Nächste Station, Nürnberg Hauptbahnhof. Wie schon erwähnt bin ich im Strom der deutschen Touristen nach Nordbayern geflossen und dort immerhin sicher gelandet. Dabei fiel mir auf, dass noch vor einiger Zeit bei den Landungen der Piloten geklatscht wurde. So erlebte ich es auf meiner Reise nach Tunesien (1998), Rom (1997) und so weiter. Inzwischen ist dies nicht mehr der Fall, zumindestens nicht auf den Nahverkehrsflügen auf denen ich mich herumtreibe, aber auch nicht wenn die Malev uns pflichtgemäß in Albanien abgeliefert hat. Es gibt dafür genau zwei mögliche Gründe: Der erste ist die Gewöhnung an die Exotik des Fliegens. So alltäglich wie früher das Bahnticket der dritten Klasse war, ebenso üblich ist heute das Fliegen, für einen Appel und ein Ei landet man wo einen die supergünstigen Supersonderangebote eben hinschicken. Etwa in Budapest. Der zweite Grund wäre der subversive Einfluss diverser Kabarettisten, wobei mir nur Volker Pispers, da ich eine natürlich von mir besessene CD aus dem Internet wieder-bezogen habe, konkret geläufig ist. Die Schmach für den bezahlten Job auch noch beklatscht zu werden saß zu tief für die Piloten, und erst recht die Schande für die Reisegäste, als wäre ein Kunststück vollführt worden, ein Spiel mit ihrem Leben, das sie nun mit Applaus bedenken. Ein nüchternes Dienstleistungsverhältnis ist also angebracht, und so hat es sich nun auch entwickelt.
Damit wäre ich jetzt also in Nürnberg. Wie an meiner gewissen Skepsis den Landsleuten gegenüber abzulesen ist bin ich schon relativ hungarofiziert. In der U-Bahn kam mir der Gedanke, dass ich mich in Budapest fast sicherer fühle als in der Nürnberger U-Bahn oder in den Berliner Straßen. In Budapest ist es halbwegs vernünftig geregelt, so scheint es, wo gefährliche Bezirke sind, wo man sich Nachts aufhalten sollte und wo nicht. Wenn ich abends nach Hause gehe, was ja oft geschieht, habe ich kaum das Gefühl von Bedrohung und Enge. In Berlin eher schon, vielleicht weil ich die Stadt nicht so kennengelernt habe wie ich jetzt nach und nach Budapest erkunde, als Fremder und Beobachter, der nicht schon einige Weisen des Umgangs voraussetzt und sich deswegen nicht so einfach an neue Formen anpassen kann. Als zweiten Grund kann ich diese seltsame Eigenschaft der Ungarn nennen, die man als eine Art Passivität beschreiben kann, was ihnen aber nicht gerecht wird. Es ist ein Anteil Schüchternheit darin, ein Anteil Zurückhaltung, ein großer Anteil Höflichkeit. Woran dies liegt, ob alterzogene kuk-Freundlichkeit, Nachwirkung des kommunistischen Tiefschlafs (diese Formulierung „The happiest barrack” hat sich in meinen Kopf eingebrannt, barack heißt übrigens Pfirsich, on a totally unrelated matter) kann ich nicht genau definieren. Ich hoffe ich komme diesem Sachverhalt im Laufe meines Aufenthalts näher, er scheint eine Art Schlüssel zu sein.
Der Nürnberger Hauptbahnhof hat übrigens einen Burger King, einen McDonalds, ein 24 / 7 Internetcafé das entweder reich oder dumm ist, oder ein undefinierter Schwebezustand, wenn die Leute zu reich oder zu dumm sind, oder alles gleichzeitig. Sobald die Energie auf diesem tragbaren Gerät zur Neige geht werde ich dort schnorren gehen, erwarte aber im fürstlichen Staat keine besondere Kooperationsbereitschaft.
Am Mittwoch haben wir einen Film gesehen. Das ganze ist Teil einer Lehrveranstaltung der technischen Unversität und mein Mitbewohner Xabi (er) und sein spanischer Freund Ferran nehmen teil. Während Magda und ich uns also auf den ästhetischen Genuss beschränken konnten (nachdem ich vorher ziemlich unästhetische Philosophie konsumiert hatte) mussten sie zur Nachdiskussion bleiben. Der Film war das vielleicht erste filmische Kunstwerk, das in Ungarn nach dem zweiten Weltkrieg geschaffen wurde. Der Titel: Irgendwo in Europa (Valahol Europaban). Als Darsteller werden eingangs drei Schauspieler verzeichnet und lakonisch wird hinzugesetzt: Und 23 Kinder. Diese spielen auch tatsächlich die Hauptrolle. Es geht um herumstreunende heimatlose Kinder, die sich zu einer Art Gang zusammenfinden. Ein junger Idealist, Péter, übernimmt die Leitung und führt die Kinder an bis sie schließlich einen Turm finden in dem sich ein alternder Dirigent vor dem europäischen Inferno geflüchtet hat. Nach anfänglichen Schwierigkeiten nimmt der Alte die Sippschaft bei sich auf, renoviert mit ihnen gemeinsam den Turm und bringt ihnen Nahrung aus dem Dorf. Er versäumt nicht, den Kindern eine gewisse musikalische Grundbildung angedeihen zu lassen, so dass sie alle fröhlich die Marseillaise pfeifen, als Ausdruck der erstrebten Freiheit und der perspektivreichen Zukunft. Das Ende ist relativ klischeehaft, einer der Jungs, derjenige mit der Mundharmonika, wird tödlich verwundet, alles geht mit ihm ins Dorf, stellt sich den Behörden, die vorher Jagd auf die Gang gemacht haben, in einem mitreißenden Plädoyer bewirkt der gutherzige Alte, dass die Kinder geschont werden, bei ihm wohnen bleiben können und auf sie eine bessere Zukunft zukommt. Auch wenn ich die Story etwas distanziert beschrieben haben möchte, der Film hat viele interessante Seiten. Man merkt in jedem Moment, dass die Vorstellung, was ein filmisches Kunstwerk sein sollte, damals noch eine andere war. Die Bilder sind jeweils originell, es geht nicht darum, eine Geschichte pseudorealistisch wiederzugeben, wie es heutzutage meist der Fall ist. In heutigen Filmen wird versucht, möglichst spektakulär das scheinbar reale zu zeigen. Im Film von 1947 wird das Bild als künstlerisches Medium betrachtet, indem jede Einstellung sorgsam durchdacht ist und statt der Totale das aufschlussreiche Detail zeigt. Dazu kam die wunderbare Filmmusik, die natürlich extra für diesen Film komponiert wurde und daher das Geschehen wunderbar untermalt. Für mich die deutlich gelungenere Variante, wenn Film denn mehr als das Erzählen einer im Kern einfachen Geschichte mit möglichst eindrucksvollen Bildern sein kann und will.
Apropos eindrucksvolle Bilder: Am sehr nützlichen Nürnberger Hauptbahnhof habe ich es tatsächlich geschafft, meine Bilder zu ordnen! Hier die Resultate! (aus Gründen der Verbindungsgeschwindigkeit zunächst die kleinen Gallerien, Rest folgt bald).
Mein Stadtrundgang (60)
Über Anregungen, ob ich mehr oder andere Fotos hochladen sollte bin ich sehr dankbar. Die Beschreibungen werden ab jetzt nur noch in Englisch sein und teils nur für Anwesende verständlich, da ja auch meine Freunde in Budapest ein berechtigtes Interesse an den Bildern haben.