Eigentlich, so möchte ich sagen, eigentlich wollte ich viel häufiger schreiben. Und da weiterhin der Satz gilt: "Zeit hat man nicht, Zeit nimmt man sich", gelobe ich Besserung, allerdings erst ab in einer Woche. Denn: [Pause] Ich fliege heute Abend nach Nürnberg und fahre von dort weiter auf die Hirsauer Tage in Oppurg. Wer nicht weiß was das ist kann auf der schmucken Webseite nachlesen womit ich in den letzten fünf Jahren viel Zeit verbracht habe und was ich als erfüllende Beschäftigung erlebt habe.
In der letzten Woche hat sich endlich mein Stundenplan geklärt. Mein Vertrauensdozent, Gabor Boros, war sehr hilfreich und sehr aufmunternd dabei. Ein interessanter Mann, schlank und zerbrechlich, weit fallende, lange graue Haare und eine Aura von Jugendlichkeit die ihn schwer einschätzbar macht. Wenn Philosophen tatsächlich danach aussehen wie ihr Fachgebiet beschaffen ist, natürlich nicht unmittelbar, sondern durch gewisse Chiffren kodifiziert, ist dies vielleicht das Bild des Forschers in der frühen Neuzeit, der an den Humanismus, die unsterbliche Seele und die Rationalität in der Welt glaubt, und sich deswegen wie ein eleganter Edelmann erhalten hat. Bei ihm werde ich eineinhalb Veranstaltungen besuchen. Am Montag werde ich seine Vorlesung besuchen, in der es ganz generell um frühe Neuzeit geht, am Donnerstag setze ich mich in das Doktorandenkolloquium in dem es um Theorien der Neuzeit geht (Mi az újkor?), die natürlich großteilig im 20. Jahrhundert entstanden sind. In der Vorlesung werde ich üben Ungarisch zu verstehen, für das Kolloquium die Texte lesen und weiterhin versuchen Ungarisch zu verstehen.
Das weitere Programm auf Ungarisch lautet: A téridö fisikajaról a tér és idö metafisikajaik. Von der Physik der Raumzeit zur Metaphysik von Raum und Zeit. Der Dozent, E. Szabó Lászlo ist Spezialist für Wissenschaftstheorie und schreibt gerade ein Buch über genau dieses Thema, daher werden auch seine Powerpointfolien in Englisch sein und ich werde das eine oder andere verstehen. Der Rest meines Programms findet an der Central European University statt, die ich am Freitag schon impertinenterweise ohne Ausweis, als interessierter Student besuchen wollte. Nicht möglich, das war schon immer so, das war noch nie so, da könnte ja jeder kommen. Also muss ich demnächst meine Dozenten bemühen mich an der Hand zu nehmen und in diesen Tempel der Wissenschaft einzuführen. Polemik beiseite, ich werde dort einen griechischen Übersetzungskurs belegen und eine Veranstaltung "The Metaphysics of Early Modern Empiricists". Klassischer Locke / Berkely / Hume. Der Grund warum ich hier besonders Frühe Neuzeit und Antike mache liegt schlicht und einfach darin, dass es im 18. / 19. Jahrhundert zuviel deutsche Philosophie gibt. Wenn ich das studieren wollte, dann doch bitte nicht auf Ungarisch oder auf Englisch. Daher weiche ich in die Randgebiete aus die noch nicht von deutscher Sprache durchsetzt sind.
Wovon ich mich mit diesem Eintrag gerade ablenke, das ist die Fertigstellung meines Artikels für die Grazer Gesellschaft für analytische Philosophie die einen kleinen Essaywettbewerb ausgeschrieben hat. Aus diversen Gründen fühlte ich mich motiviert, es einmal zu versuchen und in 3000 Worten zu erklären, warum ob wir "Vollständig determiniert aber dennoch für unsere Handlungen verantwortlich sein könnten." An sich kein Thema das mir sonderlich liegt, da ich bei solchen subversiven Hiobsbotschaften eher den Kopf schüttele, aber immerhin eine Gelegenheit zielgerichtetes Schreiben zu üben. Während meiner Englischkurse am Sprachenzentrum der HU habe ich auch die Idee des in Länge limitierten Essays liebgewonnen, das nimmt dem Schreibenden die Last, ein Thema in Vollständigkeit abzuhandeln was mir in meinen deutschen Arbeiten oft begegnet (gehört das jetzt noch dazu, muss das rein, versteht man das ohne x zu berücksichtigen, kann ich Meinung z ignorieren, ...) In jedem Fall ist der Essay zu 99% fertig, ich taste ihn nur noch auf linguistische Ecken und Kanten ab und werde ihn dann heute verschicken - also wünscht mir Glück.
Mit diesem Essay ist auch größtenteils erklärt, womit ich meine Woche verbracht habe, oft von 10-18 Uhr in der Universitätsbibliothek (länger hat sie leider nicht offen), abends mit um die Häuser ziehen oder auch im Kino. Im zweiten Beitrag heute werde ich ein bisschen über den Film "Irgendwo in Europa" sprechen und vielleicht ein paar Bilder hochladen.
Sonntag, 23. September 2007
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