Montag, 24. September 2007

Nürnberg Greyblues

Nächste Station, Nürnberg Hauptbahnhof. Wie schon erwähnt bin ich im Strom der deutschen Touristen nach Nordbayern geflossen und dort immerhin sicher gelandet. Dabei fiel mir auf, dass noch vor einiger Zeit bei den Landungen der Piloten geklatscht wurde. So erlebte ich es auf meiner Reise nach Tunesien (1998), Rom (1997) und so weiter. Inzwischen ist dies nicht mehr der Fall, zumindestens nicht auf den Nahverkehrsflügen auf denen ich mich herumtreibe, aber auch nicht wenn die Malev uns pflichtgemäß in Albanien abgeliefert hat. Es gibt dafür genau zwei mögliche Gründe: Der erste ist die Gewöhnung an die Exotik des Fliegens. So alltäglich wie früher das Bahnticket der dritten Klasse war, ebenso üblich ist heute das Fliegen, für einen Appel und ein Ei landet man wo einen die supergünstigen Supersonderangebote eben hinschicken. Etwa in Budapest. Der zweite Grund wäre der subversive Einfluss diverser Kabarettisten, wobei mir nur Volker Pispers, da ich eine natürlich von mir besessene CD aus dem Internet wieder-bezogen habe, konkret geläufig ist. Die Schmach für den bezahlten Job auch noch beklatscht zu werden saß zu tief für die Piloten, und erst recht die Schande für die Reisegäste, als wäre ein Kunststück vollführt worden, ein Spiel mit ihrem Leben, das sie nun mit Applaus bedenken. Ein nüchternes Dienstleistungsverhältnis ist also angebracht, und so hat es sich nun auch entwickelt.


Damit wäre ich jetzt also in Nürnberg. Wie an meiner gewissen Skepsis den Landsleuten gegenüber abzulesen ist bin ich schon relativ hungarofiziert. In der U-Bahn kam mir der Gedanke, dass ich mich in Budapest fast sicherer fühle als in der Nürnberger U-Bahn oder in den Berliner Straßen. In Budapest ist es halbwegs vernünftig geregelt, so scheint es, wo gefährliche Bezirke sind, wo man sich Nachts aufhalten sollte und wo nicht. Wenn ich abends nach Hause gehe, was ja oft geschieht, habe ich kaum das Gefühl von Bedrohung und Enge. In Berlin eher schon, vielleicht weil ich die Stadt nicht so kennengelernt habe wie ich jetzt nach und nach Budapest erkunde, als Fremder und Beobachter, der nicht schon einige Weisen des Umgangs voraussetzt und sich deswegen nicht so einfach an neue Formen anpassen kann. Als zweiten Grund kann ich diese seltsame Eigenschaft der Ungarn nennen, die man als eine Art Passivität beschreiben kann, was ihnen aber nicht gerecht wird. Es ist ein Anteil Schüchternheit darin, ein Anteil Zurückhaltung, ein großer Anteil Höflichkeit. Woran dies liegt, ob alterzogene kuk-Freundlichkeit, Nachwirkung des kommunistischen Tiefschlafs (diese Formulierung „The happiest barrack” hat sich in meinen Kopf eingebrannt, barack heißt übrigens Pfirsich, on a totally unrelated matter) kann ich nicht genau definieren. Ich hoffe ich komme diesem Sachverhalt im Laufe meines Aufenthalts näher, er scheint eine Art Schlüssel zu sein.


Der Nürnberger Hauptbahnhof hat übrigens einen Burger King, einen McDonalds, ein 24 / 7 Internetcafé das entweder reich oder dumm ist, oder ein undefinierter Schwebezustand, wenn die Leute zu reich oder zu dumm sind, oder alles gleichzeitig. Sobald die Energie auf diesem tragbaren Gerät zur Neige geht werde ich dort schnorren gehen, erwarte aber im fürstlichen Staat keine besondere Kooperationsbereitschaft.


Am Mittwoch haben wir einen Film gesehen. Das ganze ist Teil einer Lehrveranstaltung der technischen Unversität und mein Mitbewohner Xabi (er) und sein spanischer Freund Ferran nehmen teil. Während Magda und ich uns also auf den ästhetischen Genuss beschränken konnten (nachdem ich vorher ziemlich unästhetische Philosophie konsumiert hatte) mussten sie zur Nachdiskussion bleiben. Der Film war das vielleicht erste filmische Kunstwerk, das in Ungarn nach dem zweiten Weltkrieg geschaffen wurde. Der Titel: Irgendwo in Europa (Valahol Europaban). Als Darsteller werden eingangs drei Schauspieler verzeichnet und lakonisch wird hinzugesetzt: Und 23 Kinder. Diese spielen auch tatsächlich die Hauptrolle. Es geht um herumstreunende heimatlose Kinder, die sich zu einer Art Gang zusammenfinden. Ein junger Idealist, Péter, übernimmt die Leitung und führt die Kinder an bis sie schließlich einen Turm finden in dem sich ein alternder Dirigent vor dem europäischen Inferno geflüchtet hat. Nach anfänglichen Schwierigkeiten nimmt der Alte die Sippschaft bei sich auf, renoviert mit ihnen gemeinsam den Turm und bringt ihnen Nahrung aus dem Dorf. Er versäumt nicht, den Kindern eine gewisse musikalische Grundbildung angedeihen zu lassen, so dass sie alle fröhlich die Marseillaise pfeifen, als Ausdruck der erstrebten Freiheit und der perspektivreichen Zukunft. Das Ende ist relativ klischeehaft, einer der Jungs, derjenige mit der Mundharmonika, wird tödlich verwundet, alles geht mit ihm ins Dorf, stellt sich den Behörden, die vorher Jagd auf die Gang gemacht haben, in einem mitreißenden Plädoyer bewirkt der gutherzige Alte, dass die Kinder geschont werden, bei ihm wohnen bleiben können und auf sie eine bessere Zukunft zukommt. Auch wenn ich die Story etwas distanziert beschrieben haben möchte, der Film hat viele interessante Seiten. Man merkt in jedem Moment, dass die Vorstellung, was ein filmisches Kunstwerk sein sollte, damals noch eine andere war. Die Bilder sind jeweils originell, es geht nicht darum, eine Geschichte pseudorealistisch wiederzugeben, wie es heutzutage meist der Fall ist. In heutigen Filmen wird versucht, möglichst spektakulär das scheinbar reale zu zeigen. Im Film von 1947 wird das Bild als künstlerisches Medium betrachtet, indem jede Einstellung sorgsam durchdacht ist und statt der Totale das aufschlussreiche Detail zeigt. Dazu kam die wunderbare Filmmusik, die natürlich extra für diesen Film komponiert wurde und daher das Geschehen wunderbar untermalt. Für mich die deutlich gelungenere Variante, wenn Film denn mehr als das Erzählen einer im Kern einfachen Geschichte mit möglichst eindrucksvollen Bildern sein kann und will.


