Donnerstag, 14. Februar 2008

Konterfaktischer Konditionalblogeintrag

Wenn heute nicht der Vortrag über Hermetismus im 17. Jahrhundert ausgefallen wäre, dann würde ich wahrscheinlich nicht hier sitzen und Blog schreiben. Was aber nicht ganz stimmt, denn der Vortrag finge erst um 10 an, aber wahrscheinlich würde ich die Zeit anderweitig verplempern. Insofern basiert die Existenz dieses Eintrags auf einem Nichteingetreten sein eines anderen Ereignisses, beziehungsweise, wäre dieses Ereignis wie geplant eingetreten, wäre nun etwas anderes der Fall, als es nun ist.

Es liegt wieder eine angenehme Woche hinter mir, die ich fast ausschließlich in Budapest verbracht habe. Ein paar Sachen sind dabei inzwischen vertrauter, das Ninjutsu Training, mein Montagskurs an der CEU, Budapest das sich langsam auf den Frühling einstimmt (aber nur ganz langsam).

Neu war unter anderem ein Ausflug nach Visegrad. Visegrad liegt am Donauknie, zwischen Szentendre, worüber ich in meinem letzten Eintrag ein paar Andeutungen gemacht habe, und Esztergom, wo wir in grauer Vorzeit einmal einen Ausflug hin unternommen haben. Alle diese Orte haben es gemeinsam, dass sie sehr prominent am Wasser gebaut sind. Szentendre hat seine eigene Insel, die sich über Kilometer in der Mitte der Donau befindet und sie damit in Szentendrische und reguläre Donau spaltet, Visegrad und Esztergom haben zwar keine Insel, dafür aber Bauwerke, die eindrucksvoll über den Flusslauf blicken. In Esztergom steht dann über der majestätischen Basilika, an deren Kopfstück "Caput, mater et magister ecclesiarum hungariae" geschrieben steht. Diese Hochwürden hat sie aber auch verdient.

Nach Visegrad kamen wir, von Leányfalu aus quer durch den Wald und die Visegrader Hügel. Diese Wanderung machte in etwa 20 Kilometer aus, also waren wir zu viert etwa vier Stunden unterwegs mit einigen Verweilmomenten an schönen Ausblicken über das Flachland und einigen Beschwerdemomenten über die Wegverhältnisse. Die schlimmsten Strecken waren die Wege die für Fahrradfahrer ausgezeichnet waren. Meistens handelte es sich um zwei Traktorspuren, tief in den Waldboden eingegraben, die aufgrund der Regenfälle, die sich natürlich in diesen Spuren sammeln, zutiefst vermatscht waren. Warum dies so sein musste, dafür habe ich eine Theorie.

An einem unserer ersten Aussichtspunkte radelte mit den letzten Zügen, mit dem Stolz eines selbstbewussten Siegers, ein Mountainbiker herbei. Das sah schon eindrucksvoll aus, seine professionelle Kluft, der Dreck, von dem sein Outfit starrte. Er radelte zunächst an uns vorbei, auf die offene Wiese, direkt vor dem Aussichtspunkt, quasi mitten ins Blickfeld. Dort ließ er sein Rad zu Boden, schnaufte einmal tief durch, streckte sich und blickte in den Horizont. Nun frage ich mich: Wie eindrucksvoll wäre dieser Auftritt gewesen, hätte unser lieber "Biker" nicht die Schmutzspuren aufweisen können, die Garantie dafür, dass er harte Straßen mit übermenschlicher Kraft gerade so gemeistert hat? Hätte er dann ebenfalls ins Blickfeld stolzieren können, mit der Garantie, alle Blicke auf sich zu ziehen? Ich denke nicht. Die schmutzigen Straßen sind unbedingte Voraussetzung für Selbstdarstellungen dieser Art. Deswegen sind sie in solch schlechtem Zustand, was Fußgänger kaum erfreuen wird.

Der Endpunkt in Visegrad kompensierte aber für diese Strapazen. Wir hatten einen wunderbaren Blick über die Donau, der auch fotographisch festgehalten wurde. Danke an dieser Stelle an Magda fürs Einfangen (die neue; tatsäc
hlich ist eine zweite Magda nach Budapest gekommen, die ebenfalls Medizin studiert, aus Polen kommt, und Magda heißt. Zufälle gibt es ...). In Visegrad haben wir auch in einem Renaissance-Restaurant gegessen, mit "men in tights and silly hats", aber es wäre zu lang daraus noch eine Geschichte zu stricken.


