Die größte Neuigkeit zuerst: Sowohl Kat als auch ich sind wohlbehalten aus Norwegen wiedergekehrt und ich befinde mich inzwischen wieder in Budapest. Auf der Reise blieb ich verschont von größere Anfechtungen der Gesundheit betrifft (alle Knochen sind heil), aber auch von kleineren Details (kaum erkältet). Das macht das Gesamte schon einmal erfolgreich.
Die Tour dauerte vom 9. bis zum 23. Mai und begann in Oslo. Von dort wollten wir etwa eine Woche einen Wanderweg durch die Wildnis beschreiten, was aber an den Schneeverhältnissen scheiterte. Stattdessen verlotterten wir am Rande der Städte von Südnorwegen - Kristiansand, Stavanger, Bergen und am Schluss noch ein Tag Oslo. Die erste Woche waren wir mehr oder weniger in der Wildnis unterwegs, die zweite Woche erholten wir uns und gaben uns den städtischen Versuchungen hin.
Vor allen anderen Dingen - ich weiß nicht, ob ich einen kompletten Bericht dieser Reise anfertigen mag - unterschied sich Norwegen vom Gefühl her. Das macht sich an zwei Dingen fest: An Leuten und Rechten.
Die Norweger sind freundlich. Diese Ansicht mag sich in der Welt herumgesprochen haben, das sagt aber noch nichts darüber aus, wie freundlich sie in Wirklichkeit sind. Wenn man sie nach dem Weg fragt sind sie nicht beleidigt oder überlegen, ob es überhaupt in ihren Zuständigkeitsbereich gehört, dir jetzt diese Auskunft zu erteilen. Meistens kennen sie sich gut aus und helfen gerne, ansonsten verweisen sie an Mitmenschen die eher helfen können.
Zum Beispiel unser erster Wandertag. Da es Wochenende war konnten wir nicht die gesamte Strecke zu unserem Startpunkt per Bus zurücklegen. Wir fuhren also den halben Weg per Bahn und wollten zur Not die Strecke laufen. So stehen wir also am Bahnhof und schauen uns nach der richtigen Richtung um. Auftritt ein junger Mann, groß und blond, der uns fragt wohin wir denn wollten. - Amli, bzw. Dölemo, sagen wir. - Ah, da können wir euch mitnehmen, heute fährt ja kein Bus. Schon eingestiegen, die ersten 20 Kilometer hinter uns gebracht.
Dann am zweiten Tag. Wir sind ungeplant in ein Tal abgestiegen, wo kein Bus und kein gar nichts fährt. Wir fragen in einem Handarbeitsladen (wer weiß warum es genau solch einen Laden hier gibt) nach dem Weg in die nächste Stadt und nach einer Badestelle am wunderschönen See, wo wir uns gerade befinden. Eine ältere Dame, die nicht sonderlich viel Englisch spricht, sich aber verständlich machen kann mit dem Wort Norwegisch von Zeit zu Zeit. Sie wird uns zu einem Waldstück mit privatem Strand bringen. Vorher zeigt sie auf ein Haus und sagt, dort würden Deutsche wohnen, vielleicht wüssten sie jemanden, der in die Stadt fährt. Wir fragen also, ein wenig skeptisch. Der pater familias sieht sich verantwortlich: - Dann muss ich sie wohl nach Dölemo bringen. Später bringt er uns an einen Kreuzweg zwischen Arendal und Kristiansand, kurze Zeit später sammelt ein Pastor uns auf, der uns nach Kristiansand fährt, über das europäische Bildungsideal und Erinnerungskultur erzählt, uns noch die Stadt zeigt und einen hervorragenden Campingplatz weist.
In Kürze: Norweger fühlen sich verantwortlich. Und: Diese Haltung färbt ab. Je einsamer das Tal war, in dem wir jeweils nach einer Mitfahrgelegenheit suchten, desto freundlicher und hilfsbereiter die Menschen. Das bezieht sich nicht nur auf das Anhalterspiel, sondern auf jegliches Nach-dem-Weg-Fragen und sonstige alltägliche Interaktion. Am letzten Tag etwa. Wir haben mitten in Oslo einen Campingplatz gefunden, am Rande des Vigelandparks, den man, sollte man in Oslo weilen, unbedingt gesehen haben muss. Das Zelt steht noch, wir köcheln Tee und warmes Müsli zum Frühstück. Ein Herr wandert vorbei und kommentiert. Meine deutschen Nerven erwarten eine bestimmte Form von Kommentar. Vielleicht Paranoia. Ich erwarte einen dummen Spruch. Wenn Fremde in Deutschland mit dir Kontakt aufnehmen, und du gerade mit nicht-standardisiertem Benehmen beschäftigt bist, dann gibt es einen dummen Kommentar. Es kann gar nicht anders sein. So nicht der Norwegische Herr. Als wir Nichtverständnis signalisieren übersetzt er - Are you having breakfast? bon appetit!.