Apropos eindrucksvolle Bilder: Am sehr nützlichen Nürnberger Hauptbahnhof habe ich es tatsächlich geschafft, meine Bilder zu ordnen! Hier die Resultate! (aus Gründen der Verbindungsgeschwindigkeit zunächst die kleinen Gallerien, Rest folgt bald).

  1. Die Vorbereitungen unserer spontanen Einweihungsparty (10)

  2. Sprachunterricht und Uni (37)

  3. Mein Stadtrundgang (60)

  4. Noch eine kleine Party (8)

  5. Der Weg zum János Hegy (52)


Über Anregungen, ob ich mehr oder andere Fotos hochladen sollte bin ich sehr dankbar. Die Beschreibungen werden ab jetzt nur noch in Englisch sein und teils nur für Anwesende verständlich, da ja auch meine Freunde in Budapest ein berechtigtes Interesse an den Bildern haben.

Sonntag, 23. September 2007

Wiedersehen in Freuden

Eigentlich, so möchte ich sagen, eigentlich wollte ich viel häufiger schreiben. Und da weiterhin der Satz gilt: "Zeit hat man nicht, Zeit nimmt man sich", gelobe ich Besserung, allerdings erst ab in einer Woche. Denn: [Pause] Ich fliege heute Abend nach Nürnberg und fahre von dort weiter auf die Hirsauer Tage in Oppurg. Wer nicht weiß was das ist kann auf der schmucken Webseite nachlesen womit ich in den letzten fünf Jahren viel Zeit verbracht habe und was ich als erfüllende Beschäftigung erlebt habe.

In der letzten Woche hat sich endlich mein Stundenplan geklärt. Mein Vertrauensdozent, Gabor Boros, war sehr hilfreich und sehr aufmunternd dabei. Ein interessanter Mann, schlank und zerbrechlich, weit fallende, lange graue Haare und eine Aura von Jugendlichkeit die ihn schwer einschätzbar macht. Wenn Philosophen tatsächlich danach aussehen wie ihr Fachgebiet beschaffen ist, natürlich nicht unmittelbar, sondern durch gewisse Chiffren kodifiziert, ist dies vielleicht das Bild des Forschers in der frühen Neuzeit, der an den Humanismus, die unsterbliche Seele und die Rationalität in der Welt glaubt, und sich deswegen wie ein eleganter Edelmann erhalten hat. Bei ihm werde ich eineinhalb Veranstaltungen besuchen. Am Montag werde ich seine Vorlesung besuchen, in der es ganz generell um frühe Neuzeit geht, am Donnerstag setze ich mich in das Doktorandenkolloquium in dem es um Theorien der Neuzeit geht (Mi az újkor?), die natürlich großteilig im 20. Jahrhundert entstanden sind. In der Vorlesung werde ich üben Ungarisch zu verstehen, für das Kolloquium die Texte lesen und weiterhin versuchen Ungarisch zu verstehen.

Das weitere Programm auf Ungarisch lautet: A téridö fisikajaról a tér és idö metafisikajaik. Von der Physik der Raumzeit zur Metaphysik von Raum und Zeit. Der Dozent, E. Szabó Lászlo ist Spezialist für Wissenschaftstheorie und schreibt gerade ein Buch über genau dieses Thema, daher werden auch seine Powerpointfolien in Englisch sein und ich werde das eine oder andere verstehen. Der Rest meines Programms findet an der Central European University statt, die ich am Freitag schon impertinenterweise ohne Ausweis, als interessierter Student besuchen wollte. Nicht möglich, das war schon immer so, das war noch nie so, da könnte ja jeder kommen. Also muss ich demnächst meine Dozenten bemühen mich an der Hand zu nehmen und in diesen Tempel der Wissenschaft einzuführen. Polemik beiseite, ich werde dort einen griechischen Übersetzungskurs belegen und eine Veranstaltung "The Metaphysics of Early Modern Empiricists". Klassischer Locke / Berkely / Hume. Der Grund warum ich hier besonders Frühe Neuzeit und Antike mache liegt schlicht und einfach darin, dass es im 18. / 19. Jahrhundert zuviel deutsche Philosophie gibt. Wenn ich das studieren wollte, dann doch bitte nicht auf Ungarisch oder auf Englisch. Daher weiche ich in die Randgebiete aus die noch nicht von deutscher Sprache durchsetzt sind.

