auf das Eis treten, das sei gefährlich. Ja, wir versprechen es.

Er fährt uns also zum Einstieg, den wir so wahrscheinlich kaum gefunden hatten. Es ist früher Nachmittag, vor uns liegt der Überstieg vom einen Tal ins andere, also zunächst ein steiler Pfad aufwärts, eine kleine Hochebene, die uns noch etwas höher führt, und dann der lange Abstieg. Unser Weg hinauf ist wiederum in goldenes Kinolicht getauft. "Dann haben sie sich verabschiedet und sind in die Berge gegangen. Er war der letzte Mensch, der sie noch lebendig sah."

Wir gehen den steilen Pfad hinauf, er ist mit Steinen bedeckt, die wohl Erosion verhindert, Tritthilfe sind, wer weiß. Neben uns fällt ein Wasserfall in das Tal. Hin und wieder treffen wir Schafpforten. Dieser Weg ist nicht für uns da. Er ist für diejenigen da, die hier ihre Schafe hintreiben. Er ist für die da, die oben ihre Häuser haben. Wir sind in ein anderes Reich eingetreten, wir sind nicht mehr auf den geleiteten Wegen, wir sind - zu einem gewissen Grade - frei.

Dabei aber immer noch voller ungewisser Erwartung. Was wenn wir wieder auf ein Schneefeld treffen? Wenn es nicht weitergeht? Wenn wir an der Kuppe stehen, wiederum von Süden kommend, und im Norden, unter uns, nur weiße Weite sehen? Was dann tun? Umkehren? Noch einmal durchquälen?

Am ersten Tag stehen noch keine solchen Entscheidungen an. Wir vollenden den Aufstieg und geraten auf besagte Hochebene. Zwei Seen markieren das Territorium und liegen malerisch auf diesen 4-500 Metern. Mehrere Sommerhäuser, Dächer bedeckt mit Moos und Gras, sind hier gut angelegt. Wahrscheinlich noch nicht bewohnt, dafür ist es zu früh. Zwischen den Seen, Halbzeit, schlagen wir unser Zelt auf. Es ist ein wenig feucht zu Boden, aber wir finden einen guten Ort, nicht weit von einem lebendigen Bach, der sich zu den Seen herab stürzt. Malerisch hebt sich das grüne Zelt vom braun-roten Heidegras ab. Hier passt alles.

Am nächsten Tag beginnen wir nun also den Anstieg über die Hügelwellen, die uns zum höchsten Punkt führen. Wir sind immer noch leicht gespannt. Was wenn. Auf der letzten Kuppe, die wir nur auf Umwegen erreichen, da der Weg sich verliert, können wir schließlich auflachen. Ja, es gibt Schnee. Wir müssen insgesamt vielleicht 10-15 Meter durch ihn hindurch steigen. Sinken höchstens bis zum Knöchel ein. Das ist gezähmte Wildnis, nichts wovor man sich fürchten müsste. Und machen uns an den Abstieg, nach Espedal, erst das obere, dann das untere. Das obere ist eine Art Bergsiedlung, mit 6-7 Häusern und einer Art Dorfstraßenpfad zwischendrin, noch deutlich über dem Niveau des Tals.

Auf dem Weg finden wir einen Wasserfall, der sich unter der Brücke die wir überqueren zu einem Teich ergießt. Wir lassen uns nicht lange bitten und steigen herab zum Bade. Es ist saukalt, klar, aber dieses Gefühl der Reinlichkeit, des Kontrasts, ist erhebend. Dann steigen wir ins Tal.

Mittwoch, 28. Mai 2008

Die neuen Rechte

Die größte Neuigkeit zuerst: Sowohl Kat als auch ich sind wohlbehalten aus Norwegen wiedergekehrt und ich befinde mich inzwischen wieder in Budapest. Auf der Reise blieb ich verschont von größere Anfechtungen der Gesundheit betrifft (alle Knochen sind heil), aber auch von kleineren Details (kaum erkältet). Das macht das Gesamte schon einmal erfolgreich.

Die Tour dauerte vom 9. bis zum 23. Mai und begann in Oslo. Von dort wollten wir etwa eine Woche einen Wanderweg durch die Wildnis beschreiten, was aber an den Schneeverhältnissen scheiterte. Stattdessen verlotterten wir am Rande der Städte von Südnorwegen - Kristiansand, Stavanger, Bergen und am Schluss noch ein Tag Oslo. Die erste Woche waren wir mehr oder weniger in der Wildnis unterwegs, die zweite Woche erholten wir uns und gaben uns den städtischen Versuchungen hin.

Vor allen anderen Dingen - ich weiß nicht, ob ich einen kompletten Bericht dieser Reise anfertigen mag - unterschied sich Norwegen vom Gefühl her. Das macht sich an zwei Dingen fest: An Leuten und Rechten.

Die Norweger sind freundlich. Diese Ansicht mag sich in der Welt herumgesprochen haben, das sagt aber noch nichts darüber aus, wie freundlich sie in Wirklichkeit sind. Wenn man sie nach dem Weg fragt sind sie nicht beleidigt oder überlegen, ob es überhaupt in ihren Zuständigkeitsbereich gehört, dir jetzt diese Auskunft zu erteilen. Meistens kennen sie sich gut aus und helfen gerne, ansonsten verweisen sie an Mitmenschen die eher helfen können.

Zum Beispiel unser erster Wandertag. Da es Wochenende war konnten wir nicht die gesamte Strecke zu unserem Startpunkt per Bus zurücklegen. Wir fuhren also den halben Weg per Bahn und wollten zur Not die Strecke laufen. So stehen wir also am Bahnhof und schauen uns nach der richtigen Richtung um. Auftritt ein junger Mann, groß und blond, der uns fragt wohin wir denn wollten. - Amli, bzw. Dölemo, sagen wir. - Ah, da können wir euch mitnehmen, heute fährt ja kein Bus. Schon eingestiegen, die ersten 20 Kilometer hinter uns gebracht.

Dann am zweiten Tag. Wir sind ungeplant in ein Tal abgestiegen, wo kein Bus und kein gar nichts fährt. Wir fragen in einem Handarbeitsladen (wer weiß warum es genau solch einen Laden hier gibt) nach dem Weg in die nächste Stadt und nach einer Badestelle am wunderschönen See, wo wir uns gerade befinden. Eine ältere Dame, die nicht sonderlich viel Englisch spricht, sich aber verständlich machen kann mit dem Wort Norwegisch von Zeit zu Zeit. Sie wird uns zu einem Waldstück mit privatem Strand bringen. Vorher zeigt sie auf ein Haus und sagt, dort würden Deutsche wohnen, vielleicht wüssten sie jemanden, der in die Stadt fährt. Wir fragen also, ein wenig skeptisch. Der pater familias sieht sich verantwortlich: - Dann muss ich sie wohl nach Dölemo bringen. Später bringt er uns an einen Kreuzweg zwischen Arendal und Kristiansand, kurze Zeit später sammelt ein Pastor uns auf, der uns nach Kristiansand fährt, über das europäische Bildungsideal und Erinnerungskultur erzählt, uns noch die Stadt zeigt und einen hervorragenden Campingplatz weist.

In Kürze: Norweger fühlen sich verantwortlich. Und: Diese Haltung färbt ab. Je einsamer das Tal war, in dem wir jeweils nach einer Mitfahrgelegenheit suchten, desto freundlicher und hilfsbereiter die Menschen. Das bezieht sich nicht nur auf das Anhalterspiel, sondern auf jegliches Nach-dem-Weg-Fragen und sonstige alltägliche Interaktion. Am letzten Tag etwa. Wir haben mitten in Oslo einen Campingplatz gefunden, am Rande des Vigelandparks, den man, sollte man in Oslo weilen, unbedingt gesehen haben muss. Das Zelt steht noch, wir köcheln Tee und warmes Müsli zum Frühstück. Ein Herr wandert vorbei und kommentiert. Meine deutschen Nerven erwarten eine bestimmte Form von Kommentar. Vielleicht Paranoia. Ich erwarte einen dummen Spruch. Wenn Fremde in Deutschland mit dir Kontakt aufnehmen, und du gerade mit nicht-standardisiertem Benehmen beschäftigt bist, dann gibt es einen dummen Kommentar. Es kann gar nicht anders sein. So nicht der Norwegische Herr. Als wir Nichtverständnis signalisieren übersetzt er - Are you having breakfast? bon appetit!.

