Donnerstag, 26. Juni 2008

Letzte Schritte

Mein Tag dreht sich um die letzten Verrichtungen in dieser Wohnung und dieser Stadt. Gestern erlebte ich ein Abschiedsdinner (wieder) im Castro, einer gemütlichen Kneipe im Zentrum Budapests und wunderte mich, dass sogar ein scheinbar "leichtes" Gericht wie Pasta mit Fisch in den hiesigen Küchen (oder in der Küche des Castro) zu einem fetttriefenden Etwas werden kann. Wie dem auch sei, unterdessen gewann die deutsche Nationalmannschaft mit unattraktivem aber hocheffektiven Spiel. Am Tisch saß ich wiederum zwischen Katalanen, denen die spanischen Siege eher nebensächlich sind, wegen innerspanischer Sentimente. Genauer, so wurde mir kommuniziert, hängt das Nichtanerkennen des Kosovo von spanischer Seite auch daran, dass sie Probleme bekämen, den katalanischen Landesteil und das Baskenland bei sich zu behalten. Wieviel daran wahr und falsch ist lasse ich hier offen, aber interessant allemal.

Gestern habe ich noch die letzte Wohnstätte Béla Bartóks in Budapest besucht. Das Haus ist recht groß und liegt im 2. Distrikt von Budapest - was etwas irritierend klingen kann, denn während der erste Distrikt tatsächlich sehr zentral auf der Buda Seite beheimatet ist, so bezeichnet der zweite Distrikt den Nordteil von Buda, der sich auch von der Stadt weg zieht. Daher hatte ich vom Moszkva tér noch etwa 20 Minuten mit dem Bus in die Hügel. Im Haus gibt es nicht viel zu sehen, daher war ich in einer Stunde damit durch, aber es hat sich trotzdem sehr gelohnt dahin zu fahren.

Zum einen sprach mich eine sehr freundliche Museumsfachkraft an und erklärte die Einrichtung. Sie bestand aus "bäuerischem" Mobiliar aus der Gegend in der Bartók geboren wurde, also waren alte Schränke, Tassen, Vorhänge ausgestellt. In einem Nebenzimmer befindet sich der Bösendorfer auf dem Bartók komponierte, daneben steht sein Grammofon, mit dem er über die siebenbürgischen Dörfer zog und Volkslieder sammelte. An einer Wand davor sind auch Bilder einer Sammelreise, die ihn in den 30ern in die Türkei führte. Speziell sein Interesse an türkischer und arabischer Musik, entsprechende Reisen um Material zu sammeln und Teilnahme an Kongressen über dieses Feld waren mir bisher nicht bewusst und freuten mich zu sehen.

Im Obergeschoss das erst vor zwei Jahren ausgebaut wurde, fanden sich dann einige Kuriositäten. Das eine war etwa ein Holzstock, an dessen Ende sich verzierte Lederstreifen fanden, unterschiedlicher Länge und Farbe. Meine Führerin erklärte, dass dieser Stock von wandernden Arbeitern benutzt wurde. Dort wo sie blieben und schafften erhielten sie am Ende ihrer Tätigkeit einen Lederstreifen, der durch die Länge besagte, wie lange sie dort gearbeitet haben, und vielleicht noch andere Codes beinhaltet, die dann ausdrücken, wie gut sich der fahrende Gesell geschlagen hat. Weitere Ausstellungsstücke umfassten eine Sammlung von Blumen, Käfern, Münzen, ... , eigentlich sammelte er scheinbar alles. Schön war auch der Ungarische Ausdruck, dass jemand, der ein wenig seltsam und isoliert ist dann als "käferig" bezeichnet wird. Passend zum Hobby. Das letzte Stück war schließlich eine Zigarette, die bei der Restaurierung des Flügels darin gefunden wurde. Bartók war schwerer Raucher und wurde selten ohne angetroffen.

Alles in allem, ein schöner Besuch, ich stand kurz davor, ein Dokumentationsbuch zu erwerben, aber die geschätzten zusätzlichen fünf Kilo in meinem Rucksack wollte ich mir nun doch nicht zumuten.

Am Montag führte ein Ausflug mich noch nach Zsámbék (Schambeck), ein deutsch geprägter Ort mit einer sehr alten Klosterruine. Vielleicht lade ich später noch einige Bilder hoch. In jedem Fall gab es ein freundliches Restaurant, interessante Ruinen und einen großen Feiertag den wir just verpasst hatten, da er Sonntag stattfand.