Wovon ich mich mit diesem Eintrag gerade ablenke, das ist die Fertigstellung meines Artikels für die Grazer Gesellschaft für analytische Philosophie die einen kleinen Essaywettbewerb ausgeschrieben hat. Aus diversen Gründen fühlte ich mich motiviert, es einmal zu versuchen und in 3000 Worten zu erklären, warum ob wir "Vollständig determiniert aber dennoch für unsere Handlungen verantwortlich sein könnten." An sich kein Thema das mir sonderlich liegt, da ich bei solchen subversiven Hiobsbotschaften eher den Kopf schüttele, aber immerhin eine Gelegenheit zielgerichtetes Schreiben zu üben. Während meiner Englischkurse am Sprachenzentrum der HU habe ich auch die Idee des in Länge limitierten Essays liebgewonnen, das nimmt dem Schreibenden die Last, ein Thema in Vollständigkeit abzuhandeln was mir in meinen deutschen Arbeiten oft begegnet (gehört das jetzt noch dazu, muss das rein, versteht man das ohne x zu berücksichtigen, kann ich Meinung z ignorieren, ...) In jedem Fall ist der Essay zu 99% fertig, ich taste ihn nur noch auf linguistische Ecken und Kanten ab und werde ihn dann heute verschicken - also wünscht mir Glück.

Mit diesem Essay ist auch größtenteils erklärt, womit ich meine Woche verbracht habe, oft von 10-18 Uhr in der Universitätsbibliothek (länger hat sie leider nicht offen), abends mit um die Häuser ziehen oder auch im Kino. Im zweiten Beitrag heute werde ich ein bisschen über den Film "Irgendwo in Europa" sprechen und vielleicht ein paar Bilder hochladen.

Sonntag, 16. September 2007

Thärichensche Unschärferelation

In meinem letzten Post war ich am Donnerstagabend angekommen. Von hier geht es im rasanten Tempo und mit viel Begeisterung weiter, und zwar auf dem MOL Festival!

Wie es die Ironie will höre ich als zweites Konzert in Budapest eine bekannte Formation: Thärichens Tentet. Ich bin sehr gespannt auf die Gruppe, die ich zuletzt in einem Berliner Jazzkeller namens Quasimodo gehört habe, in der Gegend vom Zoo. Der Bandleader, Niki, ist mir sogar persönlich bekannt, er leitete das BJJO (Berliner Jugend Jazz Orchester) als ich 2004 mein Praktikum an der Landesmusikakademie Berlin absolvierte, in dem das BJJO auf das LJO (Luckman Jazz Orchestra) aus Los Angeles traf (viele Abkürzungen in diesem Satz). Dass er der Chefdirigent dieses Orchesters und außerdem einer der interessantesten deutschen Pianisten-Leader-Arrangeure war realisierte ich eher schleppend, zu netter Eindruck, zu kleine Statur, ein wenig der Eindruck eines Gnoms, versteckte Magie am Klavier, die erst nach und nach zum Scheinen kommt.
Die Konzerthalle ist ein Industrie-Lager-Gebäude, das direkt am Flussufer lieft, nahe eines der wenigen Grünstreifen am Wasser, dem Nehrupart (part=Ufer). Hier wandern insbesondere englische Touristen vorbei (oder die aus dem großen Bruderland) wie man unschwer hört, stets in Erwartung einer spannenden Sehenswürdigkeit mit der Geduld eines Eroberers, der schon alles gesehen und erlebt hat und daher entspannt den Rest der Welt mit seinen Blicken unterwerfen kann.

Vor dem Auftritt der bekannten 10erFormation gab es noch zwei andere Bands zu sehen. Begleitung hatte ich inzwischen in der bezaubernden Kinga gefunden, mit der ich einen sehr unterhaltsamen Abend verbrachte.

Die erste Band war das Babos Project Special. Dazu möchte ich nur sagen, dass der Sound barbarisch war (ok, draußen in einem Zelt an der Donau ist das nicht so einfach) und dass dieser Stargitarrist viel zu dominant, pathetisch und laut war. Er hatte neben sich eine dezent in schwarz gekleidete Sängerin stehen, die - glaube ich - auch ganz gut war, aber nur colla parte mit seinem Saitenorgan singen durfte und sich ansonsten brav zurückhalten durfte. Einige interessante Sachen (der Pianist war ganz ok, solange die Gitarre schwieg), aber ansonsten ein relativ gleichgültig stimmender Warmmacher.