Mittwoch, 6. Februar 2008

Meditationen

Eine Weile bin ich nun wieder in Budapest, eine sehr entspannte Weile seitdem ich meine Prüfung und die Vorbereitung letzte Woche erfolgreich hinter mir habe, jegliche zeremonielle Gebräuche des Abschieds über mich hinweggewaschen sind. Ich habe die Zeit genutzt zum Ausflug nach Szentendre, ein Künstlerdorf an der Donau, eine halbe Stunde S-Bahn entfernt von Budapest. Dort herrscht angeblich ein ganz besonderes Licht, in dem Kunstwerke wie von selbst entstehen und wo daher die allerbesten Bedingungen für kreative Künstlerkommunen herrschen. So geschehen in Ungarn in den 20er Jahren. Dass die entsprechende Gruppe sich bald in ihre Bestandteile auflöste tat dem Ruhm keinen Abbruch, und auch jetzt noch hat das Städtchen einen ganz besonderen Ruf.

Gleichzeitig interessant ist der serbische Einfluss hier. Als die Türkenherrschaft ihr Ende fand und das serbische Gebiet befreit wurde gelangten Flüchtlinge nach Szentendre, siedelten dort und prägten das Stadtbild. Viele der Aufschriften sind auch in kyrillisch vorhanden, (auf Deutsch interessanterweise auch), es gibt eine serbisch-orthodoxe Kirche und ein Museum für die serbisch-orthodoxe Kirchenkultur. Was die Sonneneinstrahlung angeht, der Tag war tatsächlich sehr schön, ob dem auch so war in Budapest ist natürlich offen. Gereist bin ich mit meinem spanisch-baskischen Mitbewohner Xabi, der zwar schonmal da war, aber als Architekt zu der Künstlerkommune nicht nein sagen konnte. (Xabi hat auch die Angewohnheit, seine Kreativität in unserer Küche auszulassen, die inzwischen ein Netz aus Schnüren beherbergt, an denen etwa raumteilende Laken gespannt sind (parallel zum Fußboden) oder Lampen hängen. Wer mich besuchen wird, wird dann wissen, wovon ich spreche).

In Szentendre haben wir noch zwei Museen besucht, die Sammlungen von Margit Kovács und Béla Czóbel, beide sind sehr zu empfehlen, Kovács hat interessante, unterhaltsame Skulpturen geschaffen, ein wenig comichaft manchmal, immer in Bewegung. Czóbel fing relativ expressionistisch an und verschwimmt im Laufe seines Oeuvres mehr und mehr, war aber auch spannend zu sehen.

In dieser Woche werde ich noch meinen Stundenplan fürs nächste Semester finalisieren, ich hoffe es wird auch ein wenig Musikwissenschaft geben. Einen Proberaum fürs Klavierspielen finde ich höchstwahrscheinlich auch, nur weiß ich noch nicht, wieviel mich das kosten könnte. Aber ich freue mich definitiv darauf, wieder regelmäßig mit einem Tasteninstrument Kontakt zu haben, auch wenn ich täglich Gitarre spiele (üben kann man es mangels Anleitung nicht nennen) und das sehr genieße. Soviel erstmal, vieles ist im Moment stillständig oder in der Entwicklung. Bald passiert mehr.

Freitag, 1. Februar 2008

Reiseberichte - Abschluss

Die Serie wird beendet, auch wenn sie über eine Woche unterbrochen wurde. In einem Anfall von Geschäftigkeit habe ich mich in die Bibliothek verkrochen und für eine mündliche Prüfung gelernt, die gestern nun stattfand und die ich erfolgreich absolviert habe. Trotzdem möchte ich noch ein paar Worte über Zagreb verlieren.

Der erste Schock, direkt vor dem Bahnhof: Die Leute halten an Zebrastreifen. Wer sein Leben in Deutschland verbracht hat mag davon nicht so geschockt sein, aber dem sei gesagt: Weder in Italien, noch in Ungarn, noch in Polen, noch ... tun sie es. Und nun auf einmal in Kroatien, scheinbar liegt das wahre Erbe der k.u.k. Monarchie, was diese Höflichkeitsform angeht, im kroatischen Raum. Das lustige in Ungarn ist hingegen, dass dort wo kein Zebrastreifen, an Kreuzungen, die Autofahrer immer sehr nett und zuvorkommend sind, während sie sich wahrscheinlich am Zebrastreifen denken, dass ein Akt der Freundlichkeit, der aus Zwang geschieht, kein echter Akt der Freundlichkeit ist und deswegen direkt durchfahren, da es ja moralisch nichts zu gewinnen gibt. Oder so ähnlich.

