Freitag, 13. Juni 2008

Länderspiel

Wie so viele andere auch habe ich gestern Fußball geschaut. Wie für viele andere Fußballfans in Deutschland war es vermutlich eine frustrierende Erfahrung. Die Deutsche Nationalmannschaft spielte deutlich schlechter als noch im Auftaktspiel gegen Polen, und man kann es nicht nur auf unglücklich Umstände schieben (das zweite Gegentor), dass Kroatien mit 2-1 gewonnen hat.

Was viele andere aber nicht gemacht haben ist, das Match im Österreichischen Fernsehen anzusehen. Bekanntlich gibt es Menschen im Internet, die keinen Fernseher haben, gerne Sport sehen wollen, und sich dann mit anderen Menschen austauschen, die die entsprechenden Daten ins Internet senden. Kurz: Ich habe den ORF per p2p empfangen.

Ein österreichischer Kommentator bei einem deutschen Spiel? Das war eine interessante Erfahrung. Für mich wirkte es über die meisten Strecken nörgelig. Immer gab es etwas, womit die Deutschen gar nicht zurecht kamen, immer wurde betont, wie sehr die Kroaten das Spiel im Griff hatten, selbstverständlich lief gar nichts bei den Deutschen zusammen, selbstverständlich seien die Kroaten sehr abgeklärt. Mir ist klar, dass ich das aus der Perspektive eines Deutschen höre, der einen Österreicher verfolgt. Aber seltsam ist es schon. Im Anschlussspiel von Österreich gegen Polen (wo ich leider nicht lang genug dabei war, um den Ausgleich noch zu erleben) das gegenteilige Bild. Die Nationalmannschaft wird in den Himmel gehoben, und für Montag das große Fußballendspiel gegen die Deutsche Nationalmanschafft projeziert, das Aufeinandertreffen zweier Giganten. Zweier Giganten? Was habe ich verpasst, das die österreichische Mannschaft in letzter Zeit vollbracht hätte? Für wie gefährlich halten sie sich?

Und nun in den Österreichischen Blättern, medienwirksam zitiert auf der Spiegel-Webseite:

Kronenzeitung: "Vastic gleicht in der 93. Minute aus, großes 'Finale' gegen Deutschland: Jetzt brauchen wir noch ein Cordoba! Vor dem Ende kam das Glück zurück! Der Traum lebt."

Standard: "Wien wird Cordoba. Und zwar: 'Schalala lala!'"

Cordoba. Immer wieder Cordoba. Wir wissen was in Cordoba passiert ist. Fußballzwerg Österreich gegen die übermächtigen Deutschen. Die Weltmeister von 1974 bei der WM '78 in Argentinien. Beide haben keine Chance mehr aufs Weiterkommen (Deutschland nur mit hohem Sieg). Deutschland spekuliert auf jenen. Österreich ist motiviert, kämpft, gewinnt 3:2.

Meine Magisterarbeit beschäftigt sich mit Narrativen. Das heißt mit bestimmten Weisen, Geschichten zu erzählen, die ungemein wirkungsmächtig werden können. Durch eine gewisse Konstruktion, durch eine bestimmte Art, Geschichte zu lesen, wird sie zu einem Symbol und zu etwas, worauf man sich in jedem passenden und unpassenden Moment beziehen kann. Dabei ist es nicht einmal wichtig was genau in Cordoba passiert ist. Wichtig ist, was Cordoba in dieser Kultur ist und dort bedeuten kann.

Insofern ist das ganze für mich sowohl Fanleid, als auch interessanter Anschauungsunterricht. Weiter gehts am Montag.

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