Sonntag, 16. September 2007

Raum-Zeit-Verschiebung (Mo-Do)

Wenn Schreiben so etwas wie eine Kompensation und ein Ventil ist, so hatte ich im Laufe dieser Woche relativ wenig Bedarf. Trotzdem würde ich gern ein paar der schönen Momente aus meiner Zeit hier mit euch teilen und mir selbst zur Erinnerung bewahren.

Also der Reihe nach, eine Art Rückblick auf die Woche.

Montag, 10.9.
Montag war der letzte Tag unseres Sprachkurses, was ich sehr bedauert habe. Statt regulären Unterrichts haben wir eine kleine Rally durch die Uni unternommen und dabei mehr oder weniger kreative Aufgaben zu lösen gehabt. Dass wir dabei nur von einer Caféteria in die andere geschickt wurden war zwar auffällig aber nicht sonderlich hinderlich. Durch einen wilden Zufall wurde ich bei der Teambildung mit meiner Mitbewohnerin Magda zusammengewürfelt und mit der Teamfarbe blau bildeten wir die "két kék stréber" (zwei blaue Streber, das Wort stréber bedeutet im ungarischen genau das gleiche wie im Deutschen). Die aufregendste Aufgabe war sicherlich das geschmackliche Erkennen ungarischer Spezialitäten. Repräsentativ für die Getränke waren also: Unikum (angeblich so etwas wie Jägermeister, da ich JM aber kaum kenne würde ich es eher mit Hustensaft vergleichen), vörösbor (Rotwein) und palinka (Schnaps). Damit begann die Alkoholberieselung des Tages, denn im Anschluss an die Siegerzeremonie (wir gewannen souverän) wurden noch Diplome überreicht und Sekt getrunken. Mittagessen gab es bei der Szabó család, der Szabó Familie. Das ist ein kleines vendeglö nahe der Uni mit bezahlbarem Mittagstisch. Ein vendeglö bietet, im Gegensatz zum étterem, eher traditionelles ungarisches Essen an, házikost wenn man so will. Das heißt es gibt Suppe als Vorspeise (húsleves/bableves/... , aber immer mit Fleisch) csirkepörkölt (Hühnchengulasch, außer dass gulyás hier eine Suppe ist) als Hauptgang und Nachtisch palacsinta. Der Rest des Tages verschwimmt ein wenig, wahrscheinlich nichts passiert.

Dienstag, 11.9.


Ein frustrierender Tag. Um 9 Uhr stehe ich an der Quaestura wo es angeblich (laut Dokument dass ich im Immabüro erhalten habe) um diese Zeit Studentenausweise gibt. Nur hängt hier ein Zettel, dass die Veranstaltung erst um 12 beginnt. Ich hänge irgendwo rum und lerne vielleicht ein paar Vokabeln. Um 11.45 als ich wiederkehre ist bereits eine Schlange davor. Ich ziehe eine Wartemarke auf der keine Zahl steht sondern nur dass es heute keine neuen Ausweise geben wird. Immerhin unterhalte ich mich nett mit einer polnischen Studentin die neben mir in der Schlange steht und mir auf ungarisch versucht eine Frage zum Ausweisausstellungsprozess zu stellen, was leider misslingt. Ihre Eltern haben lange in Frankfurt gelebt, deswegen klappt Deutsch ganz gut. Danach will ich ein paar Fotos machen gehen, doch nach etwa 30 Bildern ist mein Akku leer. Etwas frustriert kehre ich nach Hause zurück.

Mittwoch, 12.9.

Mittwoch machte alles richtig was Dienstag falsch gemacht hatte. Wieder stehe ich um 12 Uhr am Immatrikulationsbüro, aber immerhin treffe ich wieder angenehme Gesellschaft. Kinga (in der Esztergomgallerie mit Bild vorhanden) studiert Psychologie, kommt aus Warszawa und steht zufällig nahe dem Ende der Schlange dem ich mich gleich zugeselle. Wir treffen noch andere Erasmusschlümpfe, die eine Mentorin im Gepäck haben, die uns also erklärt, wie und wo wir unser Formular für den Studentenausweis ausfüllen müssen. Wir treffen auch meinen Lieblingspunk Gerardo Nach erstaunlich wenig Komplikationen erhalten wir ein Formular, gehen palacsinta essen und bezahlen unsere Tantiemen an der Post. Hier in Ungarn zahlt man alle Rechnungen und alles sonst an der Post, so etwas wie Überweisungen werden eher selten genutzt. Zum Glück geht das meistens recht schnell und man erhält wunderbare gelbe Belege.