In dieser Gesellschaft haben wir nicht nur von Norwegern Gutes erfahren. Gleichzeitig konnte man den "attitude-transfer" gegenüber Deutschen, Polen, Niederländern und Ungarn beobachten. Nicht dass sie von sich aus misantrophisch gestimmt wären. Aber hier in diesem Klima werden alle ermuntert, auch mal ihrer freundlichen Seite Auslauf zu gewähren.
Wie kommt dieses Klima zustande? Ich möchte nur wieder ein Beispiel nennen, das mir so ungemein typisch erscheint. Wir kommen an ein norwegisches Wandergebiet. Dort steht eine Tafel, die grob die Routen der Region erläutert, gemeinsam mit einigen Vorschriften, wie man sich in der Wildnis zu verhalten hat. Unten auf der Seite befindet sich so ein Infokasten. Doch der Inhalt ist spektakulär. In diesem Kasten stehen keine Verbote, sondern meine Rechte. Hier steht, dass ich über das Gebiet gehen darf, dass ich Skifahren darf, dass ich Pilze und Blumen sammeln darf, dass ich zu einem gewissen Grade fischen darf, dass ich mein Zelt aufbauen darf. Dort stehen Rechte, die ich in dieser Wildnis in Anspruch nehmen kann. Wieder ist es vielleicht die Deutsche Seele, die dazu kommentiert "Das kann doch nicht sein". Aber doch, hier bekommt man noch gesagt, was man explizit darf, in welcher Form man die Natur erleben darf. Und das ist ein Signal, das ich sonst selten sehe und mir, wie gesagt, in deutschem Naturschutzwahn kaum vorstellen kann.
So fühlt sich also Norwegen an. Als Auszug. Als Einstieg.
Die Tour dauerte vom 9. bis zum 23. Mai und begann in Oslo. Von dort wollten wir etwa eine Woche einen Wanderweg durch die Wildnis beschreiten, was aber an den Schneeverhältnissen scheiterte. Stattdessen verlotterten wir am Rande der Städte von Südnorwegen - Kristiansand, Stavanger, Bergen und am Schluss noch ein Tag Oslo. Die erste Woche waren wir mehr oder weniger in der Wildnis unterwegs, die zweite Woche erholten wir uns und gaben uns den städtischen Versuchungen hin.
Vor allen anderen Dingen - ich weiß nicht, ob ich einen kompletten Bericht dieser Reise anfertigen mag - unterschied sich Norwegen vom Gefühl her. Das macht sich an zwei Dingen fest: An Leuten und Rechten.
Die Norweger sind freundlich. Diese Ansicht mag sich in der Welt herumgesprochen haben, das sagt aber noch nichts darüber aus, wie freundlich sie in Wirklichkeit sind. Wenn man sie nach dem Weg fragt sind sie nicht beleidigt oder überlegen, ob es überhaupt in ihren Zuständigkeitsbereich gehört, dir jetzt diese Auskunft zu erteilen. Meistens kennen sie sich gut aus und helfen gerne, ansonsten verweisen sie an Mitmenschen die eher helfen können.
Zum Beispiel unser erster Wandertag. Da es Wochenende war konnten wir nicht die gesamte Strecke zu unserem Startpunkt per Bus zurücklegen. Wir fuhren also den halben Weg per Bahn und wollten zur Not die Strecke laufen. So stehen wir also am Bahnhof und schauen uns nach der richtigen Richtung um. Auftritt ein junger Mann, groß und blond, der uns fragt wohin wir denn wollten. - Amli, bzw. Dölemo, sagen wir. - Ah, da können wir euch mitnehmen, heute fährt ja kein Bus. Schon eingestiegen, die ersten 20 Kilometer hinter uns gebracht.