Wie dem auch sei, wir tourten einige Hostels ab, die uns in Zagreb empfohlen worden waren. Dabei stellte sich recht bald heraus, dass Januar nicht als touristische Hauptsaison betrachtet wird und daher zwei von zwei Hostels, die wir uns nahe des Bahnhofs markiert hatten, geschlossen waren. Wir zogen also weiter zur allgemeinen Touristeninformation, die sich gleich am Hauptplatz befand. Dort der nächste Schock: Die Leute sprechen perfektes Englisch und wenn man sie nach einer Unterkunft fragt telefonieren sie sogar um zu überprüfen, ob es dort noch freie Betten gibt. Das mag wiederum dem verwöhnten Deutschen als ein Standard erscheinen, in Ungarn gibt es das auf jeden Fall nicht. Dementsprechend tauschten wir uns konspirativ über unsere neu gewonnene Liebe für die Kroaten aus.

Unser Hostel der Wahl hieß nun also "Carpe Diem" und befand sich ein wenig hügelaufwärts nach Norden. Das Personal war wiederum recht freundlich, das Hostel bestand aus drei Zimmern mit jeweils drei Ikeadoppelbetten. An den Wänden fanden sich Höhlenschriften von dagewesenen Backpackern, allerdings höchstens zwei Jahre alt. Dort mit Instruktionen für das Abendprogramm versehen wandten wir uns Zagreb zu.

Hier mache ich einen Sprung, da die Reise nicht mehr so frisch in meinem Kopf ist, und möchte nur generell sagen, dass Zagreb eine sehr faszinierende, lohnende Stadt ist. Das Leben findet viel auf der Straße statt, um sieben Uhr abends war der Hauptplatz voll von Leuten, und das im Januar - im Sommer passiert hier dann, mehr oder weniger, alles. Dass die Stadt am Hügel erbaut ist hat bestimmte Vorteile, von fast überall kann man den eindrucksvollen Dom erblicken. Inmitten der Altstadt findet man dann noch eine besondere Kirche, die direkt vor dem kroatischen Parlament steht, und wo die Wappen Kroatiens und Zagrebs in das Dach eingelassen sind. Direkt nebenan haben wir auch eine sehr gut gemachte Chagallausstellung gefunden, auch wenn ich langfristig ein wenig genervt von seiner Übermotivisierung war. Nebenan gab es noch das Museum für "naive Kunst", was ich nicht derartig empfehlen kann, es war irgendwie lustig, aber dann doch mehr naiv als künstlerisch.

Von der Altstadt aus kann man eine Seilbahn ins Tal herab nehmen, da sie gute 40 Meter über den neueren Bereichen steht. Von dem Punkt wo die Seilbahn oben abfährt hat man eine grandiose Aussicht über die Stadt, wo wir auch am zweiten Tag einen der beeindruckendsten Sonnenuntergänge erleben durften, den ich in meinem Leben gesehen habe. Ich hänge ein Bild an, um die Aussage zu untermauern. Zagreb, kurz gefasst, lohnt sich. Sicherlich für 3-4 Tage, wenn nicht länger. Die Menschen sind freundlich, es gibt ausreichend Hostels, es ist viel los und die Stadt ist schön.

Zuletzt noch eine Anekdote von der Rückfahrt: Bei der Passkontrolle gab es Probleme mit Kingas Reisepass. Dazu muss gesagt werden, dass es in Polen scheinbar möglich ist, mit dem gleichen Bild jahrelang weiterzureisen, und man kann es den Grenzkontrolleuren nicht verdenken, dass sie das fast 10 Jahre alte Bild nicht sofort mit der heutigen Person in Verbindung brachten. Was folgte war ein kleiner Test, ob sie auch wirklich polnische Staatsbürgerin sei. In Polnisch gab es diverse Anweisungen auf einem Zettel, so komplex wie: "Schreibe deinen Vor- und Nachnahmen" oder "male eine Leiter und ein Dreieck" oder zuletzt, wo eine Zahlenreihe stand "Umkreise die 12 und die 65". So macht Staatsbürgerschaft Spaß. Kinga bestand den Test, soweit ich weiß, und wir durften zuende reisen.