Das änderte sich radikal beim zweiten Akt, beim Dresch-Quartett. Dresch ist der Leadsaxofonist, der begleitet wurde von drums, bass, marimba (!) und einem Gastmusiker auf Violine (95% der Zeit) und Trompete (Rest%). Was dann passierte war einfach nur phänomenal. Dresch wurde angekündigt als ungarische Volksrhythmen einarbeitend, und genau das passierte auf die bestmögliche Weise. Rasante Wechsel von Song zu Song, spektakuläre Soli, ein genau kalkulierte und mitreißender Drive - ich habe mich göttlich amüsiert. Riesiger Applaus und ein großes Plus für das Festival. Wenn ihr irgendwann was von ihm in die Hände bekommt, unbedingt anhören. Begeistert hat mich auch der gastierende Violinist, Ferenc Kovács, der sehr intelligent, sauber und virtuos die Geige erklingen ließ. Das Highlight am Ende war als schließlich Dresch zur traditionellen ungarischen Flöte glich und den Nahekollaps des Publikums herbeiführte. Und mein Gott, was man auf einer Marimba anstellen kann. Oft sehr nahe an den klanglichen Möglichkeiten eines Hammerflügels, ebenfalls sehr virtuos und eindrucksvoll dargeboten.

Als danach Thärichens Tentet langsam aber sicher in die Gänge kam war ich fast ein wenig enttäuscht, denn so brillant wie die Ungarn zuvor spielen die Musiker aus Berlin einfach nicht und ein Tentet ist dafür auch ein wenig zu statisch und unbeweglich. Aber schon nach einigen Minuten stellte sich die Beruhigung ein, dass es sich nicht um einen Absacker sondern doch um eine weitere Steigerung handelte. Ein großer Faktor dabei waren Nikis unglaublich geschmackvolle, humorvolle und exzellent ausbalancierten Arrangements. Vertont hat er dabei großteilig Gedichte von Robert David Laing, schottischer Psychiater und abgründiger Dichter, den Michael Schiefel mit seiner etwas jungenhaften hohen Stimme, linkisch abgestimmter Gestik und tiefgründigem Spaß bei der Sache überzeugend darbot. Jede Nummer führte tiefer in die Regionen, wo kontrapunktische Arrangements den Intellekt stimulieren, skurrile Bläsersätze erheitern und im nächsten Moment die hintergründige Textwende das Lachen im Hals stecken bleiben lässt. Ein großartiger Abend!

Die Skepsis gegenüber dem Folgeabend war relativ groß, da solche Leistungen erst einmal überboten werden wollten. Tagsüber besuchte ich den Einführungstag für Besucherstudenten an der ELTE, der in diesem Jahr das erste Mal stattfand und daher eine Art historische Dimension besaß. Nicht wirklich viel Neues. Das Highlight war, dass alle Studenten, die noch einen Ausweis brauchten, gebeten wurden ihn außerhalb des Saals zu beantragen und währenddessen allen denjenigen die schon einen hatten erklärt wurde wie man einen Ausweis beantragt. Spannend. Danach kurz zur Unibibliothek, dann Mittag beim chinesischen Schnellrestaurant und Magda (aus Polen, nicht aus meiner Wohnung) und Kinga davon überzeugen dass wir wirklich abends zum Jazzkonzert gehen wollten, was irgendwann dann auch Erfolg hatte.

An diesem Abend gab es weniger Highlights, aber dafür ein großes am Schluss. Zunächst spielten eine gute spanische Formation, in essentiam ein Saxofonist mit seiner langjährigen Rhythmusgruppe (Klavier / Bass / Drums), wobei der Bassist durch seinen liebevollen Umgang mit dem Instrument auffiel. Der mittlere Akt war eine großteilig ungarische Band mit britischem Gastsaxofonisten, sehr gute Musik. Das Ende bildete eine norwegische Ausnahmeerscheinung: Supersilent.

Dazu muss gesagt werden, dass schon am Vortag einige Besucher es vorzogen, anlässlich des Hauptakts um 21 Uhr schon das Gelände zu verlassen. So auch heute, aber die etwas kontrovers aufspielenden Norweger schafften es auch noch mehr zu vertreiben, während der Rest sich angenehm amüsierte. Schon das Programmheft kündigte sie als eine Gruppe ohne stilistische Einordnung, die man wegen improvisatorischer Natur der Darbietung unter Jazz einordnet, an. Das traf auch im vollen Maße zu. Den Beginn machte ein Trompetensolo, verhalten und dezent, schwebend und suchend. Dazu gesellte sich bald ein komplex-präziser Drummer, der während des gesamten Sets durchspielte und hervorragend die Wellen von elektronischer in handhabbare Blöcke gliederte. Diese Wellen stellten sich bald ein, mal meditativ (dronelike sagte das Programmheft), mal explosiv und an der Grenze zum Lärmgeräusch, aber insgesamt Musik zum sich-versenken, zum Mitgleiten und doch den Halt nicht verlieren. Hin und wieder eine gebrochene Stimme, die - wahrscheinlich - etwas zwischen Norwegisch und Nonsense drüber sang, aber ein wahres Klangerlebnis. Der einzige Wermutstropfen liegt darin, dass es sich fast nicht lohnt von ihnen eine CD zu kaufen - da ja jeder Auftritt von vorne beginnt und vollständig improvisiert ist. Wir waren trotzdem extrem euphorisiert und glücklich dass wir auch das zweite Konzert besucht hatten. Dazu trug auch das wahrscheinlich beste Essen bei, das man angesichts von schleichend-feuchter Kälte und fortschreitender Zeit haben kann: Kartoffelwedges (der deutsche Ausdruck "Spalten" ist total daneben, seit wann kann man Leerräume essen?) mit Ketchup / Senf / (Mayo). Knusprig, umami, und gut.

So long, keep on swinging.

Raum-Zeit-Verschiebung (Mo-Do)

Wenn Schreiben so etwas wie eine Kompensation und ein Ventil ist, so hatte ich im Laufe dieser Woche relativ wenig Bedarf. Trotzdem würde ich gern ein paar der schönen Momente aus meiner Zeit hier mit euch teilen und mir selbst zur Erinnerung bewahren.