Wie nun weiter? Ehrlich gesagt weiß ich nicht einmal, ob ich dieses Blog noch weiter betreiben werde. Der Titel wäre zumindestens veraltet und unnütz. Diejenigen die ich hoffe hiermit unterhalten zu haben werde ich bald wiedersehen. Die Fremdheit, die ich in einigen Auszügen versucht habe wiederzugeben wird sich in Deutschland nicht einstellen. Ein Werkzeug steht da ohne Zweck. Ein Projekt, das ich vielleicht noch in Angriff nehmen werde ist eine Art "Guide to Budapest", ein Leitfaden wie man sich hier zurecht findet und was man unternehmen sollte. Ob es dazu kommt steht noch in den Sternen. Vielleicht am Wochenende, wenn Internet abgestellt ist und ich mich nicht anderweitig ablenke.


ENDE
(vorerst)

Donnerstag, 19. Juni 2008

Länderspiel # 2

Am Wochenende haben wir einen Roadtrip unternommen. Nur einen Tag lang, und ohne die gesamten Implikationen die das gängigerweise für pubertierende Nordamerikaner hat, aber immerhin waren wir in Ungarn mit dem Auto unterwegs. Genossin Fatima reist demnächst nach Prag zurück und hatte daher ihr Vehikel "am Start", wie man so schön sagt. Wir haben uns also Richtung Süden aufgemacht. Unser letztes Ziel war Pécs, aber unterwegs machten wir Zwischenstopp in einigen bemerkenswerten Orten entlang der Donau.

Unser erster Stopp war Paks. Dort gibt es eine katholische Kirche im besonderen Stil, vollkommen schwarz an der Außenseite und aus Holz gefertigt. Für mich eine überzeugende moderne Lösung, organisch im Gegensatz zu streng geometrisch, Holz im Gegensatz zu Stein, Mensch im Gegensatz zu Gott. Eine Art moderne Theologie die dabei zum Ausdruck gebracht wird.

Zweiter Halt war Szekszárd, wo wir auch zu Mittag aßen, eine wunderbar cremige kalte Obstsuppe, die ich als eine der wenigen Ungarischen Eigenkreationen und Spezialität zu akzeptieren bereit bin. Frische Früchte, sämige Konsistenz, das ist schon mal etwas. Die Stadt selbst war recht sehenswert, nett und niedrig, Kirchgänger strömten gerade aus der Messe (wir fuhren am Sonntag) und trugen zum Teil traditionelle Trachten. Wenig weiter fand sich ein spannendes Prometheus Denkmal mit Hunden, Wohnblock und Wiese. Sehr poetisch.

Dritte Station vor Pécs war das Schlachtfeld von Mohács, oder genauer gesagt die Gedenkstätte die dort errichtet wurde um dem Massaker an der ungarischen Seele zu gedenken. Mit diesem Tag im Jahre 1526 endete das Ungarische Königreich, und sollte nie wieder hergestellt werden. Die Ungarische Geschichte ist seit dem eine Geschichte von Revolutionen und Befreiungskämpfen. Als ich darüber noch einmal nachlies bin ich auf die Webseite: www.hungarian-history.hu gestoßen, die wirklich eine angenehmen Fülle von Informationen bietet. Wir hatten Glück an der Gedenkstätte, denn gerade wurde das Originalmaterial der Schlacht, also die Waffen und Rüstung, einer Gruppe Studenten vorgeführt. Die weiblichen Teilnehmer unserer Unternehmung durften dann auch auf einen armen Fuchs schießen, der auf ein Polster gemalt nicht entfleuchen konnte.

Zuletzt kamen wir in Pécs an. Das war für mich ein interessanter Kontrast, da ich ja schon im Januar dort war (hier im Blog verzeichnet). Im Sommerlicht war das ganze aber noch einmal eine sehr andere Erfahrung, besonders weil wir auch hier Glück hatten mit der Ereigniskultur: In der Fußgängerzone fand das berühmte Straßenrennen von Pécs statt und wir konnten seinen Ausgang verfolgen (genauer gesagt, das erste Rennen habe ich sogar mit der Kamera aufgenommen!). Zuletzt gondelten wir noch zum Pécser Dom, tranken Kaffee, und machten uns bald auf den Heimweg. In jedem Fall eine sehr schöne Tour. Ich habe dabei gemerkt, dass mein Verhältnis zu den ungarischen Distanzen relativ verzerrt ist. Von Budapest nach Pécs sind es nur etwa 200 km, aber da der Zug schon über drei Stunden dauert hätte ich es viel weiter eingeschätzt. So setzen sich deutsche Züge und Fahrpläne im Kopf fest.

