Donnerstag, 30. August 2007

Existenzdrama

(20.8., nachts in Schönefeld)

Es macht keinen Sinn zu sagen, ich sei wieder unterwegs. Das verschleiert die Tatsachen, und nur diese zu berichten schreibe ich diese Zeilen, um der Welt von Zuständen und Prozessen zu berichten, von denen sie sich nicht selbst in Kenntnis setzen konnte, denn die Welt ist eigentlich ein sehr eingeschränkter Bereich, für jeden der Weltenden in ihr, mit einem engen Spektrum von Sensationen die tatsächlich zum Individuum durchdringen und in ihm einen Wiederhall hervorrufen. Hin und wieder gibt es einen Anstoß von Außen, der bei dieser Sache ein wenig weiter hilft, und dann gewinnen wir Welten zu unserer Weltsicht hinzu, sei es mit Berichten aus Indien, aus der U-Bahn Station um die Ecke oder geht es auch nur um den Zustand unserer Frisur oder um ein unerklärliches Ding Frischkräuterwürze, das sich zwischen unseren Zähnen verfangen hat.

Um diesen Anstoß zu liefern darf ich die Dinge nicht trivialisieren. Ich fahre nun also nach Budapest. Eigentlich fahre ich nicht, sondern ich fahre nach Berlin, zum Hauptbahnhof, ich besteige einen Zug in Richtung Schönefeld, der ab der Station Schöneweide von einem Busersatzverkehr abgelöst wird, und mich schlussendlich zum Flughafen Schönefeld bringt, wo ich den Rest der Nacht sinnend und vielleicht auch schreibend verbringen werde, mit Vorfreude und Vorangst. Einen Zwischenstop mache ich noch am Südkreuz. Ich habe ein Gepäckstück zuviel bei mir, da ich nicht lesen kann. Wenn Zusatzgepäck die zulässige Gesamtmenge an Gepäck nicht erhöht, dann tut das auch die Tasche die ich noch mit mir trage nicht. Daher habe ich zuviel Gepäck, werde aber durch die göttliche Intervention der Steglitzer Engel davor bewahrt, einen saftigen Aufpreis für die Annahme meines Gepäckstücks zu bezahlen.

Diese Reise ist dramatisch. Wenn man mich lässt dann neige ich zur Ein-Igelung, dem Zustand, wo die Tür nur zur Notzeit geöffnet wird, wo der Tag dahinschwimmt auf einer weichen Masse, viel zu träge um Wasser zu heißen. Vielleicht gleicht der Ablauf dieser Tage der Scholle in einem Lavasee, die selten hin und herschwingt, aber sich beständig wogt, ohne Änderung, obwohl darunter heiße Ströme sich ausdehnen und zusammenziehen, ein Spiel und ein Mantra formen, eine Meditation vollführen, ein Muster nach dem anderen zeitigen und die Scholle damit umso bedachter erscheinen lassen, abgesondert und dabei weltfremd. Diese Stasis, die von wühlender innerer Hitze durchzogen sein kann, aber nicht muss, ist ein Standardzustand, den ich in meinem Leben immer wieder anstrebe, obwohl anstreben noch zu aktiv formuliert ist. Es handelt sich mehr um ein Zurückpendeln eines Anstoßes, der davor die Sache verschoben hat. Bis jetzt gab es immer wieder den Anstoß, der die Veränderung bewirkt hat, aber es scheint immer die Möglichkeit zu bestehen, dass er nicht mehr kommt, und ich einfach versinke.

Vor dem Hintergrund dieser Tendenz ist die Reise ein Drama, ein Akt der Veränderung, wie er vorher nie gesehen wurde. Ein Anstoß, der weltbewegend sein könnte, der seinesgleichen in meiner bisherigen Geschichte sucht, lässt man die damals nicht wahrgenommene Tiefe des Wechsels nach Braunschweig beiseite. In Berlin habe ich fünf Jahre Leben in Kisten geräumt, in Hamburg wieder verteilt, viel davon weggeworfen und für überaltert erklärt. Und jetzt kommt der Neuanfang. Diejenigen denen ich davon erzählt habe wird klar sein, dass er in einer Reihe steht mit dem Neuanfang der en gros dieses Jahr stattgefunden hat, mit neuer Orientierung, neuen Zielen und neuem Lebensstil. Budapest, so könnte man argumentieren, stellt nur die logische Folge der Tendenz dar. Und wenn dem so wäre, seit wann sind es nicht mehr die logischen Folgen, die das größte Entsetzen hervorrufen, denn sie erscheinen so absichtlich und so unausweichlich. Also ist Budapest eine logische Folge und ein Drama. Ein Drama das gespielt sein will, und genau damit fange ich nun an.

Von dem was mich erwartete weiß ich nicht sonderlich viel. Das ist Absicht, und Teil der eigenen Inszenierung, die ich gleichzeitig mit der erfolgreichen Auslandsreise selbst betreibe. Es darf nicht einfach sein, es muss einen Stil haben, und dieser Stil ist das Abenteuer, die Unerschrockenheit, das Annehmen mit voller Brust. Wer hier übermäßiges Pathos vermutet mag richtig liegen, aber ästhetische Urteile ändern nichts daran, dass das Leben, und diejenigen die sich selbst inszenieren, an diesen Vorgehensweisen festhält. Also nochmal: Ich weiß nicht, was genau mich erwartet, aber ich habe eine Idee, eine vage Ahnung, die mir ermöglicht, mich auf das Kommende vorzubereiten, in einer losen, vagen, aber wirksamen Weise. Offenheit wird viel zu oft als eine Art Leere interpretiert, die dann nur noch ausgemalt werden muss. In echt besteht sie in "sich vieles denken können". Um bei der Malen-mit-Zahlen Metapher zu bleiben: Es muss die richtige Form da sein bevor sie kreativ ausgemalt werden kann.

Jeder Satz über die Welt wird trivial sobald man ihn ausspricht und für gut befindet. Das ist das Konzept der Binsenweisheit, und diesen Satz zu verifizieren ist eine vollkommene Unmöglichkeit und Paradoxie, denn sollte er selbst wahr sein, würde er wieder trivial klingen und so als würde er kaum über sich hinaus weisen und wohl kaum "bis drei zählen können". Gleichzeitig ist diese Kritik so armselig wie alles, was die Selbstanwendung von Lehrsätzen moniert. Wer sich nicht mit dem Inhalt auseinandersetzen will, der versucht einen Satz auf sich selbst anzuwenden. Wo ist dort der Zugewinn, das Wagnis, das Weiterdenken? Und so findet alles seinen Platz.


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