Dann am zweiten Tag. Wir sind ungeplant in ein Tal abgestiegen, wo kein Bus und kein gar nichts fährt. Wir fragen in einem Handarbeitsladen (wer weiß warum es genau solch einen Laden hier gibt) nach dem Weg in die nächste Stadt und nach einer Badestelle am wunderschönen See, wo wir uns gerade befinden. Eine ältere Dame, die nicht sonderlich viel Englisch spricht, sich aber verständlich machen kann mit dem Wort Norwegisch von Zeit zu Zeit. Sie wird uns zu einem Waldstück mit privatem Strand bringen. Vorher zeigt sie auf ein Haus und sagt, dort würden Deutsche wohnen, vielleicht wüssten sie jemanden, der in die Stadt fährt. Wir fragen also, ein wenig skeptisch. Der pater familias sieht sich verantwortlich: - Dann muss ich sie wohl nach Dölemo bringen. Später bringt er uns an einen Kreuzweg zwischen Arendal und Kristiansand, kurze Zeit später sammelt ein Pastor uns auf, der uns nach Kristiansand fährt, über das europäische Bildungsideal und Erinnerungskultur erzählt, uns noch die Stadt zeigt und einen hervorragenden Campingplatz weist.
In Kürze: Norweger fühlen sich verantwortlich. Und: Diese Haltung färbt ab. Je einsamer das Tal war, in dem wir jeweils nach einer Mitfahrgelegenheit suchten, desto freundlicher und hilfsbereiter die Menschen. Das bezieht sich nicht nur auf das Anhalterspiel, sondern auf jegliches Nach-dem-Weg-Fragen und sonstige alltägliche Interaktion. Am letzten Tag etwa. Wir haben mitten in Oslo einen Campingplatz gefunden, am Rande des Vigelandparks, den man, sollte man in Oslo weilen, unbedingt gesehen haben muss. Das Zelt steht noch, wir köcheln Tee und warmes Müsli zum Frühstück. Ein Herr wandert vorbei und kommentiert. Meine deutschen Nerven erwarten eine bestimmte Form von Kommentar. Vielleicht Paranoia. Ich erwarte einen dummen Spruch. Wenn Fremde in Deutschland mit dir Kontakt aufnehmen, und du gerade mit nicht-standardisiertem Benehmen beschäftigt bist, dann gibt es einen dummen Kommentar. Es kann gar nicht anders sein. So nicht der Norwegische Herr. Als wir Nichtverständnis signalisieren übersetzt er - Are you having breakfast? bon appetit!.
In dieser Gesellschaft haben wir nicht nur von Norwegern Gutes erfahren. Gleichzeitig konnte man den "attitude-transfer" gegenüber Deutschen, Polen, Niederländern und Ungarn beobachten. Nicht dass sie von sich aus misantrophisch gestimmt wären. Aber hier in diesem Klima werden alle ermuntert, auch mal ihrer freundlichen Seite Auslauf zu gewähren.
Wie kommt dieses Klima zustande? Ich möchte nur wieder ein Beispiel nennen, das mir so ungemein typisch erscheint. Wir kommen an ein norwegisches Wandergebiet. Dort steht eine Tafel, die grob die Routen der Region erläutert, gemeinsam mit einigen Vorschriften, wie man sich in der Wildnis zu verhalten hat. Unten auf der Seite befindet sich so ein Infokasten. Doch der Inhalt ist spektakulär. In diesem Kasten stehen keine Verbote, sondern meine Rechte. Hier steht, dass ich über das Gebiet gehen darf, dass ich Skifahren darf, dass ich Pilze und Blumen sammeln darf, dass ich zu einem gewissen Grade fischen darf, dass ich mein Zelt aufbauen darf. Dort stehen Rechte, die ich in dieser Wildnis in Anspruch nehmen kann. Wieder ist es vielleicht die Deutsche Seele, die dazu kommentiert "Das kann doch nicht sein". Aber doch, hier bekommt man noch gesagt, was man explizit darf, in welcher Form man die Natur erleben darf. Und das ist ein Signal, das ich sonst selten sehe und mir, wie gesagt, in deutschem Naturschutzwahn kaum vorstellen kann.
So fühlt sich also Norwegen an. Als Auszug. Als Einstieg.