Samstag, 10. November 2007

Beschallung

Es ist jetzt erst eine Woche seit ich wieder in Budapest bin aber die Tage fühlen sich deutlich voller an als vorher - vielleicht aber auch nur verglichen mit der entspannten Traumwelt die in Deutschland war. Auf jeden Fall habe ich die Angewohnheit mitgenommen, den Tag ein wenig mehr zu nutzen und freue mich darüber sehr.

Die anfänglichen Schwierigkeiten, wieder in die Sprache hineinzukommen, haben sich inzwischen gelegt und ich spreche wieder relativ verständliches Ungarisch. Eine Sache, die mir vorher nicht so deutlich bewusst war und es langsam wird ist, dass man im Ungarischen einfach sehr präzise sprechen muss. Da die Endungen die Bedeutung des Worts entscheidend beeinflussen darf man nicht, wie im Deutschen, in der Mitte des Worts seine Sprechwerkzeuge entspannen und den Rest des Worts als einen lapprigen Rest herausfallen lassen sondern muss auch am Ende deutlich artikulieren um die feinen Unterschiede in der Bedeutung herauszuarbeiten. Als Übung bin ich inzwischen dazu übergegangen, ungarisches Radio zu hören, mr3 Bartók, ein standesgemäßer Sender mit schöner Musik und hübsch gesprochenen Sprachbeiträgen.

Gestern habe ich zum zweiten Mal das Franz Liszt Kammerorchester gehört, das in der nationalen Konzerthalle spielte. Nach einer kleinen Periode der Unbehaglichkeit, als sich meine Mitkonzertgänger etwas verspäteten, und ich die kostbaren Tickets schon die Donau hinabtreiben sah, war das ganze aber kein großes Problem und wir erwarben drei Tickets zum Semmelpreis (200 HUF = 0,80 Euro). Diesen Erfolg zu feiern hatten wir leider keine Zeit, da das Konzert schon in den Startlöchern stand. Heute auf dem Programm: Beethovens Ouverture zu den Geschöpfen des Prometheus, das Klavierkonzert G-Dur und nach der Pause Schuberts großes Quintett C-Dur.

Die Ouverture war ... nunja, Beethoven. Ein paar einleitende Akkorde, ein schneller Streicherlauf, ein wenig Aufregung, klein bisschen Spannungsaufbau in der Koda, vorbei. Aber auch nicht wirklich aufregend. Spannender war das zweite Stück, das - nebenbei gesagt - bisher auch immer mein Lieblingsklavierkonzert von Beethoven war. Das fünfte ist mir ein wenig zu - sperrig -, zu sehr von diesem heroisch-militaristischen Ton geprägt. Das vierte ist intimer, bescheidener und für mich daher auch zugänglicher. Das heißt aber nicht, dass man es zu lax angehen sollte - was leider bei diesem Orchester am Anfang passierte. Der Pianist, Ránki Dezsö, hatte anfangs einige rhythmische Probleme und wirkte etwas unsouverän, aber langfristig war es dann gut. Dass er in der Kadenz ungefähr 1 1/2 mal so schnell spielte spricht auf jeden Fall dafür, dass auch ihm das Tempo zu entspannt war.

Zu einem gewissen Grade war die Musik selbst eine Nebensache, denn es gab viele andere Dinge zu beobachten. Die Studentenplätze befinden sich in der Konzerthalle im dritten Stock, also etwa zehn Meter über dem Parkett, in luftiger Höhe. Man blickt in die Schallsegel, die wahrscheinlich sehr vorteilhaft wirken. Man hört im Stehen, gelehnt an das Geländer, an einen der flexiblen Dekorationspfeiler. Zwischendurch kommen immer wieder Nachzügler hinein, ein frischer Windstoß verwirrt dann jedesmal. Einmal ist es soweit: Das Programm das ich lose nahe dem Abgrund platziert habe hat genug von seinem flatterhaften Leben, nimmt den Wind zum Anlass und springt ab. Mitten in den spielerisch-turbulenten Schlusssatz des Konzerts flattert ein sich nur mühsam entfaltendes Blatt in den Gang nahe dem Parkett. Das Ganze dauert vielleicht fünf, sechs Sekunden, aber ist ein Moment der zwanglosen Freiheit, die ein seltsamer Zufall, ein nun eingetroffenes, irgendwie schönes, unabwendbares und nun nur noch zu beobachtendes Ereignis, hat. Wie das erhabene Naturschauspiel, dem wir nicht unterworfen sein wollten, es aber mit Ehrfurcht und Interesse verfolgen.

Danach dann das nächste Schauspiel. Wie unter dem Stichwort "Klatschzwang" verhandelt wundern mich manche Sitten in ungarischen Konzerthäusern, obwohl das Rhythmisieren des Geklatsches im Konzerthaus nicht ganz so deutlich ist wie anderswo. Heute fand ich aber eine zweite Sitte, die ich weit mehr mag. Als Musikwissenschaftler kennt man die Berichte, in Chroniken, Biographien, Aufzeichnungen aus früher Zeit: Berichte über ein frenetisches Publikum, das die Vorführenden mit enthusiastischem Applaus dazu bewegt, Teile des Werks zu wiederholen. Egal wie umfangreich der Zuspruch, in Deutschland habe ich das noch nie erlebt. Vielleicht arbeiten alle Orchester nach Tarif im Minutentakt, vielleicht ist es unter ihrer Würde, vielleicht muss sich das Konzert den billigen Unterhaltungsmedien, die Wiederholungen bis zum Grenzwert ausschlachten, widersetzen. In Ungarn hat man diese Ängste nicht. Und so wurde zum Ende des Klavierkonzerts tatsächlich der gesamte dritte Satz wiederholt. Ein sehr schönes Schauspiel, denn Orchester und Pianist gönnten sich mehr Risiko, mehr Fluss, mehr Entspanntheit, wie es eben möglich ist, wenn man schon einmal gezeigt hat, dass man die Leistung erbringen kann, und nun nur noch für sich und zur Freude spielt. Eine sehr schöne Tradition, die ich sehr gerne auch einmal bei den Berliner Philharmonikern sehen würde.

Der zweite Programmblock nahm mich nicht in gleicher Weise mit. Irgendwie stehe ich dem Konzept, ein Stück für vier, fünf, acht Streicher mit einer größeren Besetzung aufzuführen skeptisch gegenüber. Es fehlt ein wenig die kommunikative Dynamik, die direkte Interaktion der Spieler miteinander, die eben Kammermusik auszeichnet. Das Stück wirkt langweiliger, weniger unmittelbar, wenn erst ein Konsens in einer Untergruppe gefunden werden muss und der dann mit einer zweiten Gruppe abgeglichen wird, und so erst das Zusammenspiel entsteht. So wirkt das Stück auch, als hätte es verblüffend wenig Substanz, als hätte Schubert zu dünn komponiert - hat er nicht, er hat nur für den Dialog komponiert.

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