In dieser Gesellschaft haben wir nicht nur von Norwegern Gutes erfahren. Gleichzeitig konnte man den "attitude-transfer" gegenüber Deutschen, Polen, Niederländern und Ungarn beobachten. Nicht dass sie von sich aus misantrophisch gestimmt wären. Aber hier in diesem Klima werden alle ermuntert, auch mal ihrer freundlichen Seite Auslauf zu gewähren.

Wie kommt dieses Klima zustande? Ich möchte nur wieder ein Beispiel nennen, das mir so ungemein typisch erscheint. Wir kommen an ein norwegisches Wandergebiet. Dort steht eine Tafel, die grob die Routen der Region erläutert, gemeinsam mit einigen Vorschriften, wie man sich in der Wildnis zu verhalten hat. Unten auf der Seite befindet sich so ein Infokasten. Doch der Inhalt ist spektakulär. In diesem Kasten stehen keine Verbote, sondern meine Rechte. Hier steht, dass ich über das Gebiet gehen darf, dass ich Skifahren darf, dass ich Pilze und Blumen sammeln darf, dass ich zu einem gewissen Grade fischen darf, dass ich mein Zelt aufbauen darf. Dort stehen Rechte, die ich in dieser Wildnis in Anspruch nehmen kann. Wieder ist es vielleicht die Deutsche Seele, die dazu kommentiert "Das kann doch nicht sein". Aber doch, hier bekommt man noch gesagt, was man explizit darf, in welcher Form man die Natur erleben darf. Und das ist ein Signal, das ich sonst selten sehe und mir, wie gesagt, in deutschem Naturschutzwahn kaum vorstellen kann.

So fühlt sich also Norwegen an. Als Auszug. Als Einstieg.

Mittwoch, 7. Mai 2008

Auf der Reise

Morgen verlasse ich Budapest. Nicht auf Dauer, sondern "nur" für zwei Wochen Urlaub, aber trotzdem ist meine Zeit hier nun fast um. Unsere Wohnung ist bis Ende Juni gemietet, und da ich nicht damit rechne, länger als das hier zu sein, ist dies also auch der Endpunkt des Budapest Abenteuers. Sobald ich aus Norwegen wiederkomme werde ich vielleicht auf dieser Plattform ein wenig darüber reflektieren, ein gesamtes Fazit ziehen und nebenbei noch einige Tipps für Budapest-Besucher der Ewigkeit überantworten.

Heute war für mich mein Prüfungstag, in den zwei Seminaren die ich neben dem Selbststudium hier noch besucht habe - mein Ungarischkurs und ein Seminar auf Englisch zur Philosophie der Psychologie. Beides hatte ich mir schlimmer vorgestellt, aber letztlich war alles machbar und erfolgreich, insofern bin ich diese Prüfungen los. Über meinen Essay zu Berkeley habe ich noch nichts gehört, hoffe aber natürlich das beste.

Wie erwähnt geht es morgen dann nach Hamburg und von dort direkt weiter nach Norwegen. Dort werde ich meine neuen Spielzeuge, ein Zelt und Outdoorbekleidung, in einer angemessenen Umgebung ausprobieren. Ich bin in jedem Fall sehr gespannt, wie es wird und wie einfach oder schwer das Überleben in der Wildnis wird. Echte Wildnis ist es ja nicht, da der norwegische Wanderverein großflächig Wege markiert hat, an diese Wege Hütten platziert, und somit eine Alternative zum schutzlosen Zeltwandern zur Verfügung stellt. Die Temperaturen sollen angeblich so zwischen 10 und 15 Grad liegen, was natürlich traumhafte Bedingungen zu dieser Jahreszeit sind. Ich freue mich sehr drauf.

Freitag, 25. April 2008

Auf der Suche

Inzwischen habe ich mich wieder daran gewöhnt, das relativ alltägliche Budapester Leben zu leben. Ich gehe zu den wenigen Veranstaltungen die ich noch an der Uni habe, davon drei Stunden Ungarisch in der Woche und warte ansonsten auf die Rückmeldung für meinen Essay an der CEU. Mit dem Programm LateX habe ich mich soweit angefreundet dass ich schöne Texte produzieren kann und bin mit den sonstigen Funktionen sehr zufrieden - dass man etwa ein Literaturverzeichnis erstellen kann, von dem er dann automatisch die bibliographischen Daten kopiert, und das man dann für die nächste Arbeit weiterverwenden kann. Klar, das gibt es auch in anderer Form mit separaten Programmen, aber dass man einfach eine Textdatei mit den relevanten Werken in einer gewissen Form erstellt, und dann daraus alle Zitationen bezieht, das ist schon sehr angenehm. Für den optischen Eindruck werde ich am Ende dieses Eintrags meinen kleinen Artikel über Berkeley hinstellen, wer will mag ihn auch aus philosophischer Sicht lesen.

Letzte Woche gab es eine angenehme Abwechslung hier vor Ort mit einigen Gastvorträgen. Beides waren Franzosen (eine sie und ein er). Sie hielt den Vortrag auf Englisch, über den Cartesianismus der Port-Royale-Logik, was den geneigten Leser nicht sonderlich interessieren muss. Ich saß eher dort und versuchte mich irgendwie zurechtzufinden im Vortrag, es wirkte so als hätte das französische Gedankengut den Transfer in die englische Sprache nicht sonderlich unbeschadet überstanden und war daher schwer wieder zu extrahieren, wie es oft klingt, wenn Menschen nicht in ihrer angestammten Sprache reden. Sie sprechen zwar sinnvolle, zusammenhängende Sätze, aber irgendwo fehlt eine Verbindung zwischen dem was intendiert ist zu sagen und dem was das Resultat dann letztendlich ist. Der zweite Vortrag war in der Hinsicht erfreulicher. Der Dozent trug seine Gedanken über das Thema von Pascal und den Emotionen auf Französisch vor. Danach wurde es auf Ungarisch simultanübersetzt, jeweils paragraphenweise. Das war ungemein stimulierend für mich, ich konnte so meine Verstehensfertigkeiten in zwei Sprachen verbessern, die ich beide leider nur zur Hälfte spreche. Da sich das dann auch so wunderschön überlappte gab es wunderschöne Synergieeffekte, mal lag mir ein ungarisches Wort näher, mal ein französisches. Besonders schön sind sicherlich meine Notizen von dieser Sitzung, die wohl mindestens viersprachig sind, mit französischen Ausdrücken, ungarischen Übersetzungen wo sie mir französische Ausdrücke erklärten, deutschen Kommentaren, und englischen Ergänzungen, die ich wohl einfach aus Gewohnheit eingefügt haben werde.

Gestern feierte die "polnische" Magda ihren Geburtstag nach, der am 21. bereits stattfand. Zur Feier des Tages erhielt sie eine Gitarre, da ihre alte bei einer Reise in den fernen Osten unwiderruflich beschädigt wurde. Das setzte sie erstmal ein wenig fassungslos auf den Boden, war aber schön, Teil dessen gewesen zu sein. Daneben gab es sehr erträgliche Pfannkuchen und Konversationen mit Österreichern und Pseudoösterreichern.