Also der Reihe nach, eine Art Rückblick auf die Woche.

Montag, 10.9.
Montag war der letzte Tag unseres Sprachkurses, was ich sehr bedauert habe. Statt regulären Unterrichts haben wir eine kleine Rally durch die Uni unternommen und dabei mehr oder weniger kreative Aufgaben zu lösen gehabt. Dass wir dabei nur von einer Caféteria in die andere geschickt wurden war zwar auffällig aber nicht sonderlich hinderlich. Durch einen wilden Zufall wurde ich bei der Teambildung mit meiner Mitbewohnerin Magda zusammengewürfelt und mit der Teamfarbe blau bildeten wir die "két kék stréber" (zwei blaue Streber, das Wort stréber bedeutet im ungarischen genau das gleiche wie im Deutschen). Die aufregendste Aufgabe war sicherlich das geschmackliche Erkennen ungarischer Spezialitäten. Repräsentativ für die Getränke waren also: Unikum (angeblich so etwas wie Jägermeister, da ich JM aber kaum kenne würde ich es eher mit Hustensaft vergleichen), vörösbor (Rotwein) und palinka (Schnaps). Damit begann die Alkoholberieselung des Tages, denn im Anschluss an die Siegerzeremonie (wir gewannen souverän) wurden noch Diplome überreicht und Sekt getrunken. Mittagessen gab es bei der Szabó család, der Szabó Familie. Das ist ein kleines vendeglö nahe der Uni mit bezahlbarem Mittagstisch. Ein vendeglö bietet, im Gegensatz zum étterem, eher traditionelles ungarisches Essen an, házikost wenn man so will. Das heißt es gibt Suppe als Vorspeise (húsleves/bableves/... , aber immer mit Fleisch) csirkepörkölt (Hühnchengulasch, außer dass gulyás hier eine Suppe ist) als Hauptgang und Nachtisch palacsinta. Der Rest des Tages verschwimmt ein wenig, wahrscheinlich nichts passiert.

Dienstag, 11.9.


Ein frustrierender Tag. Um 9 Uhr stehe ich an der Quaestura wo es angeblich (laut Dokument dass ich im Immabüro erhalten habe) um diese Zeit Studentenausweise gibt. Nur hängt hier ein Zettel, dass die Veranstaltung erst um 12 beginnt. Ich hänge irgendwo rum und lerne vielleicht ein paar Vokabeln. Um 11.45 als ich wiederkehre ist bereits eine Schlange davor. Ich ziehe eine Wartemarke auf der keine Zahl steht sondern nur dass es heute keine neuen Ausweise geben wird. Immerhin unterhalte ich mich nett mit einer polnischen Studentin die neben mir in der Schlange steht und mir auf ungarisch versucht eine Frage zum Ausweisausstellungsprozess zu stellen, was leider misslingt. Ihre Eltern haben lange in Frankfurt gelebt, deswegen klappt Deutsch ganz gut. Danach will ich ein paar Fotos machen gehen, doch nach etwa 30 Bildern ist mein Akku leer. Etwas frustriert kehre ich nach Hause zurück.

Mittwoch, 12.9.

Mittwoch machte alles richtig was Dienstag falsch gemacht hatte. Wieder stehe ich um 12 Uhr am Immatrikulationsbüro, aber immerhin treffe ich wieder angenehme Gesellschaft. Kinga (in der Esztergomgallerie mit Bild vorhanden) studiert Psychologie, kommt aus Warszawa und steht zufällig nahe dem Ende der Schlange dem ich mich gleich zugeselle. Wir treffen noch andere Erasmusschlümpfe, die eine Mentorin im Gepäck haben, die uns also erklärt, wie und wo wir unser Formular für den Studentenausweis ausfüllen müssen. Wir treffen auch meinen Lieblingspunk Gerardo Nach erstaunlich wenig Komplikationen erhalten wir ein Formular, gehen palacsinta essen und bezahlen unsere Tantiemen an der Post. Hier in Ungarn zahlt man alle Rechnungen und alles sonst an der Post, so etwas wie Überweisungen werden eher selten genutzt. Zum Glück geht das meistens recht schnell und man erhält wunderbare gelbe Belege.

Danach machte ich mich auf ans Ufer der Donau, denn da meine Akkus wieder geladen waren konnte ich ein paar weitere Bilder schießen. Eine Auswahl dieser Tour und einige Bilder aus dem Sprachkurs folgen wahrscheinlich morgen oder später heute (je nach Lust).

Im Anschluss traf ich mich mit meinem neuen Mentor mit Namen Richard, aber er wird von allen nur Bogyo (sprich: Bod-jo) genannt. Ein lustiger Typ, langes Haar, Bart, etwas füllig, raucht wie ein Schlot, trinkt kein Bier. Genau, richtig gelesen: Die perfekte Metalschiene aber kein Bier, ich war schon sehr erheitert. Gleichzeitig führte er mich in die Gemeinschaft der Frühabendzyniker vom philosophischen Institut ein, wo ich mich gleich sehr zuhause führte. Die Essenz des Aufeinandertreffens war, dass es am Institut keine internationalen Kurse gibt, und ich eigentlich nichts belegen kann, aber dass die Profs sicherlich sehr kooperativ sein würden. Also werde wahrscheinlich mein Semester großteilig mit Selbstbeschäftigung verbringen, was mir eigentlich inzwischen auch lieber ist. Das ganze findet statt im Café könyvtár, was soviel wie Bibliothek heißt, sich direkt auf dem Campus befindet und sehr einladend ist. Definitiv die Bibliothek um die Nächte durchzuarbeiten.