Danach machte ich mich auf ans Ufer der Donau, denn da meine Akkus wieder geladen waren konnte ich ein paar weitere Bilder schießen. Eine Auswahl dieser Tour und einige Bilder aus dem Sprachkurs folgen wahrscheinlich morgen oder später heute (je nach Lust).

Im Anschluss traf ich mich mit meinem neuen Mentor mit Namen Richard, aber er wird von allen nur Bogyo (sprich: Bod-jo) genannt. Ein lustiger Typ, langes Haar, Bart, etwas füllig, raucht wie ein Schlot, trinkt kein Bier. Genau, richtig gelesen: Die perfekte Metalschiene aber kein Bier, ich war schon sehr erheitert. Gleichzeitig führte er mich in die Gemeinschaft der Frühabendzyniker vom philosophischen Institut ein, wo ich mich gleich sehr zuhause führte. Die Essenz des Aufeinandertreffens war, dass es am Institut keine internationalen Kurse gibt, und ich eigentlich nichts belegen kann, aber dass die Profs sicherlich sehr kooperativ sein würden. Also werde wahrscheinlich mein Semester großteilig mit Selbstbeschäftigung verbringen, was mir eigentlich inzwischen auch lieber ist. Das ganze findet statt im Café könyvtár, was soviel wie Bibliothek heißt, sich direkt auf dem Campus befindet und sehr einladend ist. Definitiv die Bibliothek um die Nächte durchzuarbeiten.

Donnerstag, 13.9.
Morgens traf ich mich mit oben erwähntem Mentor, der mir das Institut zeigte (im i-Gebäude, aber nicht gesponsort von Apple) und einige der Dozenten. Es handelte sich um eine Vorstellungsveranstaltung für die Drittsemestler, arme Bachelorstudenten wie man sie auch zuhauf in Deutschland findet. Die Vorstellungsrunde war scheinbar recht lustig, das Wort führten im Wechsel ein alter putziger Mann der sich angeblich viel mit Sprachphilosophie beschäftigt und ein mit großem Riechorgan römisch anmutender Mittvierziger, der sich insbesondere mit griechischer Ethik beschäftigt, ein liebliches Team. Ansonsten alles beim alten, was den philosophischen Grabenkampf angeht: Historische Philosophen im Anzug, Analytiker im T-Shirt und kleine Anspielungen von hier nach da. Im Anschluss lerne ich die Bibliothek kennen. Bei der Bibliothek handelt es sich eigentlich nur um eine einzige Dame: Ottilia, kurz "Oti" gerufen. Sie sitzt an ihrem Tisch, man kann ihr einen Zettel geben und fragen ob das Buch vorrätig ist, sie geht in den Nebenraum und besorgt es oder eben nicht. Bei den drei Büchern für die ich mich momentan interessiert hätte lautet die Antwort leider sämtlich nein. Vorher habe ich sie in einem uralten Nachschlagkatalog gesucht, der auf einem der Computer installiert ist. Ein wunderhübsches DOS Programm fast ohne Benutzeroberfläche das bei jedem Programmstart erst einmal die Datenbank einlesen muss und dafür rund fünf Minuten benötigt, ich komme mir vor wie in C64 Zeiten, mit den lustigen Kassetten die man einlegte, dann einen Tee kochen ging und dann wiederkam um das geladene Wunderland zu begutachten. Im Leseraum stehen insgesamt vier Lexika und ein sehr gemütlich aussehendes Sofa (auch noch Tische und Stühle, ok). Sehr putzig ausgestattet, aber man kann dort halbwegs arbeiten, was ich auch in Maßen tue und an meinem Essay schreibe.

Zum Abend startete ich eine Art Mailingaktion aus meiner Handyliste um Begleitung für das Konzert am Abend zu finden. Welches Konzert? Das kommt im nächsten Post, denn dieser ist schon verdammt lang geworden. So, stay tuned für die Jazzkonzerte eures Lebens und Bilder von Sprachkurs und Budapest.

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