Sonntag, 16. September 2007

Thärichensche Unschärferelation

In meinem letzten Post war ich am Donnerstagabend angekommen. Von hier geht es im rasanten Tempo und mit viel Begeisterung weiter, und zwar auf dem MOL Festival!

Wie es die Ironie will höre ich als zweites Konzert in Budapest eine bekannte Formation: Thärichens Tentet. Ich bin sehr gespannt auf die Gruppe, die ich zuletzt in einem Berliner Jazzkeller namens Quasimodo gehört habe, in der Gegend vom Zoo. Der Bandleader, Niki, ist mir sogar persönlich bekannt, er leitete das BJJO (Berliner Jugend Jazz Orchester) als ich 2004 mein Praktikum an der Landesmusikakademie Berlin absolvierte, in dem das BJJO auf das LJO (Luckman Jazz Orchestra) aus Los Angeles traf (viele Abkürzungen in diesem Satz). Dass er der Chefdirigent dieses Orchesters und außerdem einer der interessantesten deutschen Pianisten-Leader-Arrangeure war realisierte ich eher schleppend, zu netter Eindruck, zu kleine Statur, ein wenig der Eindruck eines Gnoms, versteckte Magie am Klavier, die erst nach und nach zum Scheinen kommt.
Die Konzerthalle ist ein Industrie-Lager-Gebäude, das direkt am Flussufer lieft, nahe eines der wenigen Grünstreifen am Wasser, dem Nehrupart (part=Ufer). Hier wandern insbesondere englische Touristen vorbei (oder die aus dem großen Bruderland) wie man unschwer hört, stets in Erwartung einer spannenden Sehenswürdigkeit mit der Geduld eines Eroberers, der schon alles gesehen und erlebt hat und daher entspannt den Rest der Welt mit seinen Blicken unterwerfen kann.

Vor dem Auftritt der bekannten 10erFormation gab es noch zwei andere Bands zu sehen. Begleitung hatte ich inzwischen in der bezaubernden Kinga gefunden, mit der ich einen sehr unterhaltsamen Abend verbrachte.

Die erste Band war das Babos Project Special. Dazu möchte ich nur sagen, dass der Sound barbarisch war (ok, draußen in einem Zelt an der Donau ist das nicht so einfach) und dass dieser Stargitarrist viel zu dominant, pathetisch und laut war. Er hatte neben sich eine dezent in schwarz gekleidete Sängerin stehen, die - glaube ich - auch ganz gut war, aber nur colla parte mit seinem Saitenorgan singen durfte und sich ansonsten brav zurückhalten durfte. Einige interessante Sachen (der Pianist war ganz ok, solange die Gitarre schwieg), aber ansonsten ein relativ gleichgültig stimmender Warmmacher.

Das änderte sich radikal beim zweiten Akt, beim Dresch-Quartett. Dresch ist der Leadsaxofonist, der begleitet wurde von drums, bass, marimba (!) und einem Gastmusiker auf Violine (95% der Zeit) und Trompete (Rest%). Was dann passierte war einfach nur phänomenal. Dresch wurde angekündigt als ungarische Volksrhythmen einarbeitend, und genau das passierte auf die bestmögliche Weise. Rasante Wechsel von Song zu Song, spektakuläre Soli, ein genau kalkulierte und mitreißender Drive - ich habe mich göttlich amüsiert. Riesiger Applaus und ein großes Plus für das Festival. Wenn ihr irgendwann was von ihm in die Hände bekommt, unbedingt anhören. Begeistert hat mich auch der gastierende Violinist, Ferenc Kovács, der sehr intelligent, sauber und virtuos die Geige erklingen ließ. Das Highlight am Ende war als schließlich Dresch zur traditionellen ungarischen Flöte glich und den Nahekollaps des Publikums herbeiführte. Und mein Gott, was man auf einer Marimba anstellen kann. Oft sehr nahe an den klanglichen Möglichkeiten eines Hammerflügels, ebenfalls sehr virtuos und eindrucksvoll dargeboten.