Donnerstag, 13.9.
Morgens traf ich mich mit oben erwähntem Mentor, der mir das Institut zeigte (im i-Gebäude, aber nicht gesponsort von Apple) und einige der Dozenten. Es handelte sich um eine Vorstellungsveranstaltung für die Drittsemestler, arme Bachelorstudenten wie man sie auch zuhauf in Deutschland findet. Die Vorstellungsrunde war scheinbar recht lustig, das Wort führten im Wechsel ein alter putziger Mann der sich angeblich viel mit Sprachphilosophie beschäftigt und ein mit großem Riechorgan römisch anmutender Mittvierziger, der sich insbesondere mit griechischer Ethik beschäftigt, ein liebliches Team. Ansonsten alles beim alten, was den philosophischen Grabenkampf angeht: Historische Philosophen im Anzug, Analytiker im T-Shirt und kleine Anspielungen von hier nach da. Im Anschluss lerne ich die Bibliothek kennen. Bei der Bibliothek handelt es sich eigentlich nur um eine einzige Dame: Ottilia, kurz "Oti" gerufen. Sie sitzt an ihrem Tisch, man kann ihr einen Zettel geben und fragen ob das Buch vorrätig ist, sie geht in den Nebenraum und besorgt es oder eben nicht. Bei den drei Büchern für die ich mich momentan interessiert hätte lautet die Antwort leider sämtlich nein. Vorher habe ich sie in einem uralten Nachschlagkatalog gesucht, der auf einem der Computer installiert ist. Ein wunderhübsches DOS Programm fast ohne Benutzeroberfläche das bei jedem Programmstart erst einmal die Datenbank einlesen muss und dafür rund fünf Minuten benötigt, ich komme mir vor wie in C64 Zeiten, mit den lustigen Kassetten die man einlegte, dann einen Tee kochen ging und dann wiederkam um das geladene Wunderland zu begutachten. Im Leseraum stehen insgesamt vier Lexika und ein sehr gemütlich aussehendes Sofa (auch noch Tische und Stühle, ok). Sehr putzig ausgestattet, aber man kann dort halbwegs arbeiten, was ich auch in Maßen tue und an meinem Essay schreibe.

Zum Abend startete ich eine Art Mailingaktion aus meiner Handyliste um Begleitung für das Konzert am Abend zu finden. Welches Konzert? Das kommt im nächsten Post, denn dieser ist schon verdammt lang geworden. So, stay tuned für die Jazzkonzerte eures Lebens und Bilder von Sprachkurs und Budapest.

Dienstag, 11. September 2007

Fotozeit

Endlich bin ich dazu gekommen einige Bilder aus meiner neuen Fuji Finepixx S9600 hochzuladen. Ich schließe noch ein wenig Freundschaft mit der Kamera, daher bitte nur konstruktive Kritik!

Es gibt zu sehen (jeweils als Slideshow):
Mein Zimmer im kollégium, sehr empfehlenswert!
Meine neue Wohnung
Exkursion nach Esztergom.

Nincs Notstromaggregat

Dieser Blogeintrag verdankt seine Existenz dem (un)angenehmen Umstand dass wir uns in unserer Wohnung zur Zeit ohne Strom aufhalten. Bis jetzt vermuten wir nichts schlimmes, aber zum Beispiel der Techniker unserer Hausverwaltung, der uns heute besuchen kommen wollte, wird große Freude daran haben unsere Klingel zu bedienen. Heute werden die nötigsten Dinge korrigiert: Die Glühbirnen, die in allen Zimmern fehlen, uns wird ein zusätzlicher Schlüssel angeliefert für das Schloss an der Haustür, das sowohl von außen als auch von innen bedient werden kann (das gilt für das zweite Schloss nicht) und zuletzt werden noch Ikea Lackregale neu justiert, die unter der Last der Jahre schon ein wenig in die Schräge gesackt sind. Nichts spektakuläres also, aber es bleibt das Faktum, dass wir keinen Strom haben und es nicht unmittelbar absehbar ist, wann sich das klärt. Von unseren Nachbarn haben wir vor einigen Tagen eine nicht eindeutig einzuordnende Mitteilung erhalten, dass im Stockwerk unter uns demnächst Bauarbeiten beginnen die mit einem Kamin zu tun haben und uns eventuell betreffen. Bis jetzt haben wir nicht allzuviel davon mitbekommen, aber vielleicht handelt es sich hier um die ersten Ausläufer einer größeren Einschränkungslawine.


Insgesamt habe ich mir vorgenommen über mehrere Dinge zu schreiben: Über die Exkursionen, die wir unternommen haben (nach Gödöllö, Eztergom und in die Höhlen von ...), über unsere Wohnung, die wir gestern in einer rapide wachsenden Feier eingeweiht haben und über das Leben hier in der ungarischen Steppe.