Zur Feier des Tages habe ich mich endlich wieder an mein Fotoalbum gesetzt und einige Bilder hochgeladen, die sich hier bewundern lassen. Das Rennen gibt es dann hier (DivX kodiert).

Freitag, 13. Juni 2008

Länderspiel

Wie so viele andere auch habe ich gestern Fußball geschaut. Wie für viele andere Fußballfans in Deutschland war es vermutlich eine frustrierende Erfahrung. Die Deutsche Nationalmannschaft spielte deutlich schlechter als noch im Auftaktspiel gegen Polen, und man kann es nicht nur auf unglücklich Umstände schieben (das zweite Gegentor), dass Kroatien mit 2-1 gewonnen hat.

Was viele andere aber nicht gemacht haben ist, das Match im Österreichischen Fernsehen anzusehen. Bekanntlich gibt es Menschen im Internet, die keinen Fernseher haben, gerne Sport sehen wollen, und sich dann mit anderen Menschen austauschen, die die entsprechenden Daten ins Internet senden. Kurz: Ich habe den ORF per p2p empfangen.

Ein österreichischer Kommentator bei einem deutschen Spiel? Das war eine interessante Erfahrung. Für mich wirkte es über die meisten Strecken nörgelig. Immer gab es etwas, womit die Deutschen gar nicht zurecht kamen, immer wurde betont, wie sehr die Kroaten das Spiel im Griff hatten, selbstverständlich lief gar nichts bei den Deutschen zusammen, selbstverständlich seien die Kroaten sehr abgeklärt. Mir ist klar, dass ich das aus der Perspektive eines Deutschen höre, der einen Österreicher verfolgt. Aber seltsam ist es schon. Im Anschlussspiel von Österreich gegen Polen (wo ich leider nicht lang genug dabei war, um den Ausgleich noch zu erleben) das gegenteilige Bild. Die Nationalmannschaft wird in den Himmel gehoben, und für Montag das große Fußballendspiel gegen die Deutsche Nationalmanschafft projeziert, das Aufeinandertreffen zweier Giganten. Zweier Giganten? Was habe ich verpasst, das die österreichische Mannschaft in letzter Zeit vollbracht hätte? Für wie gefährlich halten sie sich?

Und nun in den Österreichischen Blättern, medienwirksam zitiert auf der Spiegel-Webseite:

Kronenzeitung: "Vastic gleicht in der 93. Minute aus, großes 'Finale' gegen Deutschland: Jetzt brauchen wir noch ein Cordoba! Vor dem Ende kam das Glück zurück! Der Traum lebt."

Standard: "Wien wird Cordoba. Und zwar: 'Schalala lala!'"

Cordoba. Immer wieder Cordoba. Wir wissen was in Cordoba passiert ist. Fußballzwerg Österreich gegen die übermächtigen Deutschen. Die Weltmeister von 1974 bei der WM '78 in Argentinien. Beide haben keine Chance mehr aufs Weiterkommen (Deutschland nur mit hohem Sieg). Deutschland spekuliert auf jenen. Österreich ist motiviert, kämpft, gewinnt 3:2.

Meine Magisterarbeit beschäftigt sich mit Narrativen. Das heißt mit bestimmten Weisen, Geschichten zu erzählen, die ungemein wirkungsmächtig werden können. Durch eine gewisse Konstruktion, durch eine bestimmte Art, Geschichte zu lesen, wird sie zu einem Symbol und zu etwas, worauf man sich in jedem passenden und unpassenden Moment beziehen kann. Dabei ist es nicht einmal wichtig was genau in Cordoba passiert ist. Wichtig ist, was Cordoba in dieser Kultur ist und dort bedeuten kann.

Insofern ist das ganze für mich sowohl Fanleid, als auch interessanter Anschauungsunterricht. Weiter gehts am Montag.

