Donnerstag, 30. August 2007

Buda goes Boom

(20.8.2007, Abends im Wohnheim)


Der erste Tag in Budapest war der Hammer. Im absolut positiven, weggeblasenen, in den Erwartungen weiter übertroffen und umgeworfenen Sinne. Der Reihe nach: Ich schlich mich also nach Schönefeld – letzter Bus, letzter Stop und eine Sammlung von bereits erfahrenen Nachdurchschläfern, die neben mir ihre Luftmatratzen aufpumpen und sich gesittet zur Ruhe legen. Der gesamte Easyjetbereich ist ein einziges Schlaflager, in dem sich jeder auf eine seite dreht, seinen Kopf vor dem grellen Licht versenkt und versucht ein paar Momente in die Arme des seligen Schlummers zu versinken. Nachdem ich ein wenig gearbeitet habe, ein Bild geschrieben und für gut befunden, reihe ich mich ein in diese Armee der trotzdem Schlafenden die sich hier formiert. Eng umschlungen ziehe ich meine Rucksäcke an mich, in einem Anflug von letzter Paranoia bevor ich sie auf dem Spielfeld Ungarn riskiere. Um etwa 4.20 weht dann Aufbruchsstimmung durch den Raum, obwohl äußerlich nicht viel passiert ist wissen doch alle dass es losgeht und dadurch entsteht eine tagesähnliche Stimmung, motivierter und aufgeweckter. Checkin und Gepäckkontrolle sind reibungslos, einmal packe ich meinen unsauber gestapelten Handrucksack aus und sortiere ihn neu während ich Baguette und Kaffee konsumiere. Dann irgendwann der Abflug, dazwischen immer wieder Lücken von Minutenschlaf und vages Erwachen, Tasten nach den Sachen und dem Besitz.

Dann Abflug, kurzes Nicken, Phaidon lesen, in Budapest ankommen. Eine Stunde und zwanzig Minuten sind keine Zeit im Vergleich zum Vorlauf. Dort die Verkehrverbindung ausprobieren und feststellen dass der Bus Nummer Acht mich in die Irre führt, zurücklaufen, Bus 4o nehmen, am dormitory ankommen. Ab dort beginnt die Geschichte.

Der Pförtner beherrscht keine Sprache außer Ungarisch und lebt auch noch ganz andere herrschaftliche Tendenzen aus. Er verlangt "on the spot" die 16800 HUF die ich ihm angeblich schulde, unschuldig blickend hat sich die Mehrwertsteuer von 20% auf den Preis der Übernachtung aufgeschlagen. Ich habe das Geld nicht dabei, versuche mit ihm zu kommunizieren, scheitere daran. Eine weitere Akteurin, die gerade im Internet das StudiVZ bevölkert wird als Übersetzerin herbeigerufen. Magdalena. Ebenfalls Deutsch, wie sich für mich schnell herausstellt, und schickt mich zu einem Geldautomaten um die Ecke, so dass ich bald darauf meine Schulden begleichen kann. Wichtiger ist, dass ich danach mein Zimmer beziehe, feststelle, dass noch kein Mitbewohner anwesend ist und daraufhin wieder die Rezeption aufsuche. Ich will mich in die Stadt begeben, bedanke mich aber noch einmal bei meiner Übersetzerin. Sie erzählt dass sie Archäologin ist, an einer Ausgrabung teilgenommen hat und nun seit gestern in der Stadt ist. Sie trifft sich nachher mit einer Freundin, die sowohl Deutsch als auch Ungarisch spricht und sie ein wenig durch die Stadt führen wird. Ob ich mitkommen wolle. Klar will ich, und wir verabreden uns für nachher um 15.30 am Knotenpunkt der Innenstadt, dem Deák Platz. Ich breche derweilen schon einmal auf zur Stadterkundung.