Für gestern Abend hatten wir eine kleine Zusammenkunft mit Gitarre, Essen und ein wenig Wein geplant. Auf der Exkursion zur Höhle, an der neben Xabier und mir die „dormitory girls” und zwei Mentoren der ELTE teilnahmen kam das Gespräch auf diesen Termin und somit waren noch vier zusätzliche Personen eingeladen. Die „dormitory girls” sind Ruta aus Litauen und Patricia aus Belgien, die ab Morgen in ihrem Vollzeitstudienort in ... sein wird und daher Budapest verlässt. Aus Solidarität wohnt Ruta weiterhin mit ihr in einem Zimmer und so sind die dormitory girls geboren. Die uns begleitenden Mentoren bestanden aus dem ungleichsten Paar das man aus der Vielzahl von Helferlein zusammenstellen kann: Der große Marton und Daniel. Marton erscheint als ein administrativer Mensch, Vizepräsident der foreign students Betreuung an der ELTE, immer mit meetings und offiziellen Angelegenheiten beschäftigt, ein wenig allergisch gegenüber Tanz und Bewegung, eher dem Bier zugeneigt, und wie ich vielleicht schon vorher schrieb etwa 2,15 m groß. Ein lustiger Typ, humorvoll und kompetent, aber ein wenig in seinem offiziellen Format eingerahmt. Daniel auf der anderen Seite, Zopf aus gelockten blonden Haaren, Piratentuch, coole Sonnenbrille, ebenfalls Mentor und institutionell tätig, aber immer der Mann für die inoffizielle Unternehmung, den freien Eintritt, den diskreten Geheimtip, das letzte Bier und den Sextalk am Nachmittag. Einer von den Typen, die viel erzählen, versprechen, vielleicht nicht alles halten aber doch dauernd in Bewegung sind und die Umgebung dabei mitnehmen. Damit waren wir also zu sechst auf dieser Exkursion, die wirklich spannend war.


Der Legende nach wurden die Höhlen entdeckt als ein Schaf durch einen der Schächte hineinfiel und die Menschen es retten wollten. Das Höhlennetzwerk wird immer noch erkundet, auf einer bunt eingefärbten Karte am Eingang wurden deutliche Erweiterungen des erschlossenen Gebiets noch 1997 verzeichnet beziehungsweise als „nach dieser Zeit” markiert. Insofern handelt es sich um einen weiter laufenden Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist. Daniel, der Geographie und Psychologie studiert erzählt dass er einmal eine Exkursion in einen der weniger gut erschlossenen Bereiche der Höhlen unternommen hat und uns einen weiteren Teil zeigen könnte, er müsste uns nur Schutzausrüstung und den Schlüssel besorgen. Marton bedient übrigens wochenends Paraglider und so haben wir die Funsportler für uns. Die Tour wird geführt von einer Höhlenexpertin, die uns auf die benannten Tiere am Wegrand hinweist, hier Krokodile, dort Schildkröten, bis hin zu Skorpionen, Mäusen und einem Damoklesfelsblock, der angeblich herunterfällt wenn jemand vor kurzer Zeit eine Lüge erzählt hat – aber scheinbar lügen die Besucher nicht, deswegen hängt der Felsblock immer noch. Von dem was ich verstehe kann ich mir erschließen dass die Höhle sehr feucht ist und über Quellen steht – oft finden sich grüne Schichten an den Wänden, die Luft ist empfindlich feucht, die Geländer schlüpfrig und oft sind hängende Tropfen sichtbar, die nach und nach zu Stalagmiten werden.


Soviel von heute, inzwischen war ein Techniker da, Strom geht wieder, es lebe die Zivilisation. Der Bericht von Eztergom muss warten, erstmal wird es ein paar Fotos geben.

Freitag, 7. September 2007

Up to Date

Mit dem heutigen Tag befinde ich mich wieder innerhalb der Internet Zeitrechnung. Ein Techniker der upc hat heute meine Telefonsteckdose zerrupft (sieht nicht sehr schick aus), aber gleichzeitig ein Kabel angehängt, das es mir ermöglicht ins Web zu gehen! Daher bin ich zur Zeit am Email aufarbeiten und endlich dieses Blog der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Status - Sprachkurs, Straße, Internet

Am Montag findet mein Sprachkurs ein vorläufiges Ende. Danach geht es in den regulären Semesterbetrieb, obwohl ich noch nicht weiß wann ich welche Kurse belege. Allerdings erschien die Klärung nicht allzu wichtig zu sein und die ELTE hat, wie ich aus vertraulicher Quelle erfahren habe, eher einen Ruf als schlecht organisierte Uni. Das konnten wir auch während des Sprachkurses beobachten: Vor unserem Institut, im Gebäude F im Campus an der Museumsstraße befand sich eine Sandfläche, die im Laufe der Wochen die wir da waren mit dramatischem Tempo zu einer Straße verwandelt wurde. Respekt vor der Geschwindigkeit, aber es fällt mir schwer zu glauben dass die Straße nun Jahre durchhält. In den Kursen heute habe ich mit meiner neuen Kamera (Fuji Finepix S9600 für die Interessierten) einige Bilder geschossen, die ich auch gerne veröffentliche sobald ich eine geeignete Plattform gefunden habe (ich denke Flickr wird viel genutzt? Mal sehen ...).

