Seit Sonntag Abend bin ich wieder in Budapest. Heute habe ich beim Training meine ersten Schläge abbekommen, nachdem wohl der Anfängerbonus nicht mehr zählte, fühle mich aber gleich viel involvierter. Darüber wie es mir beim Ninjutsu ergeht werde ich wohl ein andernmal schreiben, aber es ist für mich sehr bereichernd wieder etwas kampfkunstartiges zu praktizieren, nachdem ich in den letzten Monaten meist dem Hasensport nachgegangen bin. Am Sonntag bin ich also zurückgekehrt aus Pécs und Zagreb. Die Tour begann am Mittwoch und wurde am Freitag ungeplant unterbrochen, wir fuhren nach Budapest zurück, verbrachten eine Nacht dort und kamen dann am Freitag Mittag endlich in Zagreb an. Zu den Gründen später.
Die Reise habe ich mit Georg und Kinga unternommen, mit dem Urpaar unserer Erasmus Sprachkursgruppe, die sich schon in der zweiten Woche gefunden haben. Sie haben mit der Tragik zu tun, dass Kinga demnächst wieder nach Warschau zurückgeht während Georg noch mindestens bis Mai hier in Budapest bleibt. Für sie war es also eine Art Abschiedsreise, für mich eine Beschäftigung, da ich hier in Budapest erst einmal wenig zu tun hatte. Montags gehe ich zwar immer noch zur CEU, aber danach ist erstmal Freiraum angesagt. Den nutze ich so gut es geht für Sport, Sprachlernen und die Gegend anschauen, aber die Einladung zur Rundfahrt kam mir doch durchaus gelegen. Nachdem Szeged ein wenig unaufregend war, war ich gegenüber den südungarischen Städten schon ein wenig skeptisch. Pécs konnte meine Vorurteile aber relativ überzeugend zerstreuen.
In Pécs angekommen, was von Budapest aus nominell drei Stunden dauert (nominell, da in diesem Land Verspätungen noch deutlich regelmäßiger vorkommen als bei unserer DB und weil es auch eigentlich keine Informationen darüber gibt, wie pünktlich man unterwegs ist oder eben nicht), mussten wir nicht lange nach dem Hotel suchen: Direkt neben den Bahngleisen fand sich ein unförmiger Block, wohl aus sozialistischen Zeiten, das billigste Hotel der Stadt mit etwa 3000 Forint pro Kopf (inklusive Kurtaxe, oder wie sie das hier bezeichnen). Trotz des anfänglichen Schocks arrangierten wir uns schnell, da wir ja insgesamt auch nur zwei Nächte hier bleiben wollten. Wir mieteten uns also im billigstmöglichen Zimmer ein, Blick auf die Bahngleise, nur mit Waschbecken, im siebten Stock und mit betagter Garnitur. Sicher, wir hätten uns auch ein Appartement mit fließendem Wasserklo und Blick auf den Hügel leisten können, aber dann wäre uns natürlich ein wichtiger Teil der Erfahrung entgangen. Am Bahnhofskiosk bestelle ich noch souverän eine Landkarte der Stadt (samt richtiger Verwendung des ungarischen Possessiv, es ist schwer zu sagen, ob ich wirklich eine Karte wollte oder meine Sprachkenntnisse ausprobieren). Es ist etwa Mittag, wir sind morgens um 7.30 aufgebrochen. Gleichzeitig leben wir mit einer Unsicherheit: Kinga, polnische Staatsbürgerin, hat nur ihren Personalausweis mit (eine Chipkarte, in Polen), während wir Deutschen zuversichtlich mit der Zusicherung des auswärtigen Amtes reisen, dass wir mit Perso nach Kroatien reinkommen. A long story short, es stellt sich heraus, dass Kinga für ihren Reisepass noch einmal nach Budapest muss. Da wir aber am Ende des zweiten Tages schon mit Szeged abgeschlossen haben entschließen wir uns, als Vorgriff quasi eingeschoben, dazu gemeinsam nach Budapest zurückzureisen. Wie es so oft mit Studenten geht tauschen wir unsere Zeit gegen einen höheren Geldaufwand, denn natürlich ist ein Bahnticket günstiger, als noch eine Nacht in Pécs zu verbringen, und so angetan waren wir auch nicht. Falls jemanden die Details interessieren: Für Studenten kostet eine Bahnfahrt von 3 Stunden mit etwa IC-Komfort umgerechnet 6 Euro 50, mit Reservierung 8. Eine Übernachtung in unserem Rundumwohlfühlhotel hingegen 12.
Aber zurück zum Stadtrundgang: Pécs hat als Hauptattraktion eine Kathedrale, wo wir uns auch über kurz und lang hinbegeben. Unterwegs genießen wir das entspannte Stadtbild, die Konfrontation von Alt und Neu, die für die Stadt typisch sein soll, und den Reiz, den eine Stadt ausstrahlt, wenn sie am Hügel gebaut ist, mit langen Blicken über das Panorama, steilen Gässchen und nur niedrig aufragenden Häusern. Neben Budapest werden viele Sprachkurse auch für Pécs angeboten, wir kontemplieren also, was wohl anders gelaufen wäre, wären wir in diesem hübschen, beschaulichen Städtchen gelandet. Sicher entspannter, sicher weniger exzessiv, sicher ein Schock dann nach Budapest zu reisen. Nunja.
Wir sehen uns also die Kathedrale an, Georg handelt noch einen Weingutschein für die bischofsstifteigene Winzerei aus, wo wir in einem mit riesigen Fässern gefüllten Keller einen Weißwein kredenzt bekommen. Skandalöserweise hatte der Zuständige für die Eintrittstickets in der Kathedrale uns diese nicht sofort übergeben, aber da es im Reiseführer stand, und ein Reiseführer ist eine Autorität, erhalten wir unser Recht. Der Kathedralenzuständige, übrigens, spricht ein sehr gutes Deutsch, hat irgendwann in einer Deutschen Institution gearbeitet und leitet uns freundlich durch die Kathedrale. Er empfiehlt uns auch ein Restaurant, wo wir nachher den Tag beschließen wollen, auf dem Tettye-Berg, einer der Berge die nördlich von Pécs aufsteigen. Über kurz und lang machen wir uns also auf den Weg dahin und genießen das – etwas vom Blick überteuerte – Abendessen. Immerhin erhalte ich das Hirschragout von dem ich schon den ganzen Tag geträumt habe, „Bambi's father”, wie es in Pidgin-Erasmus-Englisch heisst, venison, wenn man endlich das richtige Wort aus der rosettasteinigen Speisekarte erlesen hat. Auf dem Rückweg scheitern wir daran, das für Pécs typische Bier zu finden, das es angeblich nur in einem einzigen Restaurant gibt, wovon der Kellner nichts weiß, und wo Wikipedia offensichtlich gelogen hat. Wir scheitern allerdings nicht am Bier trinken und Palinka probieren.
Über den Folgetag schreibe ich morgen etwas. Er beginnt aber sehr hoffnungsvoll mit Palacsintafrühstück und Kaffee.
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