Dienstag, 10. Juni 2008

Tski

Schon wieder fast eine Woche seit dem letzten Eintrag, die Zeit kriecht wie eine Weinbergschnecke aus der Sonne und doch rennt sie. Heute im Supermarkt sah ich eine seltsame Aufschrift auf einer Banana. Ich entzifferte als ersten Wortteil: Elefant. Dann dachte ich: Kann ja nicht sein. Lese das ganze Wort: Elefant .......... Knochen .......... Strand.

Ich musste ein wenig schmunzeln.

Mittwoch, 4. Juni 2008

Overflow

Die Nächte in Budapest sind um diese Jahreszeit gerade noch erträglich. Eigentlich ist es schon über die Grenze, aber gestern hat ein Wärmegewitter die Gefahr unterdessen gebannt. Deswegen bin ich nun froh, die Tage größtenteils in der Bibliothek zu verbringen. Dort schreibe ich an meiner Abschlussarbeit, also an der Rohfassung, die inzwischen schon die Hälfte des verlangten Umfangs hat. Ich würde sagen, dass ich gut vorankomme. Dazu häufen sich nun die Abschiedsparties, -trünke, -reisen. Ein Effekt der sich langfristig wohl verlieren wird, so wie es schon im Dezember war, als die Halbjährlichen ihr Auf-Wiedersehen sagten.

Gestern abend war so eine Party in einem Keller namens "Melypont" (Tiefpunkt), wobei drei Geburtstag hatten und eine sich verabschiedete, eine Finnin namens MariaRita, mit der ich bis Weihnachten in einem Sprachkurs saß und die ich still aber intelligent in Erinnerung hatte.

Morgen ist endlich wieder Zeit zum Ninjutsu, was ich schon vermisst habe, und was mir dann noch innerhalb von drei Wochen Unterhaltung verschaffen wird. Viel mehr gibt es vom Status Quo eigentlich nicht zu berichten. Man schwitzt. Man liest. Man schreibt. Man trinkt Kaffee mit Zimt und Vanillesojamilch (Eigenkreation, erstaunlich gut).

Also noch ein paar Worte aus Norwegen, auch wenn sie in diesem Klima eher verblassen und vollständig ins Reich des Ungreifbaren hinübergleiten. Die schönste Tour, in meiner Erinnerung, machten wir etwa Mitte der ersten Woche. Wir waren nach Stavanger gefahren von Kristiansand aus, waren dort über die nahegelegene Insel gewandert und hatten einen Campingplatz gesucht. Zwischen Bäumen, an der Nordseeküste, am Rand eines Kinderfreizeitwildnisparks fanden wir schlussendlich was wir suchten - Ruhe, Meer, Panorama.

Wir waren am Nachmittag angekommen und hatten uns informiert, wo unsere Tour weiter gehen konnte. Auch hier in der Gegend war alles über 6-700 Metern noch voll von Schnee, der Frühling hatte lange auf sich warten lassen. Wir suchten nach Inhalt für etwa 3 1/2 Tage, aber leider bot die Umgebung nur zerstückelte Touren, die wir uns selbst zusammensetzen konnten. Wir erwarben also eine Karte des Lysefjordgebiets - ein Stück östlich von Stavanger begibt sich diese Wasserstraße landeinwärts, während an ihren Ufern sich das Gebirge immer höher hebt, bis endlich fast 1000 Meter.

Am Dienstag besuchten wir zunächst einen Wasserfall. Ein Schulbus brachte uns bis zum Parkplatz. Der ganze Tag hatte etwas cineastisches. Als das letzte Kind ausstieg, und sich der Bus in den Serpentinen zum Einstiegspunkt nahe dem Wasserfall aufmachte startete der Busfahrer Musik. Ein wenig elektronisch, melancholisch, gebrochene Vocals im Vordergrund, sanft untermalt. Goldene Sonne auf dem Hügel, während der Bus sich die Kurven emporschraubt.

Vom Parkplatz waren es noch einige hundert Meter purer Anstieg, mit Treppe und Sicherheitskette zum festhalten. Nicht für Rucksacktouristen, sondern für Tagesbesucher, einmal hoch, runter, Grill anschmeißen. Wir klettern hoch. Der Manafossen übererfüllt unsere Erwartungen. Mit Gewalt dringt er aus dem Fels in unser Gesichtsfeld, reklamiert es in seiner Plastizität und Entschlossenheit. Das untige Bild trägt dem Ganzen nur wenig Rechnung, da das Schmelzwasser dem Fall noch mehr Wucht und Volumen gab.