In den nächsten Tagen werde ich weiterhin auf der Suche nach einer Art Praktikum hier in Budapest sein. Es wäre schade, wenn ich mit Ende Juni einfach spontan entschwinden würde oder im Juni hier nichts mehr zu tun hätte (außer der ewig unausweichlichen Magisterarbeit). Sicherlich noch ein wenig Reisen und das Land sehen, aber hier Arbeiten hätte noch etwas besonderes. Soviel nun also, auf gehts ins Wochenende.



Freitag, 18. April 2008

Gute Menschen

Es gibt gute Menschen auf der Welt. Ich habe Beweise. Auf dem Weg zum Flughafen, wohin ich Felix eskortiert habe, verlor ich meinen Studentenausweis mit der zugehörigen Monatskarte. Das ist doppelt schade: Einen solchen schönen blauen Ausweis auszustellen dauert in etwa zwei Monate - daher lohnt es sich für mich nicht, einen neuen permanenten zu besorgen. Stattdessen einen grünen temporären. Zweitens: Das Monatsticket war noch gültig bis 10. Mai, und ich bin ungewillt, für Dinge zweimal zu bezahlen.

Nun, gestern morgen fand ich beide gemeinsam wohlbehalten in meinem Briefkasten, ohne Umschlag oder Notiz. Es gibt also gute Menschen auf dieser Welt, und besonders in Ungarn.

Dienstag, 15. April 2008

Denkpause

Rund einen Monat ist mein letzter Eintrag her, und ich habe diese Zeit sehr intensiv verbracht. Heute Morgen ist Felix abgeflogen, mit dem ich hier eine knappe, wunderbare Woche verlebt habe. Am Sonntag sind wir nach Visegrád gewandert, wo ich schon anderswann war, aber eine so eindrucksvolle, lebensfrohe Natur auf dem Weg habe ich noch nicht gesehen. Wir waren beide unglaublich beeindruckt, haben uns an einem Hochpunkt, von dem das Tal der aus Österreich kommenden Donau besonders klar im Sichtfeld liegt, in die Sonne gesetzt und einfach den Tag genossen. Davon kam nun auch der erste Sonnenbrand des Jahres, aber es war eine würdige Stelle dafür. Danach haben wir im mittelalterlichen Restaurant diniert, das auch einige andere Besucher schon genießen konnten, und das ich immer wieder gerne besuche - wegen der großen Portionen, der Beilagen, die sogar - im Gegensatz zu sonstigen madscharischen Sitten - Gemüse beinhalten, und des aufmerksamen Service wegen. Ganz abgesehen davon, dass damit eine Reise nach Visegrád meist sehr erfolgreich abgeschlossen werden kann.

Heute stehe ich also wieder ein wenig alleine da und darf meine Tage neu sortieren, was ich gerne tue. Das Besuchtwerden ist eine tolle Sache, und ich habe jeden einzelnen Tag mit meinen Gästen genossen, aber im Ganzen handelte es sich doch um eine ziemliche Invasion, da ja auch alle sich die schönste Reisezeit nach Budapest, nämlich den Frühling, herausgepickt haben. Im Winter ist es meistens dunkel hier, im Sommer wird es langsam unerträglich heiß - die letzte Woche hatten wir schon über 20 Grad an einigen Tagen, was mich natürlich mitleidig Deutschland gegenüber stimmt, wo es angeblich wieder Schnee geben soll.

Im Laufe der Zeit hat sich mein Verständnis von Touristenführung weiterentwickelt. Inzwischen habe ich eine Theorie, wozu man nach Budapest kommen sollte. Und so materialistisch es klingt: In Budapest geht es um Konsum. Das bedeutet vor allen Dingen, dass es sich nicht unbedingt lohnt, aus Budapest etwas mitzubringen. Weder die Volkskust noch die kulinarischen Spezialitäten rechtfertigen im Normalfall, damit sein Gewicht zu beschweren. Wenn man nach Budapest kommt, dann sollte man essen, trinken, einsaugen was man kann. Das beginnt mit den Kaffee- und Teehäusern. So guten Kuchen und so günstige Teespezialitäten bekommt man selten. Zum Mittagstisch kann man günstig indisch / ungarisch / voll vegetarisch essen gehen. Am Nachmittag in einem Thermalbad absacken. Zum Abend entweder auf das Partyschiff A38 oder in den Palast der Künste, wo Studenten besondere Eintrittstickets für 80 Eurocent erhalten. Den ganzen Tag wandelt man durch die wunderbare alte Bausubstanz, von der man nicht absehen könnte was sie bewirkte, würde sie vollständig renoviert und aufgemöbelt - vor dem Glanz müsste man vollständig erstarren in Staunen, und so würde Budapest zu einer Stadt der gefrorenen Statuen, in verschiedenen Stadien des Geblendetseins auf der Straße verblieben. Da wir aber nicht wollen, dass das passiert, begnügen wir uns damit, dass die Stadt ihren morbiden Charme weiter ausstrahlt.


Montag, 17. März 2008

Wege

Jetzt habe ich erst einmal eine Woche Pause, es stehen Osterferien an, das Semester der CEU ist geendet, Anna kommt erst am 24., also kann ich mich ein wenig entspannen. Wahrscheinlich ist aber, dass ich mich den länger aufgeschobenen akademischen und sonstigen Vervollkommnungstätigkeiten zuwende - ich war schon länger Zeit nicht mehr in der Bibliothek, und habe jetzt einen erneuten Motivationsschub für meine Magisterarbeit. Gleichzeitig werde ich meinen Essay über die "Early Modern Empiricists" schreiben und mich darin wahrscheinlich mit "Berkeley und Common Sense" beschäftigen.

Im Moment schaue ich mir dafür die Textverarbeitung LateX (sprich: LateCH, da ein Chi und kein Ix). Ich war damals in den Facharbeitszeiten immer neidisch auf diese talentierten Menschen, die so wunderbar einheitlich formatierte Dokumente Zustande brachten, in der Zwischenzeit habe ich gelernt, wie ich Openoffice und MS Word ein paar Dinge für mich tun lasse, nun steht endlich der nächste Schritt an, dass ich "you see what you mean" betreibe, also quasi dem Dokument sage, was ich gerne haben will, und es dann selbst herausfindet welche Raumaufteilung und Formatierung dafür besonders sinnvoll ist. Inzwischen bin ich soweit dass das Programm bereitwillig meine sehr basalen Kommandos ausführt und ein hübsches Dokument ausspuckt - das ging relativ schnell.

Es nähern sich die Osterfeiertage, für die ich aber kein besonderes Programm habe. Nach meinen Besuchen bin ich erst einmal gesättigt von Prunk und Sehenswürdigkeiten, in einer sehr positiven Weise, mit allen war es wunderschön, mit meinem Vater in einem Kreis zu tanzen ist fast so ein Lebenstraum wie mit ihm Handball zu spielen (das haben wir ja schon geschafft), mit Martin und Anne die Feudalherrschaft zur Burg von Visegrad wiedererstehen zu lassen auch eine Freude. Mehr will ich gar nicht erwähnen, und das eine Ereignis dem anderen zuvorstehen lassen, das wäre unangemessen. In meinem Kopf mischen sich die ganzen vielen Eindrücke und lassen ihn ratlos zurück aufgrund der Ordnung, der ihnen zu geben wäre. So verlege ich mich lieber auf die Zukunft.

Am Sonntag kommt vielleicht DAS Barockorchester, die English Barock Soloists mit John Elliott Gardiner und spielen die Johannespassion, die mir insgesamt wegen geringerer Monstrosität doch etwas lieber ist als ihr großer Bruder, die Matthäuspassion. Ich werde mich für Restkarten anstellen und zwei-drei Stunden in der Schlange verbringen um diesem Ereignis beiwohnen zu können, so wichtig wäre es mir dann. Zuletzt, ich wurde von meinem herzigen Mentor Bogyó dazu aufgefordert, auf Deutsch (!) einen Artikel für die internationale Seite einer Studentenpublikation zu schreiben. Sobald ich das erledigt habe kann ich diesen Artikel ja auch hier zum besten geben.