Als danach Thärichens Tentet langsam aber sicher in die Gänge kam war ich fast ein wenig enttäuscht, denn so brillant wie die Ungarn zuvor spielen die Musiker aus Berlin einfach nicht und ein Tentet ist dafür auch ein wenig zu statisch und unbeweglich. Aber schon nach einigen Minuten stellte sich die Beruhigung ein, dass es sich nicht um einen Absacker sondern doch um eine weitere Steigerung handelte. Ein großer Faktor dabei waren Nikis unglaublich geschmackvolle, humorvolle und exzellent ausbalancierten Arrangements. Vertont hat er dabei großteilig Gedichte von Robert David Laing, schottischer Psychiater und abgründiger Dichter, den Michael Schiefel mit seiner etwas jungenhaften hohen Stimme, linkisch abgestimmter Gestik und tiefgründigem Spaß bei der Sache überzeugend darbot. Jede Nummer führte tiefer in die Regionen, wo kontrapunktische Arrangements den Intellekt stimulieren, skurrile Bläsersätze erheitern und im nächsten Moment die hintergründige Textwende das Lachen im Hals stecken bleiben lässt. Ein großartiger Abend!

Die Skepsis gegenüber dem Folgeabend war relativ groß, da solche Leistungen erst einmal überboten werden wollten. Tagsüber besuchte ich den Einführungstag für Besucherstudenten an der ELTE, der in diesem Jahr das erste Mal stattfand und daher eine Art historische Dimension besaß. Nicht wirklich viel Neues. Das Highlight war, dass alle Studenten, die noch einen Ausweis brauchten, gebeten wurden ihn außerhalb des Saals zu beantragen und währenddessen allen denjenigen die schon einen hatten erklärt wurde wie man einen Ausweis beantragt. Spannend. Danach kurz zur Unibibliothek, dann Mittag beim chinesischen Schnellrestaurant und Magda (aus Polen, nicht aus meiner Wohnung) und Kinga davon überzeugen dass wir wirklich abends zum Jazzkonzert gehen wollten, was irgendwann dann auch Erfolg hatte.

An diesem Abend gab es weniger Highlights, aber dafür ein großes am Schluss. Zunächst spielten eine gute spanische Formation, in essentiam ein Saxofonist mit seiner langjährigen Rhythmusgruppe (Klavier / Bass / Drums), wobei der Bassist durch seinen liebevollen Umgang mit dem Instrument auffiel. Der mittlere Akt war eine großteilig ungarische Band mit britischem Gastsaxofonisten, sehr gute Musik. Das Ende bildete eine norwegische Ausnahmeerscheinung: Supersilent.

Dazu muss gesagt werden, dass schon am Vortag einige Besucher es vorzogen, anlässlich des Hauptakts um 21 Uhr schon das Gelände zu verlassen. So auch heute, aber die etwas kontrovers aufspielenden Norweger schafften es auch noch mehr zu vertreiben, während der Rest sich angenehm amüsierte. Schon das Programmheft kündigte sie als eine Gruppe ohne stilistische Einordnung, die man wegen improvisatorischer Natur der Darbietung unter Jazz einordnet, an. Das traf auch im vollen Maße zu. Den Beginn machte ein Trompetensolo, verhalten und dezent, schwebend und suchend. Dazu gesellte sich bald ein komplex-präziser Drummer, der während des gesamten Sets durchspielte und hervorragend die Wellen von elektronischer in handhabbare Blöcke gliederte. Diese Wellen stellten sich bald ein, mal meditativ (dronelike sagte das Programmheft), mal explosiv und an der Grenze zum Lärmgeräusch, aber insgesamt Musik zum sich-versenken, zum Mitgleiten und doch den Halt nicht verlieren. Hin und wieder eine gebrochene Stimme, die - wahrscheinlich - etwas zwischen Norwegisch und Nonsense drüber sang, aber ein wahres Klangerlebnis. Der einzige Wermutstropfen liegt darin, dass es sich fast nicht lohnt von ihnen eine CD zu kaufen - da ja jeder Auftritt von vorne beginnt und vollständig improvisiert ist. Wir waren trotzdem extrem euphorisiert und glücklich dass wir auch das zweite Konzert besucht hatten. Dazu trug auch das wahrscheinlich beste Essen bei, das man angesichts von schleichend-feuchter Kälte und fortschreitender Zeit haben kann: Kartoffelwedges (der deutsche Ausdruck "Spalten" ist total daneben, seit wann kann man Leerräume essen?) mit Ketchup / Senf / (Mayo). Knusprig, umami, und gut.

So long, keep on swinging.

1 Kommentar:

David hat gesagt…

Großartig, dass Du so wundervolle Musikerlebnisse hast und auch das unerlässliche Wort "umami" kennst. Ich habe im Übrigen auch mal "Kartoffelschnitzel", "-schnetzel" und "-ecken" gehört. Das ist zwar auch irgendwie dämlich, aber besser als Leerstellen zu verspeisen.