(Aus dem Notizbuch):

Was die Straßen uns sagen

Schenkt man den Straßen Glauben, so interessieren sich die Budapester, oder vielmehr diejenigen, die die Budapester finanzieren für folgendes: Antiquitäten, Banken und ungarische Essspezialitäten mit kakanischem Einschlag. Das ist, was die Innenstadt am heutigen Tage hergibt. Die Hitze und die Müdigkeit machen mir zu schaffen, eigentlich will ich mich nur irgendwo schlafen legen, aber auch hier beim ungarischen Nationalmuseum sind Tauben und Leute und Autolärm. So sumpfe ich, als wäre ich hundert Jahre alt, zu keinem Schritt fähig. Inzwischen habe ich auch herausgefunden, dass heute ungarischer Nationalfeiertag ist, Peter hat im Jahr 1000 den ungarischen Staat gegründet. Das erklärt, warum die Leute so entspannt, die Lokalitäten so geschlossen und die flaggenschwenkenden Einwohner so zahlreich sind. Ohne Essen komme ich heute nicht weit, daher lasse ich mich in einem zwielichtigen Restaurant nieder und bestellte drei Gänge.

(Ende Notizen)

Diese Notrettungsmaßnahme bewirkte doch einigen Erfolg, ich machte mich motivierter und agiler auf die Jagd. Schon zuvor war mir ein Dröhnen in den Straßenschluchten aufgefallen, das nur von tief fliegenden Flugzeugen entsteht, und wunderte mich ob hier ein Kriegsausbruch nachgestellt wird, in mir waberte das Bild aus dem Animé mit dem wandernden Schloss, in dem ein entfernt kakanischer Staat den anderen auf Dauer bekriegt und jeweils große Flotten von Luftschiffen einsetzt. Am Wasser sehe ich dann schließlich den Grund, Kunstflieger, die eine Show durch Pirouetten, Loopings und das Durchtauchen unter einer der Brücken zeigen. Zwischendurch schlägt ein Hubschrauber einige Kapriolen und fünf Flieger machen sich auf, um eine gemeinsame Formation zu bilden. Ich trinke noch Kaffee und blättere in den Attraktionen Budapests.

Um 15.30 treffen wir uns also wirklich am besagten Platz, und die Synergie aus Magdalena, Christina und Jacob schlägt gut an. Wie es bei solchen Aufeinandertreffen üblich ist sind wir alle Geisteswissenschaftler, Magister, und damit im gleichen Boot, aber darüber hinaus haben wir auch viel Spaß beim unserem Bummel durch die Stadt. Wir flanieren den Fluss entlang und beobachten die Menge, Christina frönt ihrem Fliegerfetisch und verdreht sich den Hals, schlussendlich setzten wir uns außen vor ein Café, wo ich meine Kaffeereihe fortsetze. Der angekündigte Sturm trifft Budapest, wir flüchten uns nach innen, leeren zwei weitere Bier und tauchen in die Tiefen der menschlichen Kommunikation, bis hin zu der Freigabe von Star Wars Zitaten und der Einbeziehung Terry Pratchetts in die Gesprächsgrundlage. Den glorreichen Abschluss bildet das Feuerwerk, das zum Nationalfeiertag über dem Fluss veranstaltet wird, und was für einen Abschluss. Wir wandern noch zögernd mit unserem late-night-Döner dahin und platzieren uns auf der mittleren Brücke. Die Beleuchtung geht aus, die Menge erstaunt. Nun beginnen Kaskaden um Kaskaden, die meisten in den Nationalfarben gehalten, den Himmel über uns zu erfüllen. Auf unsere Brücke antwortet die Bastion der Zitadelle mit gleichem Geschütz, am rechten Blickfeldrand meldet sich die zweite Brücke zu Wort. Die Abfolge ist artistisch, musikalisch, dramaturgisch perfekt aufgebaut, mehrere Male wird das Publikum in Unsicherheit gelassen ob es nun doch weitergeht – und jedesmal folgt eine Steigerung und Verstärkung des vorher schon eingängigen Eindrucks bis zum letztendlichen Nacherhellenden Donnerschauer, der die Grenze zur Reizüberflutung souverän anstößt und uns mit unseren Eindrücken in die Nacht schickt. So beeindruckt war ich seit Ewigkeiten nicht von einem Feuerwerk, vielleicht nie, die Ungarn haben ihren Feiertag angemessen begangen und wir drei haben einen sehr erfolgreichen Abend verbracht.

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