Programm - Parlament, Ethnographie, Weinfest

Heute Abend geht es erst einmal ins ungarische Parlament, ein sehr eindrucksvolles Gebäude an der Donau, was aber für viele Gebäude in Budapest gilt (das Flusspanorama allein ist eine Reise wert und ich glaube das Ufer insgesamt ist ins Weltkulturerbe aufgenommen). Gestern waren wir gegenüber im Ethographischen Museum. Das ist der ungarischen Volkskultur aus dem Zeitraum nach der Vertreibung der Türken (1699) bis etwa zum Ende des ersten Weltkriegs. Die permanente Ausstellung wurde 1989 eröffnet und seitdem nicht verändert, wie unsere sehr kompetente, ein exzellentes Englisch sprechende Führerin mitteilt. Dennoch sind viele sehr interessante Ausstellungsstücke da (zum Beispiel der grüne Krug, der bei keiner Dorfkonferenz fehlen darf) und durch die kurzweiligen Anekdoten verbringen wir sehr angenehme 1 1/2 Stunden. Die Teilnehmerzahl von Erasmusstudenten ist naturgemäß inzwischen stark geschrumpft, daher sind wir am Ende der Führung nur noch zu dritt. Demnächst wird im gleichen Gebäude die Weltpresseausstellung gastieren, dann begebe ich mich wieder dahin.

Wörter des Tages

Um den Mehrwert dieses Blogs zu erhöhen werde ich einige Wörter des Tages in den Raum werfen. Ungarisch ist eine tolle Sprache, wunderbar logisch, komplex und nahezu beliebig nach Baukastenprinzip erweiterbar, daher empfehle ich sie jedem wärmstens. Die heutigen Highlights:

1) számítógép
Schön dass es ein eigenes ungarisches Wort für Computer gibt. Das was ich gerade tue heißt in der dritten Person számítógépezik bzw. im Infinitiv számítógépezni. Dieses Wort habe ich mir während des gesamten Hochzeitswochenendes zu merken versucht, daher hat es einen Ehrenplatz verdient.

2.) körülbelül
Heißt "ungefähr" und ist ein wunderbar klingendes Wort - etwa wie das englische "roundabout".

3.)
Kurz, knackig, heißt Pferd und spielt wahrscheinlich in der ungarischen Frühgeschichte eine große Rolle, da es ein altes Wort ist. Hat einen wunderbaren unregelmäßigen Plural und ist Teil einer ganzen Wortgruppe, die bei Suffixanhängung Ausnahmen bilden, steinalt sind, und einsilbig cool. Daher ist ló auch ein wenig repräsentativ für fa, haj und so weiter.

Néptanc!

vom 31.8.2007

Und es ist schon wieder Freitag. Eine Menge ist passiert, am wichtigsten ist, dass ich inzwischen in meiner eigenen Wohnung sitze, die ich zusammen mit Magda und Xabier bezogen habe, aus Bonn und Barcelona. Nachdem das erste Wohnheim eine wirklich abschreckende Qualität hatte (einige Bilder findet ihr im Album) hatte ich mich spontan auf Mit-Suche begeben. Die gesamte Erasmusgruppe war und ist eine Tauschbörse für WG-Plätze, Zimmeroptionen und sich langsam entwickelte Liasonen. Zum Glück habe ich nur insgesamt zwei Tage mit Wohnungssuche zugebracht, jetzt ist alles unter Dach und Fach. Wir wohnen im achten Distrikt, relativ am Rand in der Nähe des Stadtparks. Die Wohnung ist wunderschön und nicht sonderlich teuer, nur liegt sie wie schon angedeutet nicht in der allerbesten Gegend – der Budapester Standard von etwa 4-7 Schlössern die man auf dem Weg zur eigenen Wohnung bewältigen muss gilt auch hier.

Gestern abend haben wir wieder eine Volkstanzhochburg besucht, wie letzte Woche, und wieder war ich sehr angetan. Diesmal war der Gruppenpart deutlich ausgedehnter und es haben deutlich mehr aus unserer Sprachgemeinschaft die Gelegenheit genutzt, einmal ungarisch das Tanzbein zu schwingen. Als erster Mutiger begab ich mich in einen Tanzkreis, kam relativ gut zurecht, und sprach noch mit einer ungarischen Tänzerin, die sich neben mich gesellt hatte. Sie stellte sich als wirklich engagierte Volkstänzerin heraus, mit Hintergrundwissen und lauten Jauchzen an den richtigen Stellen. Danach gab sie sich sogar noch für einen Paartanz hin, bei dem wir uns denke ich nicht all zu schlecht schlugen, aber kurz vor Ende verließ sie mich in Richtung eines Bekannten und damit war meine Tanzsession erstmal beendet. Dennoch bin ich insgesamt immer wieder beeindruckt von der Lebendigkeit, die in diesem Zirkel erlebt werden kann. Der Mentor und Foreign Affairs Koordinator Marton erzählt mir in einer ruhigeren Stunde, dass hier vielleicht alle Volkstänzer in Budapest anwesend sind. Marton selbst ist ungefähr zwei Meter fünfzehn groß, schlaksig, die Aura eines Organisators der hin und wieder nicht ernst genommen wird aber für seine Sachkenntnis und für seine vielfältigen Ansätze doch irgendwie geschätzt wird. Er erzählt mir auch, dass der Volkstanz, der wie eine Welle über die Erasmusschüler schwappt, eigentlich die Idee von den alten Weibern die unseren Kurs gestalten war, also müssen wir uns wohl bei ihnen für diese Erfahrungen bedanken. Nach diesen zweiten Schritten begeben wir uns noch in den Filter, eine Bar um die Ecke, in einem verschimmelt riechenden Keller gelegen, der zwar recht heimelig anmutet, aber mich nicht sonderlich lange dort hält. Gemeinsam mit meinem neuen Mitbewohner Xabier mache ich mich auf Richtung Wohnheim, das wir kurz nach zwölf erreichen und uns zum glücklicheren Teil der Welt zählen.