Nach unserem Abstieg mussten wir das Tal noch eine Strecke zurück verfolgen um den Einstieg zu unserer Wanderroute zu finden. Unsere Karte begann gerade nördlich des Tals und es war ein Zubringer eingezeichnet, der in drei Kilometern aus dem Tal zu unserem Kartenausschnitt führen sollte. Der Weg oben sollte nicht explizit, also mit roten "T"s und Punkten, markiert sein, sondern eben nur ein Pfad sein.

Unterwegs fragen wir einen blonden verschmutzten Bauern, der an einer riesigen Maschine arbeitet, wie weit es noch sei. Er spricht wenig Englisch, aber bietet uns sofort an, uns ins Tal zu fahren. Es sei noch weit. Wir sollten vorsichtig sein, oben sei vielleicht noch Schnee. Auf keinen Fall sollten wir auf das Eis treten, das sei gefährlich. Ja, wir versprechen es.

Er fährt uns also zum Einstieg, den wir so wahrscheinlich kaum gefunden hatten. Es ist früher Nachmittag, vor uns liegt der Überstieg vom einen Tal ins andere, also zunächst ein steiler Pfad aufwärts, eine kleine Hochebene, die uns noch etwas höher führt, und dann der lange Abstieg. Unser Weg hinauf ist wiederum in goldenes Kinolicht getauft. "Dann haben sie sich verabschiedet und sind in die Berge gegangen. Er war der letzte Mensch, der sie noch lebendig sah."

Wir gehen den steilen Pfad hinauf, er ist mit Steinen bedeckt, die wohl Erosion verhindert, Tritthilfe sind, wer weiß. Neben uns fällt ein Wasserfall in das Tal. Hin und wieder treffen wir Schafpforten. Dieser Weg ist nicht für uns da. Er ist für diejenigen da, die hier ihre Schafe hintreiben. Er ist für die da, die oben ihre Häuser haben. Wir sind in ein anderes Reich eingetreten, wir sind nicht mehr auf den geleiteten Wegen, wir sind - zu einem gewissen Grade - frei.

Dabei aber immer noch voller ungewisser Erwartung. Was wenn wir wieder auf ein Schneefeld treffen? Wenn es nicht weitergeht? Wenn wir an der Kuppe stehen, wiederum von Süden kommend, und im Norden, unter uns, nur weiße Weite sehen? Was dann tun? Umkehren? Noch einmal durchquälen?

Am ersten Tag stehen noch keine solchen Entscheidungen an. Wir vollenden den Aufstieg und geraten auf besagte Hochebene. Zwei Seen markieren das Territorium und liegen malerisch auf diesen 4-500 Metern. Mehrere Sommerhäuser, Dächer bedeckt mit Moos und Gras, sind hier gut angelegt. Wahrscheinlich noch nicht bewohnt, dafür ist es zu früh. Zwischen den Seen, Halbzeit, schlagen wir unser Zelt auf. Es ist ein wenig feucht zu Boden, aber wir finden einen guten Ort, nicht weit von einem lebendigen Bach, der sich zu den Seen herab stürzt. Malerisch hebt sich das grüne Zelt vom braun-roten Heidegras ab. Hier passt alles.

Am nächsten Tag beginnen wir nun also den Anstieg über die Hügelwellen, die uns zum höchsten Punkt führen. Wir sind immer noch leicht gespannt. Was wenn. Auf der letzten Kuppe, die wir nur auf Umwegen erreichen, da der Weg sich verliert, können wir schließlich auflachen. Ja, es gibt Schnee. Wir müssen insgesamt vielleicht 10-15 Meter durch ihn hindurch steigen. Sinken höchstens bis zum Knöchel ein. Das ist gezähmte Wildnis, nichts wovor man sich fürchten müsste. Und machen uns an den Abstieg, nach Espedal, erst das obere, dann das untere. Das obere ist eine Art Bergsiedlung, mit 6-7 Häusern und einer Art Dorfstraßenpfad zwischendrin, noch deutlich über dem Niveau des Tals.

Auf dem Weg finden wir einen Wasserfall, der sich unter der Brücke die wir überqueren zu einem Teich ergießt. Wir lassen uns nicht lange bitten und steigen herab zum Bade. Es ist saukalt, klar, aber dieses Gefühl der Reinlichkeit, des Kontrasts, ist erhebend. Dann steigen wir ins Tal.

