Dieser Blogeintrag verdankt seine Existenz dem (un)angenehmen Umstand dass wir uns in unserer Wohnung zur Zeit ohne Strom aufhalten. Bis jetzt vermuten wir nichts schlimmes, aber zum Beispiel der Techniker unserer Hausverwaltung, der uns heute besuchen kommen wollte, wird große Freude daran haben unsere Klingel zu bedienen. Heute werden die nötigsten Dinge korrigiert: Die Glühbirnen, die in allen Zimmern fehlen, uns wird ein zusätzlicher Schlüssel angeliefert für das Schloss an der Haustür, das sowohl von außen als auch von innen bedient werden kann (das gilt für das zweite Schloss nicht) und zuletzt werden noch Ikea Lackregale neu justiert, die unter der Last der Jahre schon ein wenig in die Schräge gesackt sind. Nichts spektakuläres also, aber es bleibt das Faktum, dass wir keinen Strom haben und es nicht unmittelbar absehbar ist, wann sich das klärt. Von unseren Nachbarn haben wir vor einigen Tagen eine nicht eindeutig einzuordnende Mitteilung erhalten, dass im Stockwerk unter uns demnächst Bauarbeiten beginnen die mit einem Kamin zu tun haben und uns eventuell betreffen. Bis jetzt haben wir nicht allzuviel davon mitbekommen, aber vielleicht handelt es sich hier um die ersten Ausläufer einer größeren Einschränkungslawine.
Insgesamt habe ich mir vorgenommen über mehrere Dinge zu schreiben: Über die Exkursionen, die wir unternommen haben (nach Gödöllö, Eztergom und in die Höhlen von ...), über unsere Wohnung, die wir gestern in einer rapide wachsenden Feier eingeweiht haben und über das Leben hier in der ungarischen Steppe.
Für gestern Abend hatten wir eine kleine Zusammenkunft mit Gitarre, Essen und ein wenig Wein geplant. Auf der Exkursion zur Höhle, an der neben Xabier und mir die „dormitory girls” und zwei Mentoren der ELTE teilnahmen kam das Gespräch auf diesen Termin und somit waren noch vier zusätzliche Personen eingeladen. Die „dormitory girls” sind Ruta aus Litauen und Patricia aus Belgien, die ab Morgen in ihrem Vollzeitstudienort in ... sein wird und daher Budapest verlässt. Aus Solidarität wohnt Ruta weiterhin mit ihr in einem Zimmer und so sind die dormitory girls geboren. Die uns begleitenden Mentoren bestanden aus dem ungleichsten Paar das man aus der Vielzahl von Helferlein zusammenstellen kann: Der große Marton und Daniel. Marton erscheint als ein administrativer Mensch, Vizepräsident der foreign students Betreuung an der ELTE, immer mit meetings und offiziellen Angelegenheiten beschäftigt, ein wenig allergisch gegenüber Tanz und Bewegung, eher dem Bier zugeneigt, und wie ich vielleicht schon vorher schrieb etwa 2,15 m groß. Ein lustiger Typ, humorvoll und kompetent, aber ein wenig in seinem offiziellen Format eingerahmt. Daniel auf der anderen Seite, Zopf aus gelockten blonden Haaren, Piratentuch, coole Sonnenbrille, ebenfalls Mentor und institutionell tätig, aber immer der Mann für die inoffizielle Unternehmung, den freien Eintritt, den diskreten Geheimtip, das letzte Bier und den Sextalk am Nachmittag. Einer von den Typen, die viel erzählen, versprechen, vielleicht nicht alles halten aber doch dauernd in Bewegung sind und die Umgebung dabei mitnehmen. Damit waren wir also zu sechst auf dieser Exkursion, die wirklich spannend war.
Der Legende nach wurden die Höhlen entdeckt als ein Schaf durch einen der Schächte hineinfiel und die Menschen es retten wollten. Das Höhlennetzwerk wird immer noch erkundet, auf einer bunt eingefärbten Karte am Eingang wurden deutliche Erweiterungen des erschlossenen Gebiets noch 1997 verzeichnet beziehungsweise als „nach dieser Zeit” markiert. Insofern handelt es sich um einen weiter laufenden Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist. Daniel, der Geographie und Psychologie studiert erzählt dass er einmal eine Exkursion in einen der weniger gut erschlossenen Bereiche der Höhlen unternommen hat und uns einen weiteren Teil zeigen könnte, er müsste uns nur Schutzausrüstung und den Schlüssel besorgen. Marton bedient übrigens wochenends Paraglider und so haben wir die Funsportler für uns. Die Tour wird geführt von einer Höhlenexpertin, die uns auf die benannten Tiere am Wegrand hinweist, hier Krokodile, dort Schildkröten, bis hin zu Skorpionen, Mäusen und einem Damoklesfelsblock, der angeblich herunterfällt wenn jemand vor kurzer Zeit eine Lüge erzählt hat – aber scheinbar lügen die Besucher nicht, deswegen hängt der Felsblock immer noch. Von dem was ich verstehe kann ich mir erschließen dass die Höhle sehr feucht ist und über Quellen steht – oft finden sich grüne Schichten an den Wänden, die Luft ist empfindlich feucht, die Geländer schlüpfrig und oft sind hängende Tropfen sichtbar, die nach und nach zu Stalagmiten werden.
Soviel von heute, inzwischen war ein Techniker da, Strom geht wieder, es lebe die Zivilisation. Der Bericht von Eztergom muss warten, erstmal wird es ein paar Fotos geben.
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