Sonntag, 18. November 2007

Schneeregen

Es ist Sonntag. Es regnet. Ich sitze im Haus. Ich liebe meine Mitbewohner, ich liebe sie wirklich, doch dass sie mir bei ihrem Aufbruch nach Debrecen und Wien keinen Krumen Brot im Haus gelassen haben, darüber könnte ich mich doch ein wenig echauffieren, besonders das Roggenbrot, das ich Freitag noch hoffnungsvoll zurückgelassen habe, liegt mir jetzt [nicht] schwer im Magen. Daran, dass ich diese Entwicklung nicht verfolgen konnte ist unschwer zu entnehmen, dass ich auch auf Reisen war. Ich habe ein mehr oder weniger aufregendes Wochenende in Szeged verbracht, nur für mein Ungarisch war es definitiv gut. Der Reihe nach.

Nach meiner exzessiven Reise nach Deutschland war dies die erste "reguläre" Woche, mit dem echten Budapest-Gefühl und ohne die Verwirrung die direkt nach Wiederankunft über mich gekommen war. Eine typische Woche in Budapest sieht für mich ungefähr so aus:

1. Montag bis Donnerstag Morgen fleißig sein.
Das schließt reguläre Arbeit in der Bibliothek ein, wo ich entweder Texte in Vorbereitung auf meine Donnerstagsveranstaltung lese, die an leseintensivsten ist, oder eben meinen griechischen Text weiter übersetze. Inzwischen geht das schon wieder ganz gut, mir kommt das Gefühl für die Sprache zurück und der Text den wir vor uns liegen haben ist nicht allzu kompliziert, sehr hellenistisch-einfach geschrieben, sehr geradeaus gedacht. Wir graben in diesem Text an den Wurzeln des mittelalterlichen Platonverständnisses, wie aus den - mehr oder weniger eindeutig geschriebenen - Dialogen Lehrmeinungen wurden, und platonische Doktrinen. Für das Seminar am Donnerstag lese ich, wie bereits irgendwann erwähnt, ideengeschichtliche Texte, die alle etwas damit zu tun haben, wie sich das Phänomen "Neuzeit" ausbuchstabieren, erklären und auch zu einem gewissen Grade rechtfertigen lässt. Ich fühle mich dort immer noch sehr wohl und habe in der letzten Woche viel Respekt für Spinoza gewonnen, werde also wahrscheinlich mein Latein ausgraben und ein wenig in Originaltexten stöbern.
Es überrascht mich ehrlich, dass ich es in Budapest deutlich besser schaffe mir Arbeiten fest vorzunehmen, zeitgerecht auszuführen, auch mal ein wenig extra zu tun. Wer weiß, in Berlin war ich besser eingerichtet im Alltag, fauler und hatte mehr Reisezeiten - hier ist das ganze wie eine zwanglose Muße, mit neuen Entdeckungen in jeder Woche. Distanzen spielen hier auch eine Rolle: Wenn man den Eindruck hat, in 15 Minuten in der Bibliothek sein zu können, und dann mit der Arbeit anfangen zu können ist das wesentlich motivierender als sich durch den Berliner Großstadtdschungel zu quälen. Das einzige was ich hier vermisse ist die Musikwissenschaft, wo ich leider noch keine Kurse besuche, aber hoffentlich im nächsten Semester.