Mittwoch, 28. Mai 2008

Die neuen Rechte

Die größte Neuigkeit zuerst: Sowohl Kat als auch ich sind wohlbehalten aus Norwegen wiedergekehrt und ich befinde mich inzwischen wieder in Budapest. Auf der Reise blieb ich verschont von größere Anfechtungen der Gesundheit betrifft (alle Knochen sind heil), aber auch von kleineren Details (kaum erkältet). Das macht das Gesamte schon einmal erfolgreich.

Die Tour dauerte vom 9. bis zum 23. Mai und begann in Oslo. Von dort wollten wir etwa eine Woche einen Wanderweg durch die Wildnis beschreiten, was aber an den Schneeverhältnissen scheiterte. Stattdessen verlotterten wir am Rande der Städte von Südnorwegen - Kristiansand, Stavanger, Bergen und am Schluss noch ein Tag Oslo. Die erste Woche waren wir mehr oder weniger in der Wildnis unterwegs, die zweite Woche erholten wir uns und gaben uns den städtischen Versuchungen hin.

Vor allen anderen Dingen - ich weiß nicht, ob ich einen kompletten Bericht dieser Reise anfertigen mag - unterschied sich Norwegen vom Gefühl her. Das macht sich an zwei Dingen fest: An Leuten und Rechten.

Die Norweger sind freundlich. Diese Ansicht mag sich in der Welt herumgesprochen haben, das sagt aber noch nichts darüber aus, wie freundlich sie in Wirklichkeit sind. Wenn man sie nach dem Weg fragt sind sie nicht beleidigt oder überlegen, ob es überhaupt in ihren Zuständigkeitsbereich gehört, dir jetzt diese Auskunft zu erteilen. Meistens kennen sie sich gut aus und helfen gerne, ansonsten verweisen sie an Mitmenschen die eher helfen können.

Zum Beispiel unser erster Wandertag. Da es Wochenende war konnten wir nicht die gesamte Strecke zu unserem Startpunkt per Bus zurücklegen. Wir fuhren also den halben Weg per Bahn und wollten zur Not die Strecke laufen. So stehen wir also am Bahnhof und schauen uns nach der richtigen Richtung um. Auftritt ein junger Mann, groß und blond, der uns fragt wohin wir denn wollten. - Amli, bzw. Dölemo, sagen wir. - Ah, da können wir euch mitnehmen, heute fährt ja kein Bus. Schon eingestiegen, die ersten 20 Kilometer hinter uns gebracht.

Dann am zweiten Tag. Wir sind ungeplant in ein Tal abgestiegen, wo kein Bus und kein gar nichts fährt. Wir fragen in einem Handarbeitsladen (wer weiß warum es genau solch einen Laden hier gibt) nach dem Weg in die nächste Stadt und nach einer Badestelle am wunderschönen See, wo wir uns gerade befinden. Eine ältere Dame, die nicht sonderlich viel Englisch spricht, sich aber verständlich machen kann mit dem Wort Norwegisch von Zeit zu Zeit. Sie wird uns zu einem Waldstück mit privatem Strand bringen. Vorher zeigt sie auf ein Haus und sagt, dort würden Deutsche wohnen, vielleicht wüssten sie jemanden, der in die Stadt fährt. Wir fragen also, ein wenig skeptisch. Der pater familias sieht sich verantwortlich: - Dann muss ich sie wohl nach Dölemo bringen. Später bringt er uns an einen Kreuzweg zwischen Arendal und Kristiansand, kurze Zeit später sammelt ein Pastor uns auf, der uns nach Kristiansand fährt, über das europäische Bildungsideal und Erinnerungskultur erzählt, uns noch die Stadt zeigt und einen hervorragenden Campingplatz weist.