Donnerstag, 13. März 2008

Zeits wirds ...

Nun also endlich mal wieder eine reguläre Nachricht. Und die Freude war groß.

Wenn ich heutzutage dazu aufgefordert werde meinen Lebensstatus preiszugeben, in der Form von "wie gehts" oder "hogy vagy" (sprich: Hodj vadj) auf Ungarisch, dann verweise ich oft darauf, dass ich gerade Besuchswochen habe, wie schon in der vorherigen Nachricht angedeutet. Das hat für mich viele positive Seiten. Ich fühle mich inzwischen wieder halbwegs im Deutschen beheimatet und muss mir nicht mehr mühsam die Worte zusammensuchen. Zeitweise habe ich viel in Englisch gedacht und beim Reden nach ungarischen Wörtern gesucht. Nun geht es wieder halbwegs und ich habe auch zum Schreiben in deutscher Sprache wieder ein relativ nahes Verhältnis.

Zweimal die Woche gehe ich zu meinem neuen Ungarischkurs. Der Lehrer nennt sich Lengyel Atilla, also der Pole Atilla, aber ist echter Ungar mit Schnurrbart. In den Stunden spricht er, abgesehen vom gelegentlichen englischen Erklärwort, nur Ungarisch mit uns. Das meiste verstehe ich und gegenüber den vielen Asiaten, die den Kurs auch besuchen, habe ich den Vorteil, die vielen gesamteuropäischen Wörter gut zu verstehen (heute etwa ging es um "monarchia", was für die Asiaten teilweise unbekannt war und den seltsamen "ch"-Laut beinhaltete).

Das Niveau ist für mich sehr angenehm, ich habe inzwischen wirklich das Gefühl, das meiste gesprochene einigermaßen zu verstehen. Im Schriftbild ist das ganze noch etwas schwieriger, aber die Frühe der Kurse (Mittwoch 8 Uhr, Donnerstag 8.30) sorgt dafür, dass ich immerhin jeden Morgen eine Metro einsammeln kann. Metro ist eine kostenlos verteilte Zeitung, wahrscheinlich werbefinanziert, von etwa 20 Seiten, die damit die auflagenstärkste in Budapest ist. Wie der Name schon suggeriert kann man sie in den Morgenstunden an den Metrostationen erhalten. Manchmal kommt sie mir ein wenig wie eine Werbeveranstaltung vor, auch in den Artikeln, in denen neue Produkte oder Shoppingzentren besprochen werden, es gibt aber immer auch einen Sportteil, ein wenig Politik und zuguterletzt einen Calvin & Hobbes Comic, hier Kazmér s Huba den ich morgens gierig verzehre.

Gegenwärtig ist mein Herr Papa in der Stadt und hat mir heldenhaft einen Jahresvorrat Räucherstäbchen, ein dunkles Brot mit vielen Kernen und drei Packungen Lakritz mitgebracht, worum ich explizit gebeten habe und was mir, mit Ausnahme der Räucherstäbchen, in Budapest nicht unbedingt direkt zugänglich ist, das Brot in jedem Fall nicht. Gestern haben wir den Ort aufgesucht an den sich die Volkstänzer Budapests geflüchtet haben, die vorher etwa 10 Gehminuten von meiner Heimstätte logierten. Das Fonó-Zentrum liegt im Süden der Budaseite, wo man also nur schwierig hinkommt und wo sich eher Vorstadtindustrie befindet. Es gab einen Tanzworkshop und eine Musikgruppe die dann zum Tanz aufgespielt hat. Beim Workshop hatte ich Schwierigkeiten, mich einfach so in den Kreis einzureihen, wir kamen ein wenig spät und die Schritte variierten in schneller Folge. Irgendwann rang ich mich dazu durch, schlug mich eher schlecht als recht, aber bin nun fast motiviert, die Erfahrung zu vertiefen, was ja schon ein Erfolg für sich wäre. Das "Konzert" im Anschluss war dann etwas antiklimatisch, da es nicht wirklich viel zum Zuhören gab, aber viel zum Tanzen, was ich mich noch nicht traute. Höhepunkt war ein Csárdás, der sehr sehr langsam anfing und sich dann in 30 Minuten bis zur Extase hin steigerte, mit drehenden und wirbelnden Paaren auf der gesamten Tanzfläche. So war es gut.

Heute habe ich die beiden nach Szentendre geschickt, wo sie bei sonnigem Wetter auch gut aufgehoben sind. Dort residiert auch der Tárogáto-Bauer, der Budapest inzwischen hinter sich gelassen hat und nun dort diese speziell ungarischen Klarinetten fertigt. Das reicht erstmal, mehr nach dem Wochenende wo dann auch bald meine Osterferien anfangen.

Freitag, 7. März 2008

Lebenszeichen

Nur falls irgendjemand schon Besorgnis anmelden wollte: Es geht mir gut, ich befinde mich immer noch wie erwartet in Budapest, folge einem relativ routinierten Alltag und erfreue mich einer recht stabilen Gesundheit. In den letzten Wochen lief schleppend das neue Semester an, in dem ich einen leicht anderen Mix aus Kursen besuche. Gleichzeitig ging meine Besuchsphase los, wobei Kat sich zwei Wochen zu mir gesellte, vorgestern traf dann der erste Felix ein sowie eine weitere Architektin, Emma aus Delft. Heute haben wir bereits einen ausführlichen Standrundgang mit Architektenblicken hinter uns und brechen nachher noch in Richtung Nachtbad im Rudas Fürdö auf. Mehr über das ganze in den nächsten Tagen, dieser Eintrag dient eher zur Besorgnisvermeidung.

Donnerstag, 14. Februar 2008

Konterfaktischer Konditionalblogeintrag

Wenn heute nicht der Vortrag über Hermetismus im 17. Jahrhundert ausgefallen wäre, dann würde ich wahrscheinlich nicht hier sitzen und Blog schreiben. Was aber nicht ganz stimmt, denn der Vortrag finge erst um 10 an, aber wahrscheinlich würde ich die Zeit anderweitig verplempern. Insofern basiert die Existenz dieses Eintrags auf einem Nichteingetreten sein eines anderen Ereignisses, beziehungsweise, wäre dieses Ereignis wie geplant eingetreten, wäre nun etwas anderes der Fall, als es nun ist.

Es liegt wieder eine angenehme Woche hinter mir, die ich fast ausschließlich in Budapest verbracht habe. Ein paar Sachen sind dabei inzwischen vertrauter, das Ninjutsu Training, mein Montagskurs an der CEU, Budapest das sich langsam auf den Frühling einstimmt (aber nur ganz langsam).

Neu war unter anderem ein Ausflug nach Visegrad. Visegrad liegt am Donauknie, zwischen Szentendre, worüber ich in meinem letzten Eintrag ein paar Andeutungen gemacht habe, und Esztergom, wo wir in grauer Vorzeit einmal einen Ausflug hin unternommen haben. Alle diese Orte haben es gemeinsam, dass sie sehr prominent am Wasser gebaut sind. Szentendre hat seine eigene Insel, die sich über Kilometer in der Mitte der Donau befindet und sie damit in Szentendrische und reguläre Donau spaltet, Visegrad und Esztergom haben zwar keine Insel, dafür aber Bauwerke, die eindrucksvoll über den Flusslauf blicken. In Esztergom steht dann über der majestätischen Basilika, an deren Kopfstück "Caput, mater et magister ecclesiarum hungariae" geschrieben steht. Diese Hochwürden hat sie aber auch verdient.