2. Ab Mittwoch Abend: Konzerten frönen
Und wieder waren es kulturelle Faktoren die mich zur nationalen Konzerthalle lockten. Dass ich in einem jüngst ausgefüllten Fragebogen noch nachdenken musste, was mein Lieblingsgebäude in Budapest ist, das stimmt mich jetzt eher verwundert: Die nationale Konzerthalle ist ein wunderbarer Neubau, meist in einem verlockenden blauen oder lilanem Licht angestrahlt, birgt das Nationale Festivaltheater und die nationale Konzerthalle, und könnte mir gerne zum zweiten Wohnort werden, wenn es nach mir ginge. Diese Woche war polnisches Intermezzo angesetzt, zwei Konzerte in denen namhafte polnische Jazzmusiker mit amerikanischen Koryphäen zusammenspielten. Dabei kam es zum zweiten Wiedersehen, das mich an den Herbst 2004 erinnerte: In einem früheren Eintrag hatte ich erwähnt, dass der Bandleader einer der ersten Jazzgruppen die ich in Budapest gehört habe auch das BJJO bei meinem Praktikum dort geleitet hatte. In dem Konzert spielte nun der Dirigent des LJO (Luckman Jazz Orchestra), des zweiten Orchesters das damals an dem Projekt teilgenommen hatte - hier allerdings auf der Flöte zu hören. Das Konzert war sehr spirituell gehalten - die Musiker variierten über alte Kirchengesänge, ingesamt drei verschiedene Variationen von "Salva Regina" waren zu hören. Eine wundervoll meditative Musik, in der sich die Darsteller zum großen Teil altruistisch dem Klang unterordneten und damit einen wunderbaren Effekt erzielten - zugegeben, die Bühnenbeleuchtung im Hintergrund roch ein wenig nach Kitsch, die Ansagen waren schon fast ultra-christlich, aber insgesamt hatte alles noch ausreichend Stil und war nicht zu "gagyi (Schreibweise?)", was auf ungarisch soviel wie "silly", "albern", "übertrieben und peinlich" heißt (Aussprache: godji). Das Konzert am Donnerstag war dagegen etwas enttäuschend - so gute Musiker, und so schlechter Sound. Beginn: Solovioline, hübsche Melodie, aber total übersteuert und zu laut. So kann man gute Musiker verschwenden ...

3. Ab Donnerstag: Ausweg aus der Stadt suchen
Wochenends versuche ich meistens ein wenig unterwegs zu sein. Nicht dass Budapest ganz fürchterlich wäre, aber hier im Land gibt es noch sehr viel zu sehen und Budapest wartet ja auch geduldig auf die Besucher, denen und mir ich dann die Stadt zeigen kann, wenn sie da sind. Also zieht es mich in die Randgebiete. Was demnächst noch aussteht ist etwa Szentendre, eine der sehr alten Städte an der Donau, wo es ein wunderbares Marzipanmuseum geben soll - so etwas die Madame Tussauds in London, nur halt mit Figuren aus Marzipan. Früher oder später muss ich auch noch unbedingt nach Transylvanien (was ja schon länger Rumänien ist), von dort hat mir Magda, meine Mitbewohnerin, wunderschöne Bilder gezeigt. Wahrscheinlich ist es Januar oder Februar so weit, dann habe ich nämlich 1 1/2 Monate frei, vielleicht nur versetzt mit ein paar Prüfungen oder Hausarbeiten. Dieses Wochenende war ich in Szeged, was nicht sonderlich spektakulär war (wie oben angedeutet). Der Cognac war gut, habe viel Sprachpraxis bekommen, diverse Zerfallsprodukte angemerkt, Tom Hanks auf Ungarisch in Cast-Away gesehen, aber das wars dann auch schon.

4. Zwischendurch: Wundern wo die Zeit geblieben ist
Inzwischen bin ich seit drei Monaten in Ungarn. Was als Zeitraum nicht nach viel klingt ist in Hinsicht der Gewöhnung und Einstellung auf diesen Ort eine Zeitreise. Wenn ich an einigen Orten vorbeigehe erinnere ich die ersten Tage - als der Aktionsradius noch so klein war, als ich mich an einigen bekannten Orten lang gehangelt habe, keinen Überblick hatte, ein wenig Angst, mich zu verlieren. Immer neue Ecken entdeckt habe, oder vielmehr auch die alten Ecken wiederentdeckt, durch das Philosophieinstitut geirrt und kaum ein Wort Ungarisch verstanden - das ist jetzt alles vorbei, inzwischen gehe ich mit der Stadt ähnlich souverän um wie mit Berlin, aber irgendwie kommt es mir schade vor, dass dieses Adrenalin, diese erste Welle der Aufregung verflossen ist und langsam vom Alltäglichen überlappt wird.

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