In Kürze: Norweger fühlen sich verantwortlich. Und: Diese Haltung färbt ab. Je einsamer das Tal war, in dem wir jeweils nach einer Mitfahrgelegenheit suchten, desto freundlicher und hilfsbereiter die Menschen. Das bezieht sich nicht nur auf das Anhalterspiel, sondern auf jegliches Nach-dem-Weg-Fragen und sonstige alltägliche Interaktion. Am letzten Tag etwa. Wir haben mitten in Oslo einen Campingplatz gefunden, am Rande des Vigelandparks, den man, sollte man in Oslo weilen, unbedingt gesehen haben muss. Das Zelt steht noch, wir köcheln Tee und warmes Müsli zum Frühstück. Ein Herr wandert vorbei und kommentiert. Meine deutschen Nerven erwarten eine bestimmte Form von Kommentar. Vielleicht Paranoia. Ich erwarte einen dummen Spruch. Wenn Fremde in Deutschland mit dir Kontakt aufnehmen, und du gerade mit nicht-standardisiertem Benehmen beschäftigt bist, dann gibt es einen dummen Kommentar. Es kann gar nicht anders sein. So nicht der Norwegische Herr. Als wir Nichtverständnis signalisieren übersetzt er - Are you having breakfast? bon appetit!.

In dieser Gesellschaft haben wir nicht nur von Norwegern Gutes erfahren. Gleichzeitig konnte man den "attitude-transfer" gegenüber Deutschen, Polen, Niederländern und Ungarn beobachten. Nicht dass sie von sich aus misantrophisch gestimmt wären. Aber hier in diesem Klima werden alle ermuntert, auch mal ihrer freundlichen Seite Auslauf zu gewähren.

Wie kommt dieses Klima zustande? Ich möchte nur wieder ein Beispiel nennen, das mir so ungemein typisch erscheint. Wir kommen an ein norwegisches Wandergebiet. Dort steht eine Tafel, die grob die Routen der Region erläutert, gemeinsam mit einigen Vorschriften, wie man sich in der Wildnis zu verhalten hat. Unten auf der Seite befindet sich so ein Infokasten. Doch der Inhalt ist spektakulär. In diesem Kasten stehen keine Verbote, sondern meine Rechte. Hier steht, dass ich über das Gebiet gehen darf, dass ich Skifahren darf, dass ich Pilze und Blumen sammeln darf, dass ich zu einem gewissen Grade fischen darf, dass ich mein Zelt aufbauen darf. Dort stehen Rechte, die ich in dieser Wildnis in Anspruch nehmen kann. Wieder ist es vielleicht die Deutsche Seele, die dazu kommentiert "Das kann doch nicht sein". Aber doch, hier bekommt man noch gesagt, was man explizit darf, in welcher Form man die Natur erleben darf. Und das ist ein Signal, das ich sonst selten sehe und mir, wie gesagt, in deutschem Naturschutzwahn kaum vorstellen kann.

So fühlt sich also Norwegen an. Als Auszug. Als Einstieg.

Mittwoch, 7. Mai 2008

Auf der Reise

Morgen verlasse ich Budapest. Nicht auf Dauer, sondern "nur" für zwei Wochen Urlaub, aber trotzdem ist meine Zeit hier nun fast um. Unsere Wohnung ist bis Ende Juni gemietet, und da ich nicht damit rechne, länger als das hier zu sein, ist dies also auch der Endpunkt des Budapest Abenteuers. Sobald ich aus Norwegen wiederkomme werde ich vielleicht auf dieser Plattform ein wenig darüber reflektieren, ein gesamtes Fazit ziehen und nebenbei noch einige Tipps für Budapest-Besucher der Ewigkeit überantworten.

Heute war für mich mein Prüfungstag, in den zwei Seminaren die ich neben dem Selbststudium hier noch besucht habe - mein Ungarischkurs und ein Seminar auf Englisch zur Philosophie der Psychologie. Beides hatte ich mir schlimmer vorgestellt, aber letztlich war alles machbar und erfolgreich, insofern bin ich diese Prüfungen los. Über meinen Essay zu Berkeley habe ich noch nichts gehört, hoffe aber natürlich das beste.

Wie erwähnt geht es morgen dann nach Hamburg und von dort direkt weiter nach Norwegen. Dort werde ich meine neuen Spielzeuge, ein Zelt und Outdoorbekleidung, in einer angemessenen Umgebung ausprobieren. Ich bin in jedem Fall sehr gespannt, wie es wird und wie einfach oder schwer das Überleben in der Wildnis wird. Echte Wildnis ist es ja nicht, da der norwegische Wanderverein großflächig Wege markiert hat, an diese Wege Hütten platziert, und somit eine Alternative zum schutzlosen Zeltwandern zur Verfügung stellt. Die Temperaturen sollen angeblich so zwischen 10 und 15 Grad liegen, was natürlich traumhafte Bedingungen zu dieser Jahreszeit sind. Ich freue mich sehr drauf.