Nach Visegrad kamen wir, von Leányfalu aus quer durch den Wald und die Visegrader Hügel. Diese Wanderung machte in etwa 20 Kilometer aus, also waren wir zu viert etwa vier Stunden unterwegs mit einigen Verweilmomenten an schönen Ausblicken über das Flachland und einigen Beschwerdemomenten über die Wegverhältnisse. Die schlimmsten Strecken waren die Wege die für Fahrradfahrer ausgezeichnet waren. Meistens handelte es sich um zwei Traktorspuren, tief in den Waldboden eingegraben, die aufgrund der Regenfälle, die sich natürlich in diesen Spuren sammeln, zutiefst vermatscht waren. Warum dies so sein musste, dafür habe ich eine Theorie.

An einem unserer ersten Aussichtspunkte radelte mit den letzten Zügen, mit dem Stolz eines selbstbewussten Siegers, ein Mountainbiker herbei. Das sah schon eindrucksvoll aus, seine professionelle Kluft, der Dreck, von dem sein Outfit starrte. Er radelte zunächst an uns vorbei, auf die offene Wiese, direkt vor dem Aussichtspunkt, quasi mitten ins Blickfeld. Dort ließ er sein Rad zu Boden, schnaufte einmal tief durch, streckte sich und blickte in den Horizont. Nun frage ich mich: Wie eindrucksvoll wäre dieser Auftritt gewesen, hätte unser lieber "Biker" nicht die Schmutzspuren aufweisen können, die Garantie dafür, dass er harte Straßen mit übermenschlicher Kraft gerade so gemeistert hat? Hätte er dann ebenfalls ins Blickfeld stolzieren können, mit der Garantie, alle Blicke auf sich zu ziehen? Ich denke nicht. Die schmutzigen Straßen sind unbedingte Voraussetzung für Selbstdarstellungen dieser Art. Deswegen sind sie in solch schlechtem Zustand, was Fußgänger kaum erfreuen wird.

Der Endpunkt in Visegrad kompensierte aber für diese Strapazen. Wir hatten einen wunderbaren Blick über die Donau, der auch fotographisch festgehalten wurde. Danke an dieser Stelle an Magda fürs Einfangen (die neue; tatsäc
hlich ist eine zweite Magda nach Budapest gekommen, die ebenfalls Medizin studiert, aus Polen kommt, und Magda heißt. Zufälle gibt es ...). In Visegrad haben wir auch in einem Renaissance-Restaurant gegessen, mit "men in tights and silly hats", aber es wäre zu lang daraus noch eine Geschichte zu stricken.


Mittwoch, 6. Februar 2008

Meditationen

Eine Weile bin ich nun wieder in Budapest, eine sehr entspannte Weile seitdem ich meine Prüfung und die Vorbereitung letzte Woche erfolgreich hinter mir habe, jegliche zeremonielle Gebräuche des Abschieds über mich hinweggewaschen sind. Ich habe die Zeit genutzt zum Ausflug nach Szentendre, ein Künstlerdorf an der Donau, eine halbe Stunde S-Bahn entfernt von Budapest. Dort herrscht angeblich ein ganz besonderes Licht, in dem Kunstwerke wie von selbst entstehen und wo daher die allerbesten Bedingungen für kreative Künstlerkommunen herrschen. So geschehen in Ungarn in den 20er Jahren. Dass die entsprechende Gruppe sich bald in ihre Bestandteile auflöste tat dem Ruhm keinen Abbruch, und auch jetzt noch hat das Städtchen einen ganz besonderen Ruf.

Gleichzeitig interessant ist der serbische Einfluss hier. Als die Türkenherrschaft ihr Ende fand und das serbische Gebiet befreit wurde gelangten Flüchtlinge nach Szentendre, siedelten dort und prägten das Stadtbild. Viele der Aufschriften sind auch in kyrillisch vorhanden, (auf Deutsch interessanterweise auch), es gibt eine serbisch-orthodoxe Kirche und ein Museum für die serbisch-orthodoxe Kirchenkultur. Was die Sonneneinstrahlung angeht, der Tag war tatsächlich sehr schön, ob dem auch so war in Budapest ist natürlich offen. Gereist bin ich mit meinem spanisch-baskischen Mitbewohner Xabi, der zwar schonmal da war, aber als Architekt zu der Künstlerkommune nicht nein sagen konnte. (Xabi hat auch die Angewohnheit, seine Kreativität in unserer Küche auszulassen, die inzwischen ein Netz aus Schnüren beherbergt, an denen etwa raumteilende Laken gespannt sind (parallel zum Fußboden) oder Lampen hängen. Wer mich besuchen wird, wird dann wissen, wovon ich spreche).

In Szentendre haben wir noch zwei Museen besucht, die Sammlungen von Margit Kovács und Béla Czóbel, beide sind sehr zu empfehlen, Kovács hat interessante, unterhaltsame Skulpturen geschaffen, ein wenig comichaft manchmal, immer in Bewegung. Czóbel fing relativ expressionistisch an und verschwimmt im Laufe seines Oeuvres mehr und mehr, war aber auch spannend zu sehen.

In dieser Woche werde ich noch meinen Stundenplan fürs nächste Semester finalisieren, ich hoffe es wird auch ein wenig Musikwissenschaft geben. Einen Proberaum fürs Klavierspielen finde ich höchstwahrscheinlich auch, nur weiß ich noch nicht, wieviel mich das kosten könnte. Aber ich freue mich definitiv darauf, wieder regelmäßig mit einem Tasteninstrument Kontakt zu haben, auch wenn ich täglich Gitarre spiele (üben kann man es mangels Anleitung nicht nennen) und das sehr genieße. Soviel erstmal, vieles ist im Moment stillständig oder in der Entwicklung. Bald passiert mehr.

Freitag, 1. Februar 2008

Reiseberichte - Abschluss

Die Serie wird beendet, auch wenn sie über eine Woche unterbrochen wurde. In einem Anfall von Geschäftigkeit habe ich mich in die Bibliothek verkrochen und für eine mündliche Prüfung gelernt, die gestern nun stattfand und die ich erfolgreich absolviert habe. Trotzdem möchte ich noch ein paar Worte über Zagreb verlieren.

Der erste Schock, direkt vor dem Bahnhof: Die Leute halten an Zebrastreifen. Wer sein Leben in Deutschland verbracht hat mag davon nicht so geschockt sein, aber dem sei gesagt: Weder in Italien, noch in Ungarn, noch in Polen, noch ... tun sie es. Und nun auf einmal in Kroatien, scheinbar liegt das wahre Erbe der k.u.k. Monarchie, was diese Höflichkeitsform angeht, im kroatischen Raum. Das lustige in Ungarn ist hingegen, dass dort wo kein Zebrastreifen, an Kreuzungen, die Autofahrer immer sehr nett und zuvorkommend sind, während sie sich wahrscheinlich am Zebrastreifen denken, dass ein Akt der Freundlichkeit, der aus Zwang geschieht, kein echter Akt der Freundlichkeit ist und deswegen direkt durchfahren, da es ja moralisch nichts zu gewinnen gibt. Oder so ähnlich.

Wie dem auch sei, wir tourten einige Hostels ab, die uns in Zagreb empfohlen worden waren. Dabei stellte sich recht bald heraus, dass Januar nicht als touristische Hauptsaison betrachtet wird und daher zwei von zwei Hostels, die wir uns nahe des Bahnhofs markiert hatten, geschlossen waren. Wir zogen also weiter zur allgemeinen Touristeninformation, die sich gleich am Hauptplatz befand. Dort der nächste Schock: Die Leute sprechen perfektes Englisch und wenn man sie nach einer Unterkunft fragt telefonieren sie sogar um zu überprüfen, ob es dort noch freie Betten gibt. Das mag wiederum dem verwöhnten Deutschen als ein Standard erscheinen, in Ungarn gibt es das auf jeden Fall nicht. Dementsprechend tauschten wir uns konspirativ über unsere neu gewonnene Liebe für die Kroaten aus.

Unser Hostel der Wahl hieß nun also "Carpe Diem" und befand sich ein wenig hügelaufwärts nach Norden. Das Personal war wiederum recht freundlich, das Hostel bestand aus drei Zimmern mit jeweils drei Ikeadoppelbetten. An den Wänden fanden sich Höhlenschriften von dagewesenen Backpackern, allerdings höchstens zwei Jahre alt. Dort mit Instruktionen für das Abendprogramm versehen wandten wir uns Zagreb zu.

Hier mache ich einen Sprung, da die Reise nicht mehr so frisch in meinem Kopf ist, und möchte nur generell sagen, dass Zagreb eine sehr faszinierende, lohnende Stadt ist. Das Leben findet viel auf der Straße statt, um sieben Uhr abends war der Hauptplatz voll von Leuten, und das im Januar - im Sommer passiert hier dann, mehr oder weniger, alles. Dass die Stadt am Hügel erbaut ist hat bestimmte Vorteile, von fast überall kann man den eindrucksvollen Dom erblicken. Inmitten der Altstadt findet man dann noch eine besondere Kirche, die direkt vor dem kroatischen Parlament steht, und wo die Wappen Kroatiens und Zagrebs in das Dach eingelassen sind. Direkt nebenan haben wir auch eine sehr gut gemachte Chagallausstellung gefunden, auch wenn ich langfristig ein wenig genervt von seiner Übermotivisierung war. Nebenan gab es noch das Museum für "naive Kunst", was ich nicht derartig empfehlen kann, es war irgendwie lustig, aber dann doch mehr naiv als künstlerisch.

Von der Altstadt aus kann man eine Seilbahn ins Tal herab nehmen, da sie gute 40 Meter über den neueren Bereichen steht. Von dem Punkt wo die Seilbahn oben abfährt hat man eine grandiose Aussicht über die Stadt, wo wir auch am zweiten Tag einen der beeindruckendsten Sonnenuntergänge erleben durften, den ich in meinem Leben gesehen habe. Ich hänge ein Bild an, um die Aussage zu untermauern. Zagreb, kurz gefasst, lohnt sich. Sicherlich für 3-4 Tage, wenn nicht länger. Die Menschen sind freundlich, es gibt ausreichend Hostels, es ist viel los und die Stadt ist schön.

Zuletzt noch eine Anekdote von der Rückfahrt: Bei der Passkontrolle gab es Probleme mit Kingas Reisepass. Dazu muss gesagt werden, dass es in Polen scheinbar möglich ist, mit dem gleichen Bild jahrelang weiterzureisen, und man kann es den Grenzkontrolleuren nicht verdenken, dass sie das fast 10 Jahre alte Bild nicht sofort mit der heutigen Person in Verbindung brachten. Was folgte war ein kleiner Test, ob sie auch wirklich polnische Staatsbürgerin sei. In Polnisch gab es diverse Anweisungen auf einem Zettel, so komplex wie: "Schreibe deinen Vor- und Nachnahmen" oder "male eine Leiter und ein Dreieck" oder zuletzt, wo eine Zahlenreihe stand "Umkreise die 12 und die 65". So macht Staatsbürgerschaft Spaß. Kinga bestand den Test, soweit ich weiß, und wir durften zuende reisen.


Mittwoch, 23. Januar 2008

Reisebericht - Pécs II und Zagreb I

Wir beginnen unseren letzten halben Tag in Pécs damit, ein Frühstück zu suchen. Dass man auch im Restaurant, zur Morgenzeit Essen einnehmen wollen könnte, das scheint hierzulande nicht gang und gäbe zu sein, daher irren wir einigermaßen durch die Gassen, finden aber einige neue hübsche Stellen, wo wir noch nicht waren. Zum Ende entscheiden wir uns für ein trendy eingerichtetes Lokal nahe der Stadtmitte, dem Szecheny-Platz, wo es Riesenpfannkuchen gibt, die uns auch in ihrer Ausführung nicht enttäuschen. Da wären: Nutellafüllung, Rumschokolade und Apfelzimtvanillesauce. Dementsprechend gestärkt wenden wir uns den Nachholungen vom Vortag zu. Wir hatten einige Objekte des Interesses links liegen gelassen in der Hoffnung, den ewigen Fluch zu brechen, der dann eintritt, wenn man sich sagt „hier komme ich bestimmt wieder hin, am besten morgen”, und wo dann letztlich doch nichts passiert. Dem gingen wir aus dem Weg und begannen unsere Tour im Zsolnay-Museum. Die Familie Zsolnay unterhielt ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine Porzellanfabrik in Pécs, in der durchaus eindrucksvolle Produkte entstanden. Da ist ein Ententeich der Weltausstellung in Wien, diverse Heiligenbilder, aber auch Gebrauchsgeschirr verschiedenster Provenienz, etwa Repliken von Bronzezeitfunden, asiatische oder ägyptische Serien. Das Museum ist angenehm aufgemacht und vergleichsweise sehr gut dokumentiert, daher kann ich es nur empfehlen. Wer mehr lesen will: http://www.zsolnay.hu/De/3index.htm. Danach sehen wir uns noch die Gallerie für moderne Kunst an, die sich hier auch findet – die aber relativ enttäuschend gehalten ist. Ein paar nette Werke von um 1930, aber en gros nichts neues oder bewegendes. Aber immerhin den Fluch besiegt. Noch ein wenig irren wir durch die Gassen, bis wir uns dann auf den Rückweg nach Budapest machen, aus unten genannten Gründen. Wir steigen noch in einer Pizzeria unterwegs ab und beobachten Halbstarke. Irgendwie haben wir auf dieser Reise eine Tendenz häufig in Lokalen zu landen, für die wir eigentlich schon fast zu alt sind, so auch hier. Die Kellnerin lacht fast als wir kurz nach Mittag schon Bier verlangen, nebenan balzen die vierzehnjährigen Angeber. Einer lässt es aus, sein Schnitzel überhaupt zu probieren und hat nur Augen für seine Gegenüber. Was er nicht auslässt ist ein Gang, wohl in Richtung Toilette, wobei er dann bodywirksam durch das Lokal zurückstolziert, mit gespanntem und schwankenden Oberkörper, was für ein Mann!

Über Budapest und die Reise dahin gibt es wenig zu berichten, außer dass die Nacht kurz wurde – um 6 ging es schon wieder weiter Richtung Zagreb. Am nächsten Morgen sind zum Glück alle vorhanden am Keleti, für mich ein fünfminütiger Laufweg, und reisefertig, mit Pässen und Sandwiches. In Südungarn begegnet uns unterwegs wieder Schnee, wovon man in Budapest natürlich nichts merkt, vielleicht auf den wenigst sonnenbeschienenen dunklen Orten, aber sonst wirklich nicht, und bald sind wir an der Grenze zu Kroatien. Dort werden wir erst einmal auf ein Abstellgleis verfrachtet und ausgiebig kontrolliert. Hier beginnt das kroatische Wunder. Wir sind inzwischen ein wenig an die ungarische Mentalität gewöhnt, sehr korrekt, etwas langsam, nicht unbedingt in allen Bereichen kooperativ sondern mehr lethargisch beharrend bis man aus dem Weg weist. Der kroatische Grenzbeamte hat gute Laune und ist lustig. Und spricht Englisch. Sammelt die Pässe ein, spricht unsere Namen aus, mit großer Faszination. Keine weiteren Komplikationen, wir verlassen unser Gleis und kommen irgendwann, etwa eine Stunde verspätet in Zagreb an. Dort beginnt die Suche nach einem Hostel ...

Dienstag, 22. Januar 2008

ReiseBerichte - Pécs I

Seit Sonntag Abend bin ich wieder in Budapest. Heute habe ich beim Training meine ersten Schläge abbekommen, nachdem wohl der Anfängerbonus nicht mehr zählte, fühle mich aber gleich viel involvierter. Darüber wie es mir beim Ninjutsu ergeht werde ich wohl ein andernmal schreiben, aber es ist für mich sehr bereichernd wieder etwas kampfkunstartiges zu praktizieren, nachdem ich in den letzten Monaten meist dem Hasensport nachgegangen bin. Am Sonntag bin ich also zurückgekehrt aus Pécs und Zagreb. Die Tour begann am Mittwoch und wurde am Freitag ungeplant unterbrochen, wir fuhren nach Budapest zurück, verbrachten eine Nacht dort und kamen dann am Freitag Mittag endlich in Zagreb an. Zu den Gründen später.

Die Reise habe ich mit Georg und Kinga unternommen, mit dem Urpaar unserer Erasmus Sprachkursgruppe, die sich schon in der zweiten Woche gefunden haben. Sie haben mit der Tragik zu tun, dass Kinga demnächst wieder nach Warschau zurückgeht während Georg noch mindestens bis Mai hier in Budapest bleibt. Für sie war es also eine Art Abschiedsreise, für mich eine Beschäftigung, da ich hier in Budapest erst einmal wenig zu tun hatte. Montags gehe ich zwar immer noch zur CEU, aber danach ist erstmal Freiraum angesagt. Den nutze ich so gut es geht für Sport, Sprachlernen und die Gegend anschauen, aber die Einladung zur Rundfahrt kam mir doch durchaus gelegen. Nachdem Szeged ein wenig unaufregend war, war ich gegenüber den südungarischen Städten schon ein wenig skeptisch. Pécs konnte meine Vorurteile aber relativ überzeugend zerstreuen.

In Pécs angekommen, was von Budapest aus nominell drei Stunden dauert (nominell, da in diesem Land Verspätungen noch deutlich regelmäßiger vorkommen als bei unserer DB und weil es auch eigentlich keine Informationen darüber gibt, wie pünktlich man unterwegs ist oder eben nicht), mussten wir nicht lange nach dem Hotel suchen: Direkt neben den Bahngleisen fand sich ein unförmiger Block, wohl aus sozialistischen Zeiten, das billigste Hotel der Stadt mit etwa 3000 Forint pro Kopf (inklusive Kurtaxe, oder wie sie das hier bezeichnen). Trotz des anfänglichen Schocks arrangierten wir uns schnell, da wir ja insgesamt auch nur zwei Nächte hier bleiben wollten. Wir mieteten uns also im billigstmöglichen Zimmer ein, Blick auf die Bahngleise, nur mit Waschbecken, im siebten Stock und mit betagter Garnitur. Sicher, wir hätten uns auch ein Appartement mit fließendem Wasserklo und Blick auf den Hügel leisten können, aber dann wäre uns natürlich ein wichtiger Teil der Erfahrung entgangen. Am Bahnhofskiosk bestelle ich noch souverän eine Landkarte der Stadt (samt richtiger Verwendung des ungarischen Possessiv, es ist schwer zu sagen, ob ich wirklich eine Karte wollte oder meine Sprachkenntnisse ausprobieren). Es ist etwa Mittag, wir sind morgens um 7.30 aufgebrochen. Gleichzeitig leben wir mit einer Unsicherheit: Kinga, polnische Staatsbürgerin, hat nur ihren Personalausweis mit (eine Chipkarte, in Polen), während wir Deutschen zuversichtlich mit der Zusicherung des auswärtigen Amtes reisen, dass wir mit Perso nach Kroatien reinkommen. A long story short, es stellt sich heraus, dass Kinga für ihren Reisepass noch einmal nach Budapest muss. Da wir aber am Ende des zweiten Tages schon mit Szeged abgeschlossen haben entschließen wir uns, als Vorgriff quasi eingeschoben, dazu gemeinsam nach Budapest zurückzureisen. Wie es so oft mit Studenten geht tauschen wir unsere Zeit gegen einen höheren Geldaufwand, denn natürlich ist ein Bahnticket günstiger, als noch eine Nacht in Pécs zu verbringen, und so angetan waren wir auch nicht. Falls jemanden die Details interessieren: Für Studenten kostet eine Bahnfahrt von 3 Stunden mit etwa IC-Komfort umgerechnet 6 Euro 50, mit Reservierung 8. Eine Übernachtung in unserem Rundumwohlfühlhotel hingegen 12.

Aber zurück zum Stadtrundgang: Pécs hat als Hauptattraktion eine Kathedrale, wo wir uns auch über kurz und lang hinbegeben. Unterwegs genießen wir das entspannte Stadtbild, die Konfrontation von Alt und Neu, die für die Stadt typisch sein soll, und den Reiz, den eine Stadt ausstrahlt, wenn sie am Hügel gebaut ist, mit langen Blicken über das Panorama, steilen Gässchen und nur niedrig aufragenden Häusern. Neben Budapest werden viele Sprachkurse auch für Pécs angeboten, wir kontemplieren also, was wohl anders gelaufen wäre, wären wir in diesem hübschen, beschaulichen Städtchen gelandet. Sicher entspannter, sicher weniger exzessiv, sicher ein Schock dann nach Budapest zu reisen. Nunja.

Wir sehen uns also die Kathedrale an, Georg handelt noch einen Weingutschein für die bischofsstifteigene Winzerei aus, wo wir in einem mit riesigen Fässern gefüllten Keller einen Weißwein kredenzt bekommen. Skandalöserweise hatte der Zuständige für die Eintrittstickets in der Kathedrale uns diese nicht sofort übergeben, aber da es im Reiseführer stand, und ein Reiseführer ist eine Autorität, erhalten wir unser Recht. Der Kathedralenzuständige, übrigens, spricht ein sehr gutes Deutsch, hat irgendwann in einer Deutschen Institution gearbeitet und leitet uns freundlich durch die Kathedrale. Er empfiehlt uns auch ein Restaurant, wo wir nachher den Tag beschließen wollen, auf dem Tettye-Berg, einer der Berge die nördlich von Pécs aufsteigen. Über kurz und lang machen wir uns also auf den Weg dahin und genießen das – etwas vom Blick überteuerte – Abendessen. Immerhin erhalte ich das Hirschragout von dem ich schon den ganzen Tag geträumt habe, „Bambi's father”, wie es in Pidgin-Erasmus-Englisch heisst, venison, wenn man endlich das richtige Wort aus der rosettasteinigen Speisekarte erlesen hat. Auf dem Rückweg scheitern wir daran, das für Pécs typische Bier zu finden, das es angeblich nur in einem einzigen Restaurant gibt, wovon der Kellner nichts weiß, und wo Wikipedia offensichtlich gelogen hat. Wir scheitern allerdings nicht am Bier trinken und Palinka probieren.

Über den Folgetag schreibe ich morgen etwas. Er beginnt aber sehr hoffnungsvoll mit Palacsintafrühstück und Kaffee.


Dienstag, 15. Januar 2008

Wanderlust

Ich fahre morgen nach Pécs, im Anschluss kurz nach Zagreb und Sonntag wahrscheinlich zurück. Das wird ein Fest. Heute war ich zum ersten Mal beim Ninjutsutraining - einige Bereiche sehen aus wie Wing-Tsun, andere sind sehr andere. Als Hausaufgabe muss ich jetzt Rollen und Fallen üben. Wenn ich wieder da bin schreibe ich einen ausführlichen Bericht, versprochen.

Sonntag, 13. Januar 2008

Aufwandsaufnahme

Und wieder ist es Sonntag, und ich sitze in Budapest. Das ist nicht weiter kritisch, denn langsam lebe ich mich hier wieder ein. Ungarisch zu sprechen fällt mir erstaunlich leicht, auch wenn der Zahn der Abwesenheit ein wenig an meiner Vokabelflexibilität genagt hat, aber immerhin verstehe ich inzwischen das meistes was mir die bunten Werbetafeln in der Metro entgegenwerfen, zumindestens dafür reicht es also schon. Um an den vorherigen Eintrag anzuschließen, ich werde keinen Intensivkurs belegen, da er a) zu teuer und b) zu langsam für meine Zwecke ist. Da ich bis zum Start des regulären Semesters noch etwa einen Monat Zeit habe ist hier also Selbststudium angesagt.

Gestern war ich schon wieder in der Bibliothek der Akademie und habe mich auf meinen ersten Unitag (morgen!) vorbereitet. Berkeley gefällt mir beim Wiederlesen sehr gut und ist deutlich strukturierter als Herr Locke, aber das wird sicherlich kaum jemanden überraschen. In der Zwischenzeit sind auch andere unserer kleinen Erasmusgemeinschaft zurückgekommen, so dass ich Freitag Abend zum Abendessen geladen war, bei Kati und Ferran, was sich auf der fernen Budaseite befindet. Auf seiner Heimreise ins katalonische Land hat Ferran ein gesamtes Schweinebein tranchieren lassen, so dass sich wunderhübsch dunkelrot glänzende Scheiben Schinken ergeben haben. Das war ungemein lecker, aber jetzt habe ich den starken Bedarf nach einigen vegetarischen Wochen. Oder Monaten.

Seit ich wieder hier bin habe ich noch zwei weitere Teehäuser ausprobiert. Interessanterweise befinden sich alle in der Jokai utca, die direkt hinter dem Oktogon liegt (wer Budapest kennt weiß wovon ich spreche). Nach dem Eislaufen am Donnerstag war ich im roten Löwen, was relativ unatmosphärisch ist, aber sehr esoterisch und guten Tee servierend, vorgestern in einem anderen, dessen Namen ich vergessen habe, das ebenfalls einen vorgelagerten Esoterikladen besitzt und das wohl scheinbar auf Wasserpfeifen spezialisiert ist. Nach weiteren Testdurchläufen werde ich gerne ein Rating abgeben, aber bisher kann ich auf jeden Fall sagen dass mich kein Teehaus in Deutschland sonderlich beeindruckt hat, habe ich aber auch nicht wirklich nach gesucht. Heute spielte ich mit dem Gedanken noch das House of Terror aufzusuchen, irgendwann einmal war es Sonntags frei, aber ich habe schon mit Schrecken erfahren dass sich diese komfortable Regelung nun geändert hat, zumindestens in anderen Museen. Mal schaun.

Mittwoch, 9. Januar 2008

Neue Wege stehen

Trotz meiner langen Abwesenheit von diesem Medium wird es kein größeres Update geben. Dieser Blog war als Protokoll meiner Tätigkeiten in Ungarn gedacht und wird es auch bleiben. Daher finden die Weihnachts / Silvester / Jahresanfangs – streifzüge hier keinen angemessenen Ort. Wer will kann dies zum Anlass nehmen, mich auf anderen Medien und Wegen zu kontaktieren. Zum Beispiel nehme ich gerne Telefongespräche via Skype entgegen, mein Benutzername lautet „aesop-” und ich bin häufig abends online. Sogar mein Vater hat inzwischen ein installiertes Mikrophon, insofern sollte es für den Rest der Welt auch kein Hindernis darstellen. Aber, um kurz meine Befindlichkeit darzustellen: Ich bin sehr zufrieden mit den drei Wochen, die hinter mir liegen. Zunächst verbrachte ich einige Zeit in Hamburg, mit produktiver Vorbereitung auf das Weihnachtsfest, dieses gefeiert habend, samt anschließender Geburtstagsfeier meiner Edinburgher Cousine, lag die Silvesterfeier bei Steffi in Mannheim an. Danach dann das Januarseminar der CJD Studentenschaft auf Burg Liebenzell und schließlich heute die Rückreise nach Budapest. In gewisser Weise bin ich nun drei Wochen entfernt von ungarischer Sprache und Kultur, entrückt aus der Welt, in die ich eintauchen wollte. Doch wie es mit vielen guten Vorsätzen ist, sie relativieren sich irgendwann. Jetzt freue ich mich, dass ich soviele liebe Menschen in Deutschland habe, die ich gerne sehe, die mich gerne bei sich aufnehmen, und deren einziger Makel ist, dass ich sie nicht jede Woche sehen kann, da sie über die Republik verstreut leben. Auf diese erfreuliche Situation mit Selbstisolierung zu reagieren wäre doch irgendwie Selbstmord, daher akzeptiere ich freudig, dass ich weiterhin hin und wieder nach Deutschland pendeln werde.


Mein Gepäck hat sich allerdings rapide vermehrt auf dieser Reise. Nützliches und Notwendiges sind hinzugekommen, Gewünschtes und Ersehntes. Für baldige Berg- und Taltouren habe ich mir endlich Schlafsack und Isomatte eingepackt, aus der Einkleidungsfreude von Schwesterlein Anna und meiner Oma sind noch einige Kleidungsstücke entwachsen. Einige Bücher, ein Quintenzirkel für Gitarre. Eine Gitarre. Ein Paar Schlittschuhe, die ich in einer Karlsruher Nacht- und Nebelaktion noch erworben habe, fünf Minuten über Ladenschluss, gleich im Anschluss in der Karlsruher Innenstadt ausprobiert und für gut befunden. Sobald ich mein Heim erreiche wird ein dreifaches „Amen” fällig werden, da ich dann tatsächlich diesen Berg von Sachen heimgeschafft habe. Was noch fehlt ist eine lustige schottische Mütze, die ich demnächst ordern werde und die dann mein sich leerendes Haupt verziert.


Was habe ich in diesem neuen Jahr vor? Als erstes, viel meine Schlittschuhe nutzen, solange die Eisbahn bei mir um die Ecke noch Spuren von Betrieb zeigt. Wenn alles gut geht wird meine Mitläuferin und Mitkonzertgängerin Dagmara auch entsprechend ausgestattet sein und wir können uns einen schönen Spätwinter machen. Mein nächster Vorsatz, vom Unwichtigen zum Wichtigeren fortschreitend, ist die Aufnahme einer weiteren fernöstlichen Kampfkunst, diesmal Ninjutsu. Auf einer Party vor einiger Zeit hatte ich mich sehr angenehm mit einem anderen Kampfkünstler unterhalten und viele Gemeinsamkeiten festgestellt, die ich nun ausloten werde. Angeblich geht es mit sehr basalem Training los, Fallübungen und derartiges, aber ich habe ja bereits die Erfahrung gemacht, dass sehr grundlegende Bausteine sich letztendlich zu einem hocheffizienten System zusammensetzen lassen, im Fall von Wing-Tsun. Sobald ich zuhause eintreffe werde ich Erkundigungen einziehen, ob es möglich ist, an einem Intensivsprachkurs teilzunehmen, der bereits seit Semesterbeginn läuft. Lehrer ist unter anderem Levente, mit dem ich schon im Intensivkurs die Ehre hatte, der sehr lebendig und konversativ den Unterricht gestaltet. So das möglich ist werde ich also bis zum Semesterbeginn der ELTE, das ist Mitte Februar, noch eine Runde Intensivungarisch lernen. Für das gesamte zweite Semester Ungarisch ist der Imperativ vorgesehen, den ich aber auch gerne vorweg lerne, und was mich ein wenig frappiert, ich meine, nur die Imperativformen, ein gesamtes Semester? Punkt vier ist natürlich weiter erfolgreich an der CEU zu studieren, wo es jetzt, wie vorher, mit Alcinous weitergeht, und von Locke zu Berkeley fortschreitet. Fünftens steht natürlich die Überlegung zu meiner Magisterarbeit an, auf die ich mich hier ja vorbereiten will. Das Seminar zur Neuzeit hat mir da einige neue Ideen gegeben, und ich will ausloten, was sich damit anfangen lässt. Dies liest sich vielleicht wie eine Vorsatzliste zum neuen Jahr, und so ist sie vielleicht auch gemeint, hier in der Öffentlichkeit abgelegt um den Fortschritt